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Wilhelm Morgner „Astrale Komposition XI“ (Öl auf Leinwand, 1912)

Bremen - Eine ganze Reihe von Begabungen des Expressionismus wurden vom Ersten Weltkrieg verschlungen. Franz Marc und August Macke sind sicher die berühmtesten, doch auch Benno Berneis war unter den Gefallenen, ebenso wie der hier nun vorgestellte Westfale Wilhelm Morgner. Seine Schaffensphase war sehr kurz, doch findet sich in dieser Zeit ein äußerst umfangreiches und vielseitiges Werk, welches vom Naturalismus über Neoimpressionismus bis zu Expressonismus und Abstraktion reicht. Typisch sind die äußerst kraftvollen Farben.

Geboren wurde Morgner 1891 in Soest als Sohn eines früheren Militärmusikers und Schaffners, welcher jedoch bereits im Folgejahr einem Lungenleiden erlag. Morgner wuchs als Halbwaise auf. Die Leidenschaft für die Malerei zeigte sich bereits in frühester Kindheit, spätestens, nachdem er 1897 von seiner Mutter einen Farbkasten geschenkt bekommen hatte. Die ersten erhaltenen Skizzen stammen aus dem Jahr 1904.

Die Mutter hätte gerne gesehen, daß er Pfarrer würde, doch die Neigug des Jungen war eindeutig, und 1908 besuchte er auf Anraten des Worpsweder Freilichtmalers Otto Modersohn die private Kunstschule des Expressionisten Georg Tappert in Worpswede, wo er aufgrund ausgiebiger Naturstudien seine handwerklichen Grundkenntnisse erhielt; außerdem fand zwischen Schüler und Lehrer ein intensiver schriftlicher Austausch über kunsttheoretische Fragen statt, welcher zu weiten Teilen erhalten ist und die wichtigste Quelle zu Leben und Werk des Künstlers darstellt.

1909 ging Morgner bereits nach Soest zurück, richtete sich ein eigenes Atelier ein und begann mit der Ausstellung seiner Werke. Im Jahr darauf entschied er sich für eine Fortsetzung seiner Ausbildung bei Tappert, welcher nunmehr nach Berlin gegangen war, wo er zudem neben deren Präsidenten Max Pechstein 1. Vorsitzender der Berliner Secession geworden war und so seinen Schüler in die avantgardistische Szene einführen konnte. Zu Morgners Freundeskreis gehörten im Laufe der Jahre Künstler wie Wilhelm Wulff, Arnold Topp und Eberhard Viegener, alle dem aufstrebenden Expressionismus zugehörig.

1911/12 lernte er in Berlin überdies Franz Marc kennen, welcher sich angetan zeigte und mehrere Bilder nach München zu dem ebenfalls positiv gestimmten Wassily Kandinsky weiterleitete, und auch der Galerist und Publizist Herwarth Walden war überzeugt genug, um mehrere Arbeiten Morgners in seiner Zeitschrift „Der Sturm“ abzubilden. Nun war er angesehen genug, um bei bedeutenden Ausstellungen der frühen Moderne teilnehmen zu können, an der Neuen Secession und bei den Juryfreien in Berlin, beim Blauen Reiter in München wie auch beim Kölner Sonderbund. Selbst in Budapest und Tokio wurden seine Werke gezeigt; ab 1913 war er Mitwirkender der Kunstzeitschrift „Die Aktion“.

1913 wurde Morgner zum Militär einberufen. Zwar konnte er den Kontakt zu Tappert beibehalten und weiter ausstellen, allerdings war sein Schaffen seither auf Aquarelle und Handzeichnungen beschränkt, der Zugang zur Ölmalerei war verwehrt. Der Beginn des Weltkrieges 1914 sah ihn auf den Schlachtfeldern der Westfront, eine Fußverletzung zum Ende des Jahres brachte ihn ins Lazarett nach Berlin. 1915 ging es an die Ostfront, wo er es zum Unteroffizier und Träger des Eisernen Kreuzes zweiter Klasse brachte. 1916 diente er als Kriegszeichner in Bulgarien und Serbien, im Mai 1917 ging es nach Flandern; dort fiel er im August des Jahres in Langemarck, da er sich nicht von britischen Soldaten gefangen nehmen lassen wollte.

Ein recht ausführlicher handschriftlicher Katalog der Werke Morgners wurde 1920 von Tappert angelegt. Der Großteil der Arbeiten war in den fünf Jahren 1908-1913 geschaffen worden. Unglaubliche 235 Gemälde und 1920 Zeichnungen sind darin aufgeführt, dazu 67 Druckgraphiken. Tappert hatte zwischenzeitlich auch die Rechte am Oeuvre, jedoch kam es zu einem Rechtsstreit mit Morgners Mutter, welche Unregelmäßigkeiten festgestellt hatte und daraufhin die Rechte zurückverlangte. Ein trauriges späteres Kapitel stellte noch die Verfemung in der NS-Zeit dar, als zahlreiche Arbeiten Morgners als entartet deklariert und beschlagnahmt wurden.

Stilistisch hatte Morgner beim Naturalismus und Impressionismus begonnen; das Leben der einfachen Leute und die Arbeit auf dem Felde waren wichtige Themen. Dann wurden van Gogh und der Neoimpressionismus zu einem wichtigen Einfluß, später ging es über den Expressionismus zunehmend in Richtung Abstraktion, wobei Wassily Kandinsky und Alexey von Jawlensky, aber auch der italienische Futurismus sowie der orphische Kubismus Robert Delaunays mit seinen leuchtenden Farben ihren Niederschlag fanden. Auch Bezüge zur Glasmalerei an Kirchenfenstern, einschließlich der religiösen Thematik, sind deutlich erkennbar. Im Grunde findet sich bei Morgner die gesamte frühe Moderne in geraffter Form. Unter den Museen, welche über nennenswerte Bestände an Gemälden Morgners verfügen, sind vor allem das LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster sowie das Wilhelm-Morgner-Haus in seiner Heimatstadt Soest zu nennen.

 

Verweise:

https://www.soest.de/03leben_wohnen/kultur/museen/117040100000008045.php
https://www.soest.de/03leben_wohnen/kultur/museen/117040100000025160.php
http://www.kettererkunst.de/bio/wilhelm-morgner-1891.php
https://www.museen-boettcherstrasse.de/ausstellungen/ungeheuerliche-farbwunder-wilhelm-morgner-malerei-19101913/
http://www.wilhelm-morgner.de/
http://www.wilhelm-morgner-preis.de/morgner_biog.html
http://alfredflechtheim.com/kuenstler/wilhelm-morgner/
http://www.zeno.org/Kunstwerke/A/Morgner,+Wilhelm

Wilhelm Morgner – Die frühe Moderne im Zeitraffer https://art-depesche.de/images/Astrale_Komposition_XI_MORGNER_Wilhelm_Neuss_Clemens_Sels_Museum.jpeg Ruedi Strese