static-aside-menu-toggler
gkSearch
Hans Siebert von Heister „Der Gipfel“ (Öl auf Leinwand, 1922)

Berlin – Am Ende des Jahres 1918, in der Zeit der Novemberrevolution, gründete sich in Berlin als „Vereinigung der radikalen bildenden Künstler“ die Novembergruppe, welche das Ziel hatte, die Kunst zu revolutionieren, sie stilistisch zu modernisieren und von einer Angelegenheit der gebildeten Schichten zu einer Sache des Volkes zu machen. Dabei war sie für die verschiedenen avantgardistischen Strömungen ihrer Zeit offen; Futurismus, Kubismus, Expressionismus, Dada, Abstraktion und Neue Sachlichkeit waren vertreten. Die Berlinische Galerie bietet anläßlich des 100jährigen Jubiläums der Gründung noch bis zum 11.3.2019 eine Ausstellung „Freiheit. Die Kunst der Novembergruppe 1918-1935“, welche einen spannenden und abwechslungsreichen Einblick bietet.

Die Klammer der Schau bilden die Gründung der Gruppe in den Revolutionswirren und ihre unter der NS-Herrschaft erzwungene Auflösung durch Streichung aus dem Vereinsregister 1935, welcher allerdings bereits ein immenser Bedeutungsverlust vorangegangen war; dazwischen werden verschiedene Aspekte beleuchtet.

Wahrhaft einen künstlerischen Aufbruch nachfühlen lassen manche der unter „Befreiungsenergien der neuen Kunst“ vorgestellten Arbeiten, die leuchtende expressive „Geburt“ Karl Völkers, das kubistische „Turm“ Max Dungerts oder die begeisternde, stark abstrahierte Arbeit „Der Gipfel“ von Hans Siebert von Heister. Überhaupt gibt es, neben einigen großen Namen, viel wenig Bekanntes, was darauf schließen läßt, daß hier noch Manches von Rang zu entdecken ist.

Darüber, inwieweit das Ansinnen der Revolution in der Kunst mit einer politisch revolutionären Gesinnung einhergehen sollte, herrschte intern keine Einigkeit. Der größere Teil der Künstler wollte sich auf die Revolution in der Kunst beschränken, was zum Bruch mit einigen der extremistischen Vertreter des Dada führte; diese Strömung ist u.a. mit Hannah Höch, Kurt Schwitters, Curt Ehrhardt und Walter Kampmann vertreten.

Thematisiert werden auch ausländische Kontakte und Einflüsse, etwa Piet Mondrians Gruppe De Stijl, oder der russische Kubofuturist Iwan Puni. Aus dem Bereich der Neuen Sachlichkeit können Arbeiten von Peter Foerster und Karl Völkers „Beton“ überzeugen (letzteres erinnert etwas an die Industrielandschaften des Amerikaners Charles Sheeler).

Der Rolle des avantgardistischen Films widmet sich gleichfalls ein kleiner Raum, das Auge darf sich hier in Versuche von Fernand Léger, Hans Richter, Viking Eggeling und Ludwig Hirschfeld-Mack begeben. Danach wird die Bedeutung der Architekten in der Novembergruppe thematisiert. 1924-26 war Ludwig Mies van der Rohe ihr Vorsitzender; er versuchte, die Position der Architekten zu stärken, allerdings kam es 1927 zum massenhaften Austritt – das Bauhaus und „Der Ring“ wurden die neuen Auffangbecken. Neben Konstruktionszeichnungen, Fotografien und Modellen von Mies van der Rohe, Walter Gropius, Max Taut u.a. gibt es mit „Architektur“ eine äußerst hübsche Arbeit Paul Klees.

Unter „Späte Revolution“ geht es um die Ausstellung zum zehnjährigen Bestehen 1928. Einerseits hatte die Novembergruppe damals bereits ihre Führungsrolle verloren, andererseits hatte eine zunehmende Politisierung stattgefunden, welche im Nachhinein die revolutionären Tendenzen von 1918 stärker hervorkehren ließ. George Grosz, Conrad Felixmüller, Otto Nagel, Bernhard Klein geben sich hier ein Stelldichein; von Hannah Höch findet sich ein für diese Künstlerin sehr ungewöhnliches, meisterliches Gemälde „Kubus“ von 1926. Das Ende der Schau wird, wie erwähnt, vom Ende der Gruppe eingenommen. Es finden sich Arbeiten aus den letzten, wenig erfolgreichen Ausstellungen Anfang der 30er Jahre und Näheres zur Auflösung.

Neben der Malerei ist, auf die Räume verteilt, auch die Bildhauerei umfassend vertreten, darunter Oswald Herzog, Emy Roeder (mit der wunderbaren expressionistischen Bronze „Stute und Fohlen“) und Rudolf Belling; dessen Schlüsselwerk, die Birkenholzskulptur „Dreiklang“ ist eine Leihgabe der Nationalgalerie; die drei tanzenden Figuren stehen für das Zusammenspiel von Malerei, Bildhauerei und Architektur. Aus diesen drei Elementen (zuzüglich dem Film) bildet sich auch das Programm dieser alles in allem sehr lohnenden und vielseitigen Schau.

Die Berlinische Galerie befindet sich in der Alten Jakobstraße 124-128 in 10969 Berlin; sie ist am Montag sowie von Mittwoch bis Sonntag jeweils von 10-18 Uhr geöffnet, der Dienstag ist Schließtag. Der Eintritt einschließlich der aktuellen Sonderausstellung kostet regulär 10,-, ermäßigt 7,- Euro. Lohnend ist auch die Dauerausstellung, welche den Weg der Berliner Kunst von 1880-1980 nachzeichnet.

Hingewiesen sei schließlich in diesem Zusammenhang noch einmal auf die hier bereits vorgestellte herausragende Ausstellung zum gleichen Thema, welche noch bis zum 9. Februar 2019 in der Salongalerie „Die Möwe“ in der Auguststraße zu sehen sein wird.

 

Verweise:

https://www.berlinischegalerie.de/ausstellungen-berlin/aktuell/novembergruppe/
https://art-depesche.de/malerei/455-100-jahre-novembergruppe–ausstellung-in-der-salongalerie-„die-möwe“.html
https://www.salongalerie-die-moewe.de/aktuell.html

Die Kunst der Novembergruppe – Ausstellung in der Berlinischen Galerie https://art-depesche.de/images/4C8A6F33-26D9-4E60-9070-43EFE83CF44B.jpeg Ruedi Strese