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Nychos „Untitled“ (Acryl und Aerosol auf MDF-Board, 2014, Leihgabe der Gewobag)

Berlin – Inmitten einer der ernüchterndsten und verfallensten Gegenden Berlins, nahe beim U-Bahnhof Nollendorfplatz im Bezirk Schöneberg, befindet sich das jüngste Kunstmuseum der Stadt, genannt „Urban Nation – Museum for Contemporary Urban Art“. Ein Besuch zeigt zumindest, daß es im Bereich der urbanen Kunst weit mehr gibt als bloß Graffittis.

Hauptfinancier des Projektes ist die Stiftung „Berliner Leben“ des kommunalen Wohnungsunternehmens Gewobag, Leiterin ist Yasha Young, die bereits Jahre vor der Eröffnung im September 2017 ein sehr produktives internationales Netzwerk von Straßenkünstlern ins Leben gerufen hat.

Die Umgebung – wir beschrieben sie bereits flüchtig. Das Gebäude ist ein umgebautes Wohnhaus aus der Gründerzeit, dessen obere Etagen als Ateliers genutzt werden, und wer an den Eingang kommt, hat nicht den Eindruck, sich einem Museum zu nähern, sondern fühlt sich an eine verruchte Bar oder einen Klub erinnert – soweit gibt man sich also betont stilecht.

Dieser Eindruck wird im Inneren dann beibehalten, architektonisch durchaus interessant gestaltet. Nicht schön, aber atmosphärisch stimmig. Die sich auch durch das erwähnte Netzwerk der Kuratorin rasch erweiternde Sammlung des Museums umfaßt mittlerweile über 120 Objekte, und seit September 2018 wird die zweite Auswahl aus dieser über zwei Stockwerke verteilt präsentiert.

Den wesentlichen Teil der Ausstellung bilden Gemälde (wobei dieser Begriff natürlich nur bedingt zutrifft) von zum Teil gewaltigen Ausmaßen, dazwischen gibt es Tafeln mit kurzen Erläuterungen zur Urban Art-Szene, zu Techniken und subkulturellen Hintergründen; Videodokumentationen und zur Schau gestellte Utensilien wie Pinsel und Spraydosen tragen gleichfalls zur Verdichtung bei. Ein eigener Raum umfaßt eine beachtliche Sammlung von Büchern zur Urban Art.

Die Großbilder weisen jedenfalls eine überraschende Vielseitigkeit auf, es geht von der Collage über mit Schablonen gesprühte Arbeiten bis zu Acrylgemälden und natürlich gibt es auch allerlei Mischtechniken. Der Wiener Muralist zeigt in seiner Arbeit eine eigenwillige Mischung aus anatomischer Genauigkeit und Comic-Charakter, das deutsche Graffitti-Duo Herakut verbindet fotorealistische und abstrakt-expressive Elemente, Adele Renault bietet mit „United Untied“ eine ins Riesenhafte vergrößerte verblüffende detaillierte Darstellung des Gefieders zweier Tauben, mit Sicherheit von der Pop Art und vielleicht dem orphischen Kubismus beeinflußt ist dagegen Erik Jones. Karikaturenhaft ein Werk des Italieners Millo, der Norweger Anders Ginnestad nutzt die Fotografie als Grundlage für ein sehr präzises Stencil-(Sprühschablonen-)Bild auf rostigem Metall. Beeindruckend der Pole Tankpetrol mit seiner überaus komplexen Technik. Insgesamt, so lernen wir, ist die Zuordnung zur Urban Art nicht durch einen spezifischen Stil bestimmt, sondern durch ihren urbanen Kontext.

Eine für den Verfasser als Freund traditioneller Malerei sehr angenehme Überraschung war eine Zusammenstellung kleinerer Ölbilder im Treppenaufgang, unter denen sich einige Perlen befinden. Erwähnt seien das dystopische „Uncover“ des Kaliforniers Adam Caldwell, das verträumte „Surely we will forget it all again and again“ der Japanerin Goto Atsuko, welches wie eine Mischung aus Jugendstil, Präraffaelitismus und Manga wirkt oder „Megan“, ein auf sehr klassische Weise gemaltes Porträt ihres Landsmannes Keita Morimoto. Kari-Lise Alexander aus Seattle ist ebenfalls mit einem Werk vertreten, dem düsteren „Save me from the shadows“, welches nicht weit vom viktorianischen Ästhetizismus des 19. Jahrhunderts entfernt ist (Millais’ „Ophelia“ läßt grüßen!). Absolutes Glanzlicht für uns: „Barbary Sheep“ von Brian Mashburn aus North Carolina, ein hyperrealistisch-apokalyptisches Szenario von besonderem Reiz. Bedauerlich ist allerdings, daß diesen hervorragenden Bildern nicht mehr Raum zum Wirken gegeben wurde.

Erwähnt werden sollte zuletzt noch eine im Eingangsbereich an der Decke gezeigte Sammlung von 100 Porzellantellern, von 100 verschiedenen Künstlern gestaltet. Zusammengefaßt läßt sich sagen, daß die Werke derart verschieden sind, daß auch verschiedenste Geschmäcker teilweise bedient und genauso nicht bedient werden, daß die Schau als Einführung in das Thema jedenfalls sehr geeignet ist. Kann man zumindest mal gesehen haben, um sich selbst ein Bild zu machen, zumal der Eintritt frei ist. Das „Urban Nation“ befindet sich in der Bülowstraße 7 in 10783 Berlin-Schöneberg, geöffnet ist es von Dienstag bis Sonntag von 10-18 Uhr.

 

Verweise:

https://urban-nation.com/de/
https://urban-nation.com/de/artist/
https://www.stiftung-berliner-leben.de/projekte/urban-nation/
http://www.brianmashburnart.com/
https://www.millo.biz/
http://www.adamhuntercaldwell.com/
https://kari-lise.com/
http://www.gotsuko.com/ja/
http://keitamorimoto.com/

Das Museum „Urban Nation“ zeigt die Vielseitigkeit der Straßenkunst https://art-depesche.de/images/64292F2C-B9B6-4E3E-8810-AE5FE8930125.jpeg Ruedi Strese