Emil Nolde „Blumengarten mit Fingerhüten und Feuerlilien“ (Öl auf Leinwand, 1915/20)

Halle (Saale) – Die Moritzburg im Zentrum der sachsen-anhaltinischen Großstadt Halle verfügt selbst über eine bemerkenswerte Sammlung zur deutschen Moderne. Derzeit kann sie mit einer wahrlich fulminanten Sonderausstellung aufwarten, welche sich, betitelt „Die Stille im Lärm der Zeit“, noch bis zum 12. Mai 2019 vor allem den deutschen Expressionisten widmet. Dies konnte sich die ART DEPESCHE natürlich nicht entgehen lassen!

Der Untertitel lautet „MARC MACKE NOLDE – Meisterwerke aus der Sammlung Ziegler“, was uns zu der Frage führt, wer denn dieser Ziegler war, und was es mit dessen Sammlung auf sich hat. Karl Ziegler (1898-1973) war Chemiker und von 1936-1945 Direktor des Chemischen Instituts der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, von 1943-1969 Leiter des Kaiser-Wilhelm-(später: Max-Planck-)Instituts für Kohlenforschung in Mühlheim an der Ruhr. 1963 erhielt er, gemeinsam mit dem Italiener Giulio Natta, den Nobelpreis für Chemie. Grund dafür war deren Entdeckung eines Verfahrens zur Herstellung von Polyolefinen über koordinative Insertionspolymerisation mit metallorganischen Katalysatoren (Ziegler-Natta-Verfahren). Nicht, daß der Verfasser davon etwas verstehen würde, doch erwähnt werden sollte es.

Diverse Patente Zieglers brachten ihm einen nicht unerheblichen materiellen Wohlstand, welcher ihm das Anlegen einer bedeutenden Kunstsammlung ermöglichte. Diese begann er 1958, gemeinsam mit seiner Frau Maria. Die beiden hatten anscheinend einen erlesenen Geschmack, und innerhalb des Expressionismus, welcher den Sammlungsschwerpunkt bildet, waren weniger grellbunte Explosionen, sondern feinsinnige und zarte Arbeiten gefragt, darunter nicht wenige Aquarelle.

Die Sammlung war 1981, damals 44 Werke umfassend, an das Kunstmuseum Mühlheim an der Ruhr gelangt und durch die nachfolgende Generation durch weitere passende Ankäufe ergänzt worden. 2002 wurde sie in eine selbständige Stiftung überführt. Größere Werkgruppen gibt es von Franz Marc, August Macke und Emil Nolde, vertreten sind aber auch die Brücke-Künstler Karl Schmidt-Rottluff, Ernst-Ludwig Kirchner, Erich Heckel und Otto Mueller sowie die Bauhaus-Lehrer Oskar Schlemmer, Lyonel Feininger und Paul Klee, außerdem Alexej von Jawlensky, Max Beckmann, Hans Purrmann, Oskar Pankok, Käthe Kollwitz, Paula Modersohn-Becker, Christian Rohlfs, Marie Laurencin, Lovis Corinth, Oskar Kokoschka, Otto Dix und Karl Hofer.

Gegliedert ist die Ausstellung thematisch in sechs Abschnitte, beginnend mit der „Entdeckung der Kindheit“. Betont wird hierbei, daß Kinder zu Beginn der Moderne nicht mehr wie früher nach Art Erwachsener dargestellt werden, sondern als das, was sie sind, u.a. beim Spielen. Mehrere Aquarelle von Nolde, zwei wunderbare Ölgemälde von Macke (Mutter mit Kind“, 1910 und „Stickende Frau im Sessel“, 1909/10) und Arbeiten u.a. von Kollwitz, Marc, Dix, Modersohn-Becker sind zu sehen.

Der zweite Abschnitt nennt sich „Triebkräfte der Natur“, hier finden sich Blumen in Natur, Garten und Stilleben. Unverzichtbar auch hier Nolde, seinen Farbenrausch der Gartenblumen in Öl gibt es gleich zweimal, dazu mehrere Aquarelle. Rohlfs ist mit einem feinen Stilleben dabei, ein solches von Jawlensky („Auf rotem Tuch“, 1909) erinnert stark an Matisse. Bemerkenswert auch drei größere Aquarelle von Schmidt-Rottluff, u.a. „Seerosen“ (1934). Ebenfalls dabei sind Kokoschka, Macke und Heckel.

Dann steht „Im Zentrum der Mensch“. Auch hier sind wieder Arbeiten von Nolde und Macke zu bestaunen, darüberhinaus sind Schlemmer, Beckmann und Mueller im Programm. Besondere Erwähnung finden sollte „Tilya oder Junges Mädchen mit Fächer“, ein Ölgemälde von Marie Laurencin (1925). Ein eigener Raum ist dem Bauhaus-Meister Lyonel Feininger gewidmet, hier wird der Sammlungsbestand Zieglers durch drei thematisch relevante graphische Arbeiten aus der hauseigenen Sammlung der Moritzburg ergänzt, was sinnvoll ist, da Feininger bekanntermaßen eine besondere Beziehung zu diesem Ort hatte und dort eine Reihe von Werken schuf, u.a. das ausgestellte Ölgemälde „Roter Turm II“ (1930).

Den größten Anteil hat das vierte Kapitel, „Im Rhythmus der Landschaft“. Für dieses allein lohnt sich der Besuch absolut! Zwei Aquarelle aus Corinths berühmter Walchensee-Reihe finden sich, vier Ölgemälde Jawlenskys, an denen sich der Weg dieses Malers in Richtung Abstraktion und Reduktion chronologisch zeigt, Paul Klee ist dabei, viele Arbeiten Noldes (u.a. zwei grandiose Berglandschaftsaquarelle aus den 1930er Jahren), ebenso Macke und Heckel. Selbst zwei üblicherweise völlig unterbewertete Maler wie der Matisse-Freund und „deutsche Fauve“ Hans Purrmann (mit einer eher minimalistischen Landschaft) und Karl Hofer (mit zwei beeindruckenden Ölgemälden) werden gezeigt.

Der letzte Abschnitt heißt „Im Bildkreis der Tiere“, hier kommen selbstverständlich vor allem Jünger Franz Marcs mit verschiedenen Werken auf ihre Kosten, von der Zeichnung über das Ölgemälde bis zur Skulptur, ansonsten finden sich Nolde, Modersohn-Becker, Kirchner und Heckel (mit dem kraftvollen Ölbild „Weidende Pferde“, 1909).

Alles in allem ist hier kaum etwas zu beanstanden. Anordnung und Beleuchtung sind passend, allenfalls hätte man sich hier und da zu den Bildern noch gesonderte Erläuterungen gewünscht. Die Zusammenstellung der Bilder ist schlichtweg grandios. Sicher eine der besten Ausstellungen der letzten Zeit. Pflichtprogramm!

Zum Schluß sei auch nochmal auf die hervorragende Dauerausstellung zur deutschen Moderne verwiesen, welche wir sicher noch gesondert vorstellen werden. Das Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale) befindet sich am Friedemann-Bach-Platz 5 in 06108 Halle (Saale), es ist am Montag und Dienstag sowie von Donnerstag bis Sonntag jeweils von 10-18 Uhr geöffnet; der Mittwoch ist Schließtag. Der Eintritt für das gesamte Haus kostet 10,-, ermäßigt 7,- Euro.

 

Verweise:

https://www.kunstmuseum-moritzburg.de/museum-ausstellungen/sonderausstellungen/die-stille-im-laerm-der-zeit/

Marc, Macke, Nolde – Sonderausstellung zur frühen deutschen Moderne in Halle an der Saale https://art-depesche.de/images/4E504148-EAF7-4F72-9DC8-5F343B57404B.jpg Ruedi Strese
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