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George Grosz „Brillantenschieber (Tatlinischer Planriß: Brillantenschieber im Café Kaiserhof) (1920, Aquarell und Collage, Sammlung Karsch/Nierendorf, © Estate of George Grosz, Princeton, N.J./VG Bild-Kunst, Bonn 2018)

Berlin – Neben Otto Dix und Käthe Kollwitz dürfte George Grosz einer der ersten Namen sein, welche einem in den Sinn kommen, wenn es um politische Kunst der Weimarer Republik geht. Stilistisch wird der bekannteste Teil seines Werkes meist dem Verismus, einer betont satirisch-politischen Strömung innerhalb der Neuen Sachlichkeit zugerechnet. Das Charlottenburger Bröhan-Museum befaßt sich sich in einer aktuellen Sonderausstellung mit Grosz’ Leben und Werk, wobei auch weniger bekannte Facetten gezeigt werden.

Der Aufbau ist chronologisch, und so beginnt es mit den frühen Jahren des 1893 als Georg Ehrenfried Groß in Berlin Geborenen. Von 1909-11 studierte er in Dresden, von 1912-17 mit Unterbrechungen in Berlin. Die frühesten Arbeiten, etwa das liebliche „Das Schloß“ oder „Das verzauberte Schloß“ (beide Mischtechnik, 1908), waren noch weitgehend dem Jugendstil und Symbolismus zuzurechnen. Wie für diese Richtung typisch, waren mystische Themen en vogue; mehrfach wurden Einflüsse E.A. Poes verarbeitet („Der Untergang des Hauses Usher“, 1914). Doch auch politische Themen fanden sich bereits vor Beginn des Ersten Weltkrieges.

Im kommenden Weltkrieg fand er sich auf der Seite der Gegner seines Landes; seine Gegnerschaft ging soweit, daß er, wie sein Freund Helmut Herzfeld (John Heartfield) seinen Namen anglisieren ließ; für die gleichzeitige Bewunderung für die extreme sozialistische Bewegung und die kapitalistischen Großmächte England und Amerika (im Vergleich zu denen das damalige Deutschland doch beinahe ein Arbeiterparadies war) wird er sicher eine gute Begründung gefunden haben.

Jedenfalls hatte er deutsches Bürgertum und deutsches Militär von da an als Gegner ausgemacht, und attackierte diese auch nach Kriegsende in heftigen Satire-Mappen, die vor allem in Heartfields Malik-Verlag erschienen; von diesen sind einige, darunter „Gott mit uns“ ausgestellt. Auch seine Lithographien zu Schillers Räubern sind zu sehen. Mitglied war er nicht nur in der sehr vielseitigen Novembergruppe, sondern auch in der „Roten Gruppe“, und, so wie auch Otto Dix und Käthe Kollwitz, entwarf er Propagandaplakate für die „Internationale Arbeiterhilfe“ - es ist leider schwierig, explizit politische Kunst unpolitisch zu betrachten. Zumindest trat er jedoch aufgrund der Eindrücke einer Rußlandreise 1922 aus der KPD aus, blieb dieser jedoch verbunden.

Ein Raum befaßt sich mit Arbeiten, die im Zusammenhang von Grosz’ Anstellung als Vertragskünstler der bekannten Galerie Alfred Flechtheims von 1923-31 entstanden; hiermachte er dem bürgerlichen Geschmack Zugeständnisse und bewies, daß er Genres wie Landschaften und Stilleben bei Bedarf durchaus beherrschte. Ebenfalls thematisiert werden seine Schöpfungen als Kostüm- und Bühnenbildner u.a. für Inszenierungen von Stücken Carl Sternheims und Paul Zechs.

Als „Angeklagter im Gotteslästerungsprozeß“ wegen Zeichnungen zu Erwin Piscators Theaterfassung des Schelmenromans „Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“ von Jaroslav Hasek erwies er sich erneut als enfant terrible der seinerzeitigen Kunstszene, konnte jedoch 1931 nach einem dreijährigen Prozeß einen bedingten Freispruch erreichen (Platten und Drucke waren zu vernichten). Hierzu werden interessante Bilder sowie eine Videodokumentation gezeigt.

Im Folgenden geht es um die durch Fotografien dokumentierte Überfahrt Grosz’ in die USA 1932 und seinen dortigen Aufenthalt, insbesondere seine Rezeption des New Yorker Stadtlebens. Kommerziell hatte er dort wegen des Aufstiegs der Abstraktion Schwierigkeiten und mußte sich so sein Brot mit Kunstunterricht verdienen. Gezeigt werden aus jener Zeit neben weiteren Karikaturen auch einige sehr kraftvolle Ölgemälde mit meist politischem Hintergrund, so „Polarity / Apocalyptic Landscape“ (1936) oder „So smells defeat“ (1937).

Einer eher unbekannten Seite widmet sich ein kleiner Raum mit überraschend leichten Landschaften aus den 1930er und 40er Jahren; der letzte große Raum widmet sich im Kontrast hingegen den apokalyptischen Landschaften, welche unter dem Eindruck von Spanischem Bürgerkrieg, Zweitem Weltkrieg und dem anschließend drohenden Atomkrieg entstanden. Das irrsinnig-morbide „The Grey Man Dances“ von 1949 nimmt stilistisch die Arbeiten des vor allem durch seine endzeitlichen Thrash Metal-Albencover bekannt gewordenen New Yorkers Ed Repka vorweg. Den Abschluß bilden mehrere Collagen, welche wahlweise als Dada-Rückbesinnung oder Proto-Pop Art aufgefaßt werden können, entstanden nur wenige Jahre vor seinem Tod 1959.

Durchaus eine interessante Ausstellung, vor allem hinsichtlich der Vielseitigkeit der gezeigten Arbeiten. Ob das implizierte Ansinnen nach einem eigenen Grosz-Museum in Berlin gerechtfertigt ist, sei dahingestellt. Zweifelsohne entspricht seine Sicht der Welt in mancher Hinsicht dem gegenwärtigen Zeitgeist. Aus kunsthistorischer Sicht wäre jedoch eventuell die Forderung nach einem eigenen Museum etwa für die Berliner Secession oder die Novembergruppe (in welcher Grosz auch Mitglied war und wo es ja dann auch vielleicht einen Grosz-Raum geben könnte) möglicherweise interessanter. Vorerst indes ist „George Grosz in Berlin“, und zwar noch bis zum 6.1.2019, im Bröhan-Museum. Dieses befindet sich in der Schloßstr. 1A in 14059 Berlin und ist von Dienstag bis Sonntag jeweils von 10-18 Uhr geöffnet (der 24.12. und der 31.12. sind Schließtage). Der Eintritt kostet 8,-, ermäßigt 5,- Euro.

 

Verweise:

http://www.broehan-museum.de/aktuelles/george-grosz-in-berlin/

Sonderausstellung zu George Grosz im Berliner Bröhan-Museum https://art-depesche.de/images/52807908-5911-4DF8-B71E-654B648201DF.jpg Ruedi Strese