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Wassily Kandinsky „Das Jüngste Gericht/Komposition V“ (Öl auf Leinwand, 1911)

Die Neue Künstlervereinigung München (N.K.V.M.) stellte eine der zentralen Gruppen der frühen Moderne in Deutschland dar. Heute ist sie vor allem noch als die Gruppe bekannt, aus welcher die berühmte Redaktionsgemeinschaft „Der Blaue Reiter“ um Franz Marc und Wassily Kandinsky entstand. Interessant ist es, die persönlichen und inhaltlichen Konflikte nachzuvollziehen, an welchen dieses eine Zeit durchaus erfolgreiche Projekt zerbrach.

Entstanden war die Idee zu der Gruppe 1908 im Salon der russischen Malerin Marianne von Werefkin, Mitinitiatoren waren Alexej von Jawlensky, der Sammler Oscar Wittenstein sowie Adolf Erbslöh. Später erst wurden Gabriele Münter sowie Wassily Kandinsky eingeweiht; dies empfand Kandinsky als Zeichen von Geringschätzung, weshalb er den ihm angetragenen Vorsitz bei der offiziellen Gründung im Januar 1909 nur unter Vorbehalt annahm.

Zu den offiziellen Gründungsmitgliedern gehörten, neben den Genannten, u.a. Alfred Kubin, Wladimir von Bechtejeff und der von Erbslöh eingeführte Alexander Kanoldt. Im selben Jahr noch traten weitere Künstler wie Paul Baum und Karl Hofer zumindest vorübergehend bei.

Franz Marc war anfangs noch kein Mitglied, war jedoch ab Anfang 1910 mit August Macke befreundet, und im Dezember dieses Jahres besuchten die beiden gemeinsam Jawlensky und Erbslöh. Sie zeigten sich begeistert über Erbslöhs neue Arbeiten, und auch jene Alexander Kanoldts stießen am Anfang auf große Zustimmung, sowohl die früheren pointillistischen Versuche als auch die vom Kubismus Georges Braques beeinflußten neueren Werke. Hierzu schrieb Marc an Macke: „Kanoldts letzte Sachen, die ich neulich hier sah, haben auch bereits diese großen Mittel, - reiner Kubismus. Ich erschrak anfangs ordentlich, und dann freute ich mich über den Mut und die fabelhafte Konsequenz dieser Leute.“

Wenige Tage später lernte Marc in Marianne von Werefkins Atelierwohnung Kandinsky kennen. Damals war die Saat der der Spaltung jedoch bereits gelegt, denn vorrangig Erbslöh und Kanoldt standen Kandinskys neuen, abstrakten Versuchen mit Unverständnis gegenüber, weshalb Kandinsky den Vorsitz niederlegte und Erbslöh sein Nachfolger wurde.

Kurze Zeit später trat Marc der N.K.V.M. bei und schlug sich sogleich auf Kandinskys Seite. Seinerseits äußerte er sich nun äußerst abwertend über Kanoldt und Erbslöh. Kanoldts erste Südtiroler Landschaften bezeichnete er, wieder in einem Brief an Macke, nun als „lächerliche und gewöhnliche Nachäffung kubistischer Modeideen“ und meinte, daß „unfähige Mitglieder wie Kanoldt, Erbslöh, Kogan“ auszuschließen seien.

Allerdings kam es anders. Marc und Kandinsky, mit Macke als Mitwisser, bereiteten insgeheim ein neues Projekt vor, welches später als „Der Blaue Reiter“ berühmt werden sollte, und ließen es absichtlich auf eine Eskalation der Gegensätze ankommen, welche sie Anfang Dezember 1911 erreichten. Kandinsky hatte selbst als Vorsitzender eine Klausel eingeführt, nach welcher ein Gemälde für eine Ausstellung der N.K.V.M. maximal vier Quadratmeter groß sein dürfe, malte jedoch ein abstraktes Bild namens „Das Jüngste Gericht/Komposition V“, welches über fünf Quadratmeter maß und von der Jury den Vorgaben entsprechend abgelehnt wurde.

Kandinsky und Marc verließen daraufhin, gemeinsam mit Münter, „unter Protest“ die N.K.V.M. und eröffneten nur zwei Wochen später die tatsächlich bereits seit Monaten vorbereitete erste Ausstellung der Redaktionsgemeinschaft „Blauer Reiter“. Ein Bluff, den Kandinsky später recht freimütig zugab.

Der hochsensible Künstler Franz Marc, der sich durch ein außergewöhnlich mitfühlendes Verhältnis zu Tieren auszeichnete (man denke an die Geschichte seines zahmen Rehs, welches kurz nach Marcs Kriegstod selbst starb), scheint bisweilen im zwischenmenschlichen Umgang ein grober Klotz gewesen zu sein. Beispiel dafür könnte auch der „Erste Deutsche Herbstsalon“ in Herwarth Waldens Galerie „Der Sturm“ in Berlin 1912 sein, bei welchem Marc als Ratgeber wirkte und wozu er auch die Brücke-Maler einlud: bis auf Max Pechstein, den er früher bewundert hatte und nun als „Matisse salonfähig verflacht“ abtat.

Kanoldts Kritik an Kandinsky galt dessen abstraktem Werk, welches er nicht nachvollziehen konnte, nicht so sehr jedoch seiner Person, obwohl er den „‘unfreiwilligen’ Austritt der Clique Kandinsky“ ausdrücklich begrüßte. Kandinskys Arbeiten sah er als Resultate „kalt berechnender Verstandes-Arbeit“ und stellte in einem Brief an den konservativen Kunstkritiker Joseph August Beringer die Frage, ob es sich dabei noch um Kunst oder eher um Dekoration handele. Gerade das Geistige, welches der Rudolf Steiner-Verehrer Kandinsky in seiner Kunst ausdrücken wollte, konnte Kanoldt darin nicht erkennen.

Die N.K.V.M. hatte ihren Zenith auch überschritten und konnte keine große Bedeutung mehr erlangen. Der Blaue Reiter hatte 1912 noch eine weitere ruhmreiche Ausstellung und veröffentlichte sein Almanach, doch spätestens der Weltkrieg 1914 brachte sein Ende. August Macke fiel bereits im September 1914, Franz Marc im März 1916.

Die Begegnung mit Franz Marc empfand Kanoldt stets vor allem als menschliche Enttäuschung, zwischen ihm und Kandinsky, über den er nach Aussage eines seiner späteren Schüler nie ein schlechtes Wort verlor, kam es jedoch immerhin zu einer Versöhnung. Bereits 1923 hatte er sich zu Kandinskys Werken auf der Ausstellung „Deutsche Kunst“ in Darmstadt wohlwollend geäußert: „Am stärksten wirkten auf mich: unglaublicherweise: Kandinskys Tafeln, wenn sie auch weiß Gott nichts mit dem zu tun haben, was ich als künstlerisches Ziel verfolge – aber trotzdem. Er hat entschiedene Fortschritte gemacht – hin nach der diskutablen Seite.“ Bei einer persönlichen Begegnung 1926 in Breslau konnten sich die ehemaligen Gegenspieler beinahe wie alte Freunde begrüßen.

 

Verweise:

https://art-depesche.de/malerei/137-der-tiger-expressionismus-zum-100-todestag-franz-marcs.html
https://art-depesche.de/malerei/474-art-depesche-auf-schatzsuche-bislang-unbekanntes-werk-alexander-kanoldts-entdeckt.html
https://art-depesche.de/malerei/393-der-magische-realist-alexander-kanoldt.html

Von der Neuen Künstlervereinigung zum Blauen Reiter https://art-depesche.de/images/Wassily_Kandinsky_Komposition_V_1911_660px.jpg Ruedi Strese