Lotte Laserstein „Liegendes Mädchen auf Blau“ (Öl auf Papier, ca. 1931)

Berlin – Bis vor kurzem war die Schau noch im Frankfurter Städel Museum zu sehen, und in Kooperation mit diesem präsentiert die Berlinische Galerie nun unter dem Titel „Von Angesicht zu Angesicht“ noch bis zum 12. August 2019 eine der interessanteren Wiederentdeckungen der letzten Jahre, die der Strömung der Neuen Sachlichkeit nahestehende Malerin Lotte Laserstein.

Die 1898 in einer jüdischen Familie im ostpreußischen Oberland geborene Künstlerin hatte zunächst privaten Unterricht in der Malschule ihrer Tante Elsa Birnbaum genommen, später in Berlin Kunst studiert, ihr Studium beendete sie 1927 als Meisterschülerin Erich Wolfsfelds an den Vereinigten Staatsschulen für Freie und Angewandte Kunst in Charlottenburg.

Es folgte eine ausgesprochen erfolgreiche Phase, in welcher sie regelmäßig ausstellte und an verschiedenen Wettbewerben teilnahm, auch leitete sie eine private Malschule. Dieser Erfolg fand 1933 mit Beginn der NS-Herrschaft sein Ende, und 1937 wählte sie, von den Machthabern ins Abseits gedrängt, den Weg ins schwedische Exil, wo sie bis zu ihrem Tod 1993 lebte.

Eine erste kleine Laserstein-Retrospektive hatte es im Verborgenen Museum in der Charlottenburger Schlüterstraße bereits im Jahr 2003 gegeben, und dieses stellt auch das Schlüsselwerk „Liegendes Mädchen in Blau“ (1931) zur Verfügung, doch ist die Berlinische Galerie natürlich die weit bekanntere Adresse. Für die Schau wurden 58 Arbeiten zusammengestellt, darunter 48 Gemälde und 9 Zeichnungen, welche vor allem aus der kurzen Zeit des Erfolgs in Berlin stammen, doch zum Teil auch aus den Jahren im schwedischen Exil.

Über vier Säle verteilt sind die Bilder, bezüglich Hängung, Licht und Raumgestaltung gibt es keinen Grund zur Beschwerde, ergänzend gibt es mehrere Schaukästen mit Fotografien, Skizzen oder historischen Zeitungsartikeln.

Der Großteil sind Porträts, mit einem Schwerpunkt auf dem Selbstporträt, und hier zeigt sich eine einfühlsame Beobachterin. Die Basis des Stils bildet ein Realismus, wie er von Wilhelm Leibl oder Wilhelm Trübner zur Meisterschaft gebracht wurde („Meine Großmutter“ könnte durchaus von Leibl stammen), doch mit neusachlichen Elementen als seiner Zeit zugehörig erkennbar. Zum Stilvergleich sind Werke von Zeitgenossen und inspirierenden Vorgängern hinzugefügt, so Arbeiten von Christian Schad und George Grosz, das berühmte Selbstporträt Max Liebermanns mit Palette von 1912 sowie eine Radierung (ebenfalls ein Selbstporträt) ihres Lehrers Wolfsfeld. Beliebtestes Sujet neben dem Selbstbildnis war Lasersteins beste Freundin Traute Rose, sie taucht in einigen Varianten auf.

Genaue Studien der Anatomie zeigen Akte, insbesondere drei frühe Kohlezeichnungen männlicher Akte; zwei zu NS-Zeiten entstandene ländliche Szenen („Maler in den Dünen“, 1933, und „Kühe hinter einem Zaun“, 1935) lassen impressionistische Züge erkennen, man fühlt sich an Meister wie Thomas Herbst oder Heinrich von Zügel erinnert. Beeindruckend das Großgemälde „Die Unterhaltung“ (1934), welches drei befreundete Künstler bei einer solchen zeigt. Etwas ausdrucksschwächer wurden Lasersteins im schwedischen Exil entstandene Arbeiten, als sie gezwungen war, sich mit Auftragsarbeiten über Wasser zu halten.

Zur Ergänzung der zwar lohnenden, aber vergleichsweise nicht sehr umfassenden Ausstellung wurden drei Säle „Gesichter der Zwanziger Jahre“ hinzugefügt, welche Porträts und Figurenbilder zu jener Zeit in Berlin tätiger Künstler bieten, darunter Conrad Felixmüller, Willy Jaeckel, Emil Orlik und Richard Ziegler; das Glanzlicht nach Ansicht des Verfassers ist indes ein Selbstporträt Alexander Kanoldts (Aquarell von 1927).

Die Berlinische Galerie befindet sich in der Alten Jakobstraße 124-128 in 10969 Berlin; sie ist am Montag sowie von Mittwoch bis Sonntag jeweils von 10-18 Uhr geöffnet, der Dienstag ist Schließtag. Der Eintritt einschließlich der aktuellen Sonderausstellung kostet regulär 10,-, ermäßigt 7,- Euro. Lohnend ist auch die Dauerausstellung, welche den Weg der Berliner Kunst von 1880-1980 nachzeichnet und unter anderem Werke von Franz Skarbina, Carl Hofer, Anton von Werner, Karl Hagemeister, Walter Leistikow, Benno Berneis und Alexander Kanoldt umfaßt.

 

Verweise:

https://www.berlinischegalerie.de/ausstellungen-berlin/aktuell/lotte-laserstein
https://www.dasverborgenemuseum.de/kuenstlerinnen/laserstein-lotte

Wiederentdeckt: Lotte Laserstein in der Berlinischen Galerie https://art-depesche.de/images/Lotte_Laserstein-Liegendes_Mdchen_auf_Blau.jpg Ruedi Strese
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