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Corinne Laroche "Extension I Black" (2012, Bleistift auf Papier, 152x131 cm, © Corinne Laroche)

Berlin – Eine traurige Nachricht zum Anfang des Kunstjahres 2019 ist, daß die Hegenbarth Sammlung Berlin, eine private Kunstsammlung, welche sich mit der Vermittlung der Werke Josef Hegenbarths wie auch gegenwärtiger Künstler einige Verdienste erworben hat, auf absehbare Zeit ihre Pforten schließen muß. Die gegenwärtigen Räumlichkeiten wurden gekündigt, ein passender Ersatz konnte bislang nicht gefunden werden. Jedoch verabschiedet man sich würdevoll, mit einer lohnenden Ausstellung der Pariser Zeichnerin Corinne Laroche, welche vom 23. Januar bis zum 12. April 2019 angesetzt ist und von einem umfassenden Veranstaltungsprogramm begleitet wird.

Eingefügt ist die Ausstellung in die Reihe „Überflogenes Weiß“, deren vierten und letzten Teil sie bildet. Im ersten Teil dieser Reihe waren Arbeiten Josef Hegenbarths denen fernöstlicher Künstler gegenübergestellt worden, im zweiten waren recht „wilde“ Tuschearbeiten des Informel-Künstlers Thomas Baumhekel zu sehen, im dritten folgte Heinz Handschick mit seinen augenzwinkernden „Handzeichnungen“, und nun lernen wir die 1957 geborene Corinne Laroche kennen, welche an der École Nationale des Beaux-Arts de Paris studierte und lange in Berlin lebte, und deren Bilder einen ruhigen Ausklang darstellen.

Der Titel dieser Schau ist „Point(s) de Hasard. - (Keine) Punkte des Zufalls.“, im Französischen ein Wortspiel, welches die Frage aufwirft, was an diesen Arbeiten Plan und was Zufall sei. Sehr französisch wirken manche der Bilder, und es fiel in der Presseveranstaltung der Begriff des „konzeptionellen Pointillismus“, welcher einerseits auf den Pointillismus von Georges Seurat und Paul Signac verweist, andererseits den Bezug zur Entwicklung der Gegenstandslosigkeit nach 1945 herstellt, abstrakter Pointillismus wäre auch nicht ganz verkehrt. Die Künstlerin nennt als Einfluß explizit Cézanne, doch ein Rahmen ist so gesteckt.

Dabei teilen sich die Werke in drei Gruppen. Zwei, auf welche obige Beschreibung zutrifft. Hier werden winzige Ausschnitte aus Fotografien um ein Vielfaches vergrößert, mit einem Grafikprogramm überarbeitet, wodurch sie den Bereich des Gegenständlichen verlassen und zu abstrakten Bildern werden. Anschließend werden diese auf mit Rasterlinien unterteiltes Papier übertragen, was mal mittels Filzstiftpunkten geschieht, in anderen Fällen mit schwarzer Buntstiftschraffur auf weißem oder schwarzem Papier. Diese Blätter werden dann wiederum kombiniert und ergeben ganz neue Gesamtbilder. Erwähnt sei als Beispiel für die Filzstiftarbeiten das aus vier Blättern zusammengesetzte, ikonenhafte „Mandorla“.

Aus sechs nebeneinander gehängten Blättern mit schwarzer Farbstiftschraffur setzt sich „Extension I“ (2011) zusammen; das erzielte Ergebnis läßt an Hokusais berühmte „Große Welle vor Kanagawa“ denken. Sechs Blätter mit Graphitstift auf schwarzem Papier bilden „Extension I Black“ (2012), wobei z.T. die gleichen Felder des Rasters gefüllt wurden wie bei den beiden zuvor genannten Werken, jedoch ein völlig anderer, eher metallischer Effekt erzielt wird. Bei den vier zusammengehörigen Blättern „Mes très riches heures“ (2018) sind sämtliche Felder ausschraffiert, und doch ergeben sich durch unterschiedliche Konzentration und Körperhaltung Bereiche verschiedener Strichstärken; die Bilder wirken aus mehreren Metern Entfernung wie neblige Küstenlandschaften. „Meine gesamte Arbeit handelt von Leere in meinem Kopf und dem Füllen des Papiers“ erklärt Laroche den meditativen Charakter des Werks; Zeit wird als Qualität statt Quantität erfahrbar.

Einen anderen Ansatz verfolgt die dritte Werksgruppe. Auf meist kleinformatigen Löschblättern läßt Laroche Filzstifte von einem Punkt „auslaufen“, wodurch organisch-flechtenartig scheinende Gebilde entstehen. Hintereinander gelegte Blätter, Abdrücke, Kombinationen ergeben weitere Möglichkeiten. Bemerkenswert ist, daß die Künstlerin Wert darauf legt, ihre Arbeiten nicht hinter Glas zu präsentieren, da Textur und Lichtwirkung so besser zur Geltung kommen. Viele der Bilder brauchen Raum zur Betrachtung, was innerhalb der gegebenen Möglichkeiten passabel gelöst ist.

Weitgehend verzichtet wurde diesmal darauf, eine Beziehung zu den Arbeiten Hegenbarths darzustellen, allerdings finden sich an einer Wand zusammengefaßt je ein Werk Laroches, Handschicks und Baumhekels, wodurch Ähnlichkeiten und Unterschiede gut erkennbar werden.

Die Informationen der Hegenbarth Sammlung zum erneut umfassenden Begleitprogramm seien an dieser Stelle unverändert wiedergegeben:

„Eröffnung im Beisein der Künstlerin: Mittwoch, 23. Januar (19 bis 21 Uhr)
Kindervernissage mit Familienworkshop: Sonntag, 27. Januar (12—14 Uhr)
Sonntagsmatinee mit öffentlicher Führung um 11.30 Uhr:
am 17. Februar sowie in deutscher und französischer Sprache am 17. März

Künstlergespräch: 25. Januar (19 Uhr)
Mit Corinne Laroche (Paris), Frizzi Krella, Kunsthistorikerin (Guardini Stiftung Berlin) und Prof. Mark Lammert, Künstler (Universität der Künste Berlin)

Ausstellungsgespräch: 22. Februar (19 Uhr)
Mit Dr. Andreas Schalhorn, Kunsthistoriker (Kupferstichkabinett, SMB)

Konzert in der Ausstellung: 27. März (20 Uhr)
Auftragskomposition (UA) von Luca Staffiere (*1990) sowie Werke von Pierre Boulez (1925—2016) und Ursula Mamlok (1923—2016), Interpretation: Henriette Scheytt (Violine)“

Die Hegenbarth Sammlung befindet sich in der Nürnberger Straße 49, 10789 Berlin. Die Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag von 12-16 Uhr, sowie an jedem 3. Sonntag im Monat (17. Februar und 17. März 2019) von 11—14 Uhr mit öffentlicher Führung 11.30 Uhr und nach Vereinbarung. Der Eintritt ist frei.

Abschließend sei noch einmal der Bedarf an neuen Räumlichkeiten für die Sammlung betont. Erforderlich wäre ein zum Kauf stehendes Geschäftshaus oder Grundstück von 500-2500m² in Berlin, welches für Kunstsammlung, Ausstellungen, Verlag, Bibliothek, Ateliers und Café nutzbar wäre. Sachdienliche Hinweise nimmt die Hegenbarth Sammlung (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, 030/23609999) gerne entgegen!

 

Verweise:

https://www.herr-hegenbarth-berlin.de/de/die-ausstellung.html
https://www.paris.edu/faculty/corinne-laroche/
https://www.herr-hegenbarth-berlin.de/de/editionen/werk/corinne-laroche-dessins-drawings-zeichnungen-58.html
https://berlin.institutfrancais.de/kalender/veranstaltung/2019-01-24t110000-bis-2019-04-12t160000-ausstellung-von-corinne-laroche
https://www.artsy.net/artist/corinne-laroche

Punkt für Punkt – Corinne Laroche in der Hegenbarth Sammlung Berlin https://art-depesche.de/images/38E18198-39EB-443F-A362-FD680DB598C2_1200px.jpg Ruedi Strese