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Francesco Hayez „Der Kuß“ (Öl auf Leinwand, 1859)

Mailand – In dieser Folge unserer kleinen Artikelreihe zu Stätten der Kunst in Norditalien widmen wir uns dem bedeutendsten Museum Mailands, der im barocken, später neoklassisch umgebauten, Palazzo di Brera untergebrachten Pinacoteca di Brera. Von der Gotik bis zur frühen Moderne hat die eng mit der Akademie der Schönen Künste Mailands verknüpfte öffentliche Institution eine gewaltige Sammlung zusammengetragen.

Ursprünglich war im Palazzo di Brera ein Jesuitenkolleg untergebracht gewesen, doch mit der Auflösung des Jesuitenordens durch Papst Clemens XIV. im Jahr 1773 fiel das Gebäude an das Geschlecht der Habsburger, welche damals über das Herzogtum Mailand herrschten. 1776 wurde die Accademia di Belle Arti di Brera gegründet, und Kaiserin Maria Theresa veranlaßte, daß dieser Bildungsstätte eine Kunstsammlung angegeliedert wurde, welche zunächst jedoch nur die zur Fortbildung der Studenten unabdingbaren Gipsabgüsse antiker Skulpturen und Graphiken umfaßte.

Die Entstehung der Pinacoteca als solche im Jahr 1809 geht indes auf Napoleon zurück, welcher in den von seinen Truppen eroberten Gebieten Klöster und Kirchen auflösen und die dort befindlichen Kunstwerke beschlagnahmen ließ. Die berühmtesten Stücke gingen in den Louvre, die anderen wurden auf verschiedene Ausstellungsorte verteilt. Auch wenn beim Wiener Kongreß 1815 die Rückgabe der geraubten Kunstgüter beschlossen wurde, konnte Brera einen Großteil behalten und in Zukunft durch Schenkungen die Sammlung noch weiter ausbauen. Es gab schwere Rückschläge, darunter die Zerstreuung eines Teils der Sammlung, nachdem die Gemäldegalerie 1882 von der Akademie abgekoppelt wurde, und die schwere Beschädigung des Gebäudes im Zweiten Weltkrieg, doch ist das Gebäude nun schon lange vollständig restauriert und die Pinakothek eine der großen Sehenswürdigkeiten Mailands.

Geordnet sind die Bildwerke im Wesentlichen chronologisch, angefangen mit der Gotik und dem byzantinischen Einfluß, dabei finden sich Künstler wie Nicolò di Pietro und Stefano da Verona (mit der fantastischen „Anbetung der Könige“, etwa 1435). Gleich fällt die sehr angenehme Präsentation der Werke auf, was sich durch die gesamte Ausstellung zieht. Es wird auf ausreichend Platz geachtet, und zu vielen Bildern finden sich interessante kunsthistorische Erläuterungen und kleine Anekdoten, welche helfen, auch den Laien zu erreichen.

Der Übergang von der Gotik zur Frührenaissance wird an mehreren Arbeiten anschaulich gemacht, stellvertretend sei auf ein Werk von Gentile da Fabriano („Kreuzigung“, etwa 1408) verwiesen. Die eigentliche Renaissance ist mit Meistern wie Giovanni Bellini, Andrea Mantegna (der unglaublichen „Beweinung Christi“, ca. 1480), Bramantino, Luca Signorelli, Bramante, Luca Signorelli, Raffael, Tizian, Correggio, Vincenzo Campi (mit äußerst eigenwilligen „Proto-Stilleben“) usw. hervorragend abgedeckt, in den größten Sälen finden sich mehrere Monumentalgemälde. Von den Manieristen sind Tintoretto und Bronzino („Andrea Doria als Neptun“, ca. 1550-55) unbedingt zu erwähnen.

Dem Barock ist neben der Renaissance der meiste Raum gegeben, und hier wird es etwas internationaler, denn außer den italienischen Meistern, wie Guido Reni, Caravaggio („Christus in Emmaus“, 1606), den großen Vedutenmalern Francesco Guardi, Canaletto und Bernardo Bellotto, dem Stillebenmeister Giacomo Ceruti sowie dem unverkennbaren Giambattista Tiepolo sind mit Anthonis van Dyck und Peter Paul Rubens („Das letzte Abendmahl“, ca. 1632) u.a. auch Vertreter des Goldenen Zeitalters der Niederlande vertreten.

Zwei (im Vergleich) kleinere Räume unterbrechen die chronologische Folge: der eine ist der Restaurationsraum, bei welchem die Besucher die Schritte der Restauration eines Gemäldes live mitverfolgen können (derzeit wird hier ein Gemälde Girolamo Savoldos aufgearbeitet) und eine abgeschlossene Restauration dokumentiert wird (hier ging es um Umberto Boccionis divisionistisches Selbstbildnis von 1908), der zweite Raum „Hidden in Plain Sight“ zeigt eine wechselnde Auswahl von Werken, welche nicht Teil der Dauerausstellung sind (dabei waren u.a. ein weiterer Boccioni, Amedeo Modigliani, Giorgio Morandi und Gino Severini).

Einen letzten, gewaltigen Höhepunkt stellt die italienische Malerei des 19. Jahrhunderts dar. Hier ist vor allem der bedeutendste italienische Romantiker, Francesco Hayez, zu nennen. Dessen legendäres „Der Kuß“ (1859) ist sicher das beliebteste Werk im Haus, stets von einer kleinen Menschentraube umgeben, doch auch „Melancholie“ (1841/42) muß erwähnt werden, ebenso wie das aus verwandtem Geist geschaffene „Mutter, den Tod ihres Kindes betrauernd“ von Giuseppe Molteni (1845). Mit nur wenigen Werken vertreten sind spätere Strömungen wie Realismus und Naturalismus, Silvestro Lega und Giovanni Fatori seien als Künstler genannt.

Wie aus den vorherigen Artikeln schon ersichtlich geworden sein sollte, ist Mailand als Reiseziel für Kunstinteressierte definitiv geeignet. Die Pinacoteca di Brera dürfte von allen dortigen Museen wohl über die gediegenste Auswahl verfügen. Unbedingt zu empfehlen!

 

Verweise:

https://pinacotecabrera.org/en/
https://www.tripadvisor.de/Attraction_Review-g187849-d243400-Reviews-Pinacoteca_di_Brera-Milan_Lombardy.html

Die Pinacoteca di Brera, größte Schatzkammer Mailands https://art-depesche.de/images/El_Beso_Pinacoteca_de_Brera_Miln_1859_1200px.jpg Ruedi Strese