Die Sphinx von den Sternen – Max Ernst in der Sammlung Scharff-Gerstenberg

„Max Ernst, Zeichendieb“ (Ausstellungsansicht)

Berlin – Bis zum 28. April 2019 ist die Sammlung Scharff-Gerstenberg in Berlin-Charlottenburg Schauplatz einer Sonderausstellung zu Max Ernst (1891-1976). Als Aufhänger wird das noch eine Weile als Gast dort befindliche ägyptische Kalabscha-Tor genommen, um die (sinnbildlich) daran aufgehängten Werke des bedeutenden Surrealisten irgendwie ägyptisch beeinflußt wirken zu lassen. Das Ergebnis überzeugt… nicht.

Als Ort der „Max Ernst, Zeichendieb“ betitelten Schau dient der ehemalige Marstall, der durch tiefblaue Zwischenwände zum Darbieten der Objekte passend eingerichtet wurde. Der Hauptgang führt zu der gewaltigen Skulptur „Steinbock“ (1948/64), hinter welcher das Ölbild „Die Erwählte des Bösen“ (1928) platziert wurde – durchaus effektiv.

In diesem Gang sind zwei der wohl wesentlichsten Leihgaben zu sehen, beide aus dem Max Ernst Museum des LVR in Brühl: zum einen das Ölgemälde „Die Welt der Naiven“ (1965) und das aus dem Jahr zuvor stammende Lichtdruck-Mappenwerk „Maximiliana oder Die widerrechtliche Ausübung der Astronomie“, welches den Großteil der Wände einnimmt. In beiden findet sich die ausgiebig thematisierte „Geheimschrift“ Ernsts, welcher eine Ähnlichkeit mit Hieroglyphen zugesprochen wird. Der Schriftcharakter scheint dem Verfasser dieser Zeilen allerdings mehr als fraglich, viel eher dürfte es sich um rein dekorative Elemente handeln. Ebenfalls eine Leihgabe des Max Ernst Museums ist das herausragende, reichlich gruselige Gemälde „Schild für eine Piratenschule“ (1965).

Abseits des Hauptganges ist die Schau in mehrere kleine Kabinette aufgeteilt, wobei der Großteil der gezeigten Werke aus der hauseigenen Dauerausstellung stammt. Geordnet wird locker mal nach Thema, mal nach Entstehungsphase, mal nach Technik (oder irgendwas dazwischen). Direkt behauptet wird dabei eine Beeinflussung durch ägyptische Motive nicht, dafür allerdings durch die mit dürftiger Begründung eingestreuten Artefakte, für welche eigens das „Ägyptische Museum und Papyrussammlung“ geplündert wurde, massiv suggeriert. Was anfangs interessant und dann zunehmend albern, unnötig und manipulativ wirkt.

Natürlich möchten wir in dieser Hinsicht nicht nur meckern, sondern auch Deutungsalternativen anbieten: Ernst lebte im US-Bundesstaat Arizona, dort lebt immer noch das indigene Volk der Hopi, und nicht weit davon, im Grenzland von New Mexico, sind die Zuni ansässig. Diese sind Meister der Weberei, Töpferei und Schnitzkunst; wer sich diese Arbeiten ansieht, wird möglicherweise im Falle von Max Ernst eher eine indianische als eine ägyptische Inspiration annehmen.

Eine zweite Variante wird nahezu aufgedrängt, denn Ägypten taucht in den gezeigten Werken nur einmal auf (die Lithographie „Sphinx“), Bezüge auf das weite Weltall werden hingegen gleichsam thematisiert, aber sind offen und zahlreich. Und New Mexico, neben Arizona, wurde 1947 Schauplatz der Ereignisse (welche auch immer dies wirklich waren), die als „Roswell-Zwischenfall“ zum Mythos wurden. Die Thematik „Weltall und Außerirdische“ dürfte in Hinsicht auf das Oeuvre Ernsts mit Sicherheit weit mehr abwerfen, als der arg konstruierte Ägypten-Bezug. Aber leider steht in der Sammlung Scharff-Gerstenberg nur das Kalabscha-Tor, und kein UFO…

So darf diese Betrachtung des Ausstellungskonzeptes durchaus als Verriß betrachtet werden. Allerdings muß das nicht vom Besuch abhalten, denn immerhin finden sich konzentriert interessante Werke eines der wichtigsten Protagonisten des Surrealismus.

Die Sammlung Scharf-Gerstenberg befindet sich in der Schloßstraße 70 in 14059 Berlin. Geöffnet ist sie von Dienstag bis Freitag 10-18 Uhr sowie am Sonnabend und Sonntag von 11-18 Uhr; der Montag ist Schließtag. Ein gewöhnliches Ticket kostet 10 Euro (ermäßigt 5,-) und berechtigt zusätzlich zum Besuch der auf der gegenüberliegenden Straßenseite befindlichen Sammlung Berggruen (Picasso, Matisse, Klee u.a.).

 

Verweise:

https://www.smb.museum/museen-und-einrichtungen/sammlung-scharf-gerstenberg/ausstellungen/detail/max-ernst-zeichendieb.html
https://maxernstmuseum.lvr.de/de/startseite_1.html
https://art-depesche.de/malerei/424-surreale-welten-–-die-sammlung-scharf-gerstenberg.html