Salvador Dalí „Flordall I“ (Lithographie, 1981)

Berlin – Vor allem in den entsprechenden Behältnissen zur Entführung von Berlin-Touristen mittels kleiner bunter Zettel und Prospekte ist auch ein seit etwa 10 Jahren bestehendes Museum in der Nähe des Potsdamer Platzes regelmäßig mit eigenem Werbematerial vertreten, welches versucht, Kunstinteressierte auf die Spur des wohl bekanntesten Surrealisten zu locken. Die ART DEPESCHE hat es gewagt, sich, touristisch getarnt, in diese Falle zu begeben, um zu prüfen, ob es sich lohnt.

Der vollständige Name des Museums ist „Dalí – Die Ausstellung am Potsdamer Platz“, genau genommen befindet sie sich indes am angrenzenden, doch weniger bekannten Leipziger Platz. Dies sei jedoch nur festgestellt und nicht bemängelt.

Der Eingang ist gefunden, und der erste Eindruck ist lediglich mittelsuper. Der ermäßigte Kartenpreis (z.B. für Schüler) ist immer noch ziemlich hoch (in den meisten, auch privaten, Berliner Museen unter 18 Jahren kostenlos), womit der Eindruck der Nähe zu touristischer Unterhaltung verstärkt wird. An der Kasse wird man gleich mit einer Reihe von Fragen konfrontiert. Fotoerlaubnis? Kostet zusätzlich (verständlich). Möchten Sie eine Broschüre kaufen? Möchten Sie an der Führung teilnehmen? Möchten Sie Ihre Jacke abgeben? Kostet einen Euro. Brauchen Sie ein Schließfach? Dafür müssen Sie zwei Münzen einwerfen, einen Euro und zwei Euro. Die zwei Euro bekommen Sie wieder, den einen Euro behalten wir. Die Angestellte findet das voll surrealistisch. Haha.

Puuh… überlebt. Wenn da wirklich einmal eine Schlange von Leuten ansteht, ist das bestimmt noch fürchterlicher. Dann endlich sind wir in der auf zwei Stockwerke verteilten Ausstellung, die immerhin rund 450 Objekte enthält, vor allem verschiedene Druckgrafik zu meist literarischen Themen, aber auch Skulpturen, Dalí-Keramik, Fotos, Bücher und Zeitschriften.

Den Beginn der Ausstellung markiert eine Lithographiepresse, durchaus interessant. Hierfällt jedoch bereits auf, was generell etwas schade ist: der weitgehende Verzicht auf wenigstens kurze erläuternde Begleittexte. Hätte man doch die Broschüre kaufen sollen? Oder eine Führung buchen? Von dieser, die gerade hinter uns beginnt, bekommen wir immerhin bereits soviel mit, daß sich feststellen läßt, daß sie sich eher an völlig Uneingeweihte denn an ausgesprochene Kunstliebhaber richtet. Also begnügen wir uns mit dem Betrachten der Werke und den auf den Schildchen gegebenen Informationen, welche kaum mehr als Titel, Entstehungsjahr und Technik umfassen.

Der Bestand an graphischen Arbeiten ist allerdings durchaus beeindruckend zu nennen. Zahlreiche Serien in den verschiedensten Techniken sind vollständig zu sehen. Im ersten Stockwerk sind dies „Don Quichotte de la Manela“ (12 Farblithographien mit starken Informel-Elementen von 1956/57), „Tristan und Isolde“ (21 Farbkaltnadelradierungen, 1970), „Faust – Walpurginacht“ (21 Radierungen mit Kaltnadel und Roulette von 1968/69) und „Der Dreispitz“ (20 Xylographien von 1959 zur Novelle Pedro Antonio de Alarcóns). Fotos von Dalí und Skulpturen finden sich über die Ausstellung verteilt, ein kleiner Raum beinhaltet ein Dalí-Kino mit verschiedenen Filmarbeiten. Daß dieser Künstler wesentlich auch ein Schauspieler, Selbstdarsteller und Egozentriker war, dürfte kaum jemand ernsthaft bestreiten.

Im zweiten Obergeschoß finden sich weitere druckgraphische Serien, darunter „Die gelben Liebschaften“ (10 zum Teil etwas pornographische Radierungen mit Goldstaub, 1974), „Ritter der Tafelrunde“ (12 Farblithographen mit Holzschnitt, 1977), „Casanovas Erinnerung“ (14 Farbheliographien, 1967), „Alice im Wunderland“ (eine Radierung und 12 Heliographien mit Holzschnitt, 1969), „Zehn Rezepte zur Unsterblichkeit“ (Kaltnadelradierungen mit Heliographie von 1973) und vor allem die 100 Blätter umfassende Xylographieserie zu Dantes „Die göttliche Komödie“ (1960). Interessant dazu auch weitere 35 Blätter, welche die schrittweise Entstehung eines einzigen Blattes der Serie mit mehreren Platten verdeutlichen. Sechs Farblithographen zu französischen Regionen für die „Société Nationale des Chemins de Fer“ (1969) kommen Dalís Großgemälden optisch am nächsten.

Bemerkenswert sind zudem drei Mixed Media-Graphiken „Die Apokalypse des Heiligen Johannes“ (1958-61), hier wurde die Detonation einer Nagelbombe als grafisches Mittel genutzt, was auch auf einem Bildschirm zu sehen ist, sowie eine Phototypie seines berühmten Landsmannes Pablo Picasso. Auch hier gibt es zudem Skulpturen (darunter die berühmte „Venus von Milo mit Schubladen“ von 1988 in zwei Fassungen mit unterschiedlicher Patina) und zahlreiche Fotos, außerdem sehen wir Schaukästen mit relevanter Literatur oder Porzellangeschirr mit Dalí-Motiven sowie einige Fotocollagen.

Zum Schluß geht es wieder die Stufen hinab, wir befinden uns vor dem Ausgang, doch ist dort noch eine 12 Kaltnadelradierungen umfassende Serie von 1974 zu sehen, welche als „Nach 50 Jahren Surrealismus“ eine entsprechende Rückbetrachtung darstellt und sich auf für die Bewegung wichtige Personen und Ereignisse bezieht, auf die Psychoanalyse Freuds, auf André Breton und Picasso sowie Dalís Ehefrau Gala. Den Abschluß bilden drei ansprechende große botanische Bilder, allerdings ebenfalls Graphiken, namentlich die Lithographien „Flordall I+II“ (1981) sowie „Brombeeren“ (Kaltnadelradierung mit Farbheliographie, 1970).

Fazit: ob man diese Ausstellung als lohnend oder enttäuschend empfindet, hängt vorrangig von der jeweiligen Erwartung ab. Wer gerne einmal die weniger bekannten späten druckgraphischen Werke betrachten möchte, darf dies guten Gewissens tun. Wer bedeutende Gemälde Dalís betrachten möchte, wird wohl nach Saint Petersburg (Florida) oder in Dalís Heimatstadt Figueres (Spanien) reisen müssen. „Dalí – Die Ausstellung am Potsdamer Platz“ befindet sich am Leipziger Platz 7 in 10117 Berlin, nahe am Bahnhof Potsdamer Platz. Die Öffnungszeiten sind von Januar bis Juni täglich von 12-20 Uhr, von Juli bis August täglich von 10-20 Uhr und von September bis Dezember täglich von 12-20 Uhr. Der Eintritt kostet regulär 12,50, ermäßigt 9,50 Euro.

 

Verweise:

https://www.daliberlin.de/de

Auf dem Prüfstand: die Dalí-Dauerausstellung in Berlin https://art-depesche.de/images/74E2E3B3-BDF6-41A6-AD5D-B24D206F0A06.jpg Ruedi Strese
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