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Cornelia Gurlitt „o.T. (zwei Frauen)“ (braune Tinte und Aquarell auf Papier, ohne Jahresangabe, Kunstmuseum Bern)

Berlin - An der Person des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt (1895-1956) scheiden sich die Geister. Die einen sehen in ihm vor allem einen gewissenlosen Profiteur nationalsozialistischer Kunstpolitik, die anderen einen leidenschaftlichen Förderer der frühen Moderne in Deutschland, der sich selbst wenig habe zuschulden kommen lassen, oder, dessen Verfehlungen und Verdienste doch zumindest differenziert zu betrachten seien, und, was der eigentliche Skandal sei, dessen Sohn Cornelius Gurlitt (1932-2014) Opfer einer bösartigen Pressekampagne wurde. Für die Bundeskunsthalle im Berliner Gropius Bau wurden in den letzten Jahren die Bestände der Gurlittschen Sammlung gesichtet und nun eine Auswahl der dem Publikum seit Ewigkeiten nicht zugänglichen Werke ausgestellt.

Nach deren Entdeckung war im Februar 2012 die Beschlagnahmung erfolgt, und Cornelius Gurlitt sah sich am Pranger. Die folgenden öffentlichen Debatten waren vor allem von zwei Vermischungen bzw. Verwechslungen geprägt. Zum einen der von „legal“ und „legitim“, denn die Beschlagnahmung und Veräußerung als „entartet“ eingestufter Kunst war zweifelsohne eine schwere Sünde wider die Kultur, allerdings ist der Verkauf von Staatseigentum durch den Staat durchaus erlaubt, wenn nicht anders festgelegt, auch ohne Zustimmung der Vorbesitzer. Das andere war das Vermengen dieser Aktionen gegen unerwünschte Kunst im öffentlichen Besitz mit der Enteignung jüdischen Privatbesitzes.

Cornelius Gurlitt selbst hatte die Sammlung testamentarisch dem Kunstmuseum Bern überlassen, welches nun mit der Bundeskunsthalle zusammen diese Ausstellung organisierte. Hier geht es zu weiten Teilen um die Frage der Provenienz, um das Leben Gurlitts, die NS-Kunstpolitik, die Rolle des Sammlers und Händlers und die Frage, inwieweit dieser sich tatsächlich belastet habe. Der Verfasser bezichtigt sich hierbei indes selbst der Ignoranz und gibt zu, daß die gezeigten Arbeiten, zum Teil unglaubliche Schätze, ihn letztlich mehr interessieren, als der Rahmen, in welchem diese ausgestellt werden, auch wenn das Konzept eine solche Betrachtung unumgänglich macht.

Ungefähr 200 Arbeiten sind es, die im zweiten Obergeschoß des Gropius Baus zu besichtigen sind. Im Eingangsbereich sieht der Besucher sich zunächst mit einer Wand mit Auszügen aus Presseberichten konfrontiert, eine Chronologie der Ereignisse hilft bei der Einordnung. Ein paar Bilder gibt es auch bereits, und zwar von Gustave Courbet, Thomas Coutane, Otto Dix und Ferdinand Waldmüller. Über die ganze Ausstellung verteilt finden sich Biographien zumeist jüdischer Kunstsammler, welche ihren Besitz aufgrund staatlicher Repression veräußern mußten.

Der erste Raum ist dem frühen Expressionismus gewidmet und dessen Unterstützung durch Gurlitt, eines Mannes, der sich bereits als 11jähriger Junge bei einer Ausstellung der „Brücke“ in Dresden in diesen neuen Stil verliebte und diesen später nach Kräften förderte. Vor allem Erich Heckel, Max Pechstein, Ernst Ludwig Kirchner, Karl Schmidt-Rottluff sind vertreten, und allein für diese Arbeiten lohnt sich der Besuch. Eine Wand ist der Malerin Cornelia Gurlitt, der älteren Schwester Hildebrands, gewidmet, welche 1919 durch Suizid endete und von Paul Fechter als „vielleicht genialste Begabung der jüngeren expressionistischen Generation“ bezeichnet wurde.

Im zweiten Raum wird die NS-interne Debatte um die „nordische Kunst“ Barlachs, Noldes und Munchs, die jeweils mit einigen Arbeiten vertreten sind, thematisiert. Bekanntlich stand Goebbels dieser Richtung zunächst wohlwollend gegenüber, konnte sich jedoch der dogmatischen Fraktion um Rosenberg gegenüber nicht durchsetzen. Von Munch und Barlach gibt es dazu herrliche Grafiken, Nolde ist auch mit zwei Landschaftsgemälden („Überschwemmung“ und „Weite Landschaft mit Wolken“) dabei. Unbedingt sehenswert! Ein kleinerer „Raum im Raum“ zeigt eine Reihe von Werken alter Meister aus dem Besitz Gurlitts, darunter Jan Brueghel d.J., Hans Holbein d.J., Lucas Cranach d.Ä. sowie Dürer mit mehreren Holzschnitten.

Weiter geht es mit einem Raum, welcher sich mit der offiziellen Kampagne gegen die sogenannte „entartete Kunst“ und der damit verbundenen Wanderausstellung beschäftigt. Otto Dix, Käthe Kollwitz, Rudolf Schlichter und George Grosz fielen dem Verdikt zum Opfer und sind nun Teil der Ausstellung, doch auch Impressionisten wie Lovis Corinth und Max Liebermann traf der Bannstrahl. Von Corinth gibt es mehrere Druckgrafiken, von Liebermann Pastelle und Zeichnungen. Als Beleg für die damals verfemte Kunst wird auch Franz Marcs epochales „Tierschicksale“ gezeigt – allerdings nur als Schwarz-Weiß-Fotografie in Originalgröße, denn das Original gehört, 1939 durch Gurlitt vermittelt (man könnte ja auch sagen: gerettet), dem Kunstmuseum Basel und darf nicht verliehen werden.

„Lukrative Geschäfte“ nennt sich der nächste Raum, es geht u.a. um den Verkauf von Werken, die zuvor jüdischen Sammlern gehört hatten, doch auch um die Frage, inwieweit sich das Angebot Gurlitts, der sich noch mehrere Jahre nach seinem erzwungenen Rücktritt als Direktor des Hamburger Kunstvereins für den Expressionismus einsetzte, in seinem Angebot letztlich den Vorlieben der neuen Machthaber anpaßte. Die Vorliebe dieser für alte Meister wird erwähnt, und so findet sich je ein Gemälde Bernhard Strigels und aus der Werkstatt Lukas Cranachs d.Ä. Auch meisterliche Zeichnungen Menzels sind zu sehen. Überraschend ist ein stimmiges Landschaftsgemälde des Malers Louis Gurlitt (1812-97) – die künstlerischen Neigungen hatten in der Familie Gurlitt also eine weit ältere Tradition.

Raum 5 ist „Sonderauftrag Linz“ betitelt; hier geht es um den staatlich beauftragten Kunstaufkauf für ein geplantes „Führermuseum“. Gurlitt war hierbei auf Kunstmärkten in Belgien, Frankreich und den Niederlanden unterwegs. Der (nicht konkret belegte) Vorwurf besteht darin, möglicherweise geraubte oder unter Druck der Besatzer verkaufte Kunst erworben zu haben. Nicht dem Besitz Gurlitts entstammende Leihgaben dienen wiederum vor allem der Darstellung des Geschmacks der NS-Herrscher, darunter Hans Makarts „Die Falknerin“ aus der Münchener Pinakothek sowie ein Rubens aus der Gemäldegalerie.

Darauf wird der „Handelsplatz Paris“ betrachtet, auf welchem Gurlitt ebenfalls tätig war; gezeigt werden Werke von der realistischen Pleinairmalerei von Barbizon über den Impressionismus bis zum Pointillismus; Camille Corot, Théodore Rousseau, Edgar Degas, Édouard Manet, Pierre-Auguste Renoir, Paul Signac, Georges Seurat u.a. sowie Plastiken von Rodin sind dabei. Zu betrachten ist auch eine „Waterloo Bridge“ Monets, welches nach einer Notiz Gurlitts aus Familienbesitz stammt, was jedoch mit einem Fragezeichen versehen wird. Auch den sehr populären japanischen Farbholzschnitten und ihrem Einfluß auf die europäische Kunst (u.a. auf Toulouse-Lautrec) wird Raum gegeben.

Den Abschluß bildet ein großer Saal „Neuanfang mit Altlasten“. Nachdem Hildebrand Gurlitt 1945 in Dresden ausgebombt worden war, floh er nach Franken, mit Familie und seinen Kunstschätzen. Davon sind auch hier noch einmal viele zu sehen, ein Großteil ungeordnet an einer riesigen Gitterwand angebracht – eine so bedeutender Kunst einfach unwürdige Präsentation, was auch immer die Absichten dabei sein mögen. Dem Betrachter freundlicher präsentieren sich schließlich Arbeiten u.a. von Kandinsky, Marc und Macke, kurz vor dem Ausgang begegnet er somit noch einmal Meistern der frühen Moderne. Insgesamt eine wichtige Ausstellung, ob mit oder ohne den geschichtspolitischen Kontext.

Die handfesten Beweise gegen Hildebrand Gurlitt sind letztlich spärlich. Die Begleittexte zur Ausstellung selbst lassen dies durchaus erkennen „Herkunft bisher nicht abschließend geklärt“ oder „teilweise unter dem Verdacht, NS-verfolgungsbedingt entzogen worden zu sein und möglicherweise Raubkunst“. Es bleibt also beim Verdacht, und ein Verdacht rechtfertigt in einem Rechtsstaat keine Verurteilung. Die Anklage wird jedoch aufrechterhalten. Nachweislich kompromittiert hat er sich allem Anschein nach hauptsächlich dadurch, Werke aus dem Besitz von Personen, die diesen aus Furcht vor Verfolgung verkaufen müßten, deutlich unter dem üblichen Preis erworben, also Notlagen geschäftlich ausgenutzt zu haben.

Und der Sohn? Der Vorwurf läßt sich zusammenfassen: Sohn eines mutmaßlichen Hehlers zu sein und dessen Besitz geerbt zu haben. Ein älterer Besucher zu seiner Frau: „Im Grunde haben die den alten Mann umgebracht. Kein einziger Fall ist erwiesenermaßen Raubkunst. Eine Schande.“ So kann man das sehen. Die Verfehlungen des lange (1956) verstorbenen Kunsthändlers liegen übrigens in fernerer Vergangenheit, die Kampagne gegen dessen Erben erst wenige Jahre zurück. Ewig aber bleibt die zum Teil wunderbare Kunst, die nun für einige Zeit im Gropius Bau zugänglich ist.

Die „Bestandsaufnahme Gurlitt“ wird noch bis zum 7. Januar 2019 in Berlin zu sehen sein, der Gropius Bau ist montags sowie von Mittwoch bis Sonntag von 10-19 Uhr geöffnet, an den Feiertagen ist er ebenfalls geöffnet, der 24.12.und 31.12. sind Schließtage. Der Eintritt kostet regulär 10,-, ermäßigt 6,50 €. Anschrift ist die Niederkirchnerstraße 7 in 10963 Berlin, unweit des Potsdamer Platzes.

 

Verweise:

https://www.museumsportal-berlin.de/de/ausstellungen/bestandsaufnahme-gurlitt/
https://www.berlin.de/museum/3108837-2926344-martingropiusbau.html

Schätze aus der Sammlung des Kunsthändlers Gurlitt im Gropius Bau https://art-depesche.de/images/D3495E21-21BB-4F0F-8300-1BF90971C171.jpeg Ruedi Strese