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© Laetitia Mantis

Berlin - Im Zwielicht streift der Wanderer durch eine verzaubert wirkende Landschaft, durch einen Hain, vorbei an rauschenden Feldern und in der Ferne sieht er die alte Burgruine, die längst über und über mit Moos bewachsen ist. Plötzlich ein seltsames Leuchten, und was war das? Hatte er nicht soeben ein Flüstern vernommen, aus den Gräsern, direkt vor ihm? Die Fotografien und Collagen der Laetitia Mantis scheinen die Sprache der beseelten Natur einzufangen und dem Betrachter durch das Unterbewußte verständlich zu machen. ART DEPESCHE hatte einige Fragen, welche die Künstlerin bereitwillig beantwortete.

ART DEPESCHE: Laetitia, wie sind Sie zur Fotografie gekommen?

Laetitia Mantis: Ich habe bereits als Kind Photos gemacht, allerdings mit sehr einfachen Kameras. Die Doppelbelichtung eines Filmes war daher das Maximum der technischen Einflussnahme auf das Bild. Als ich mir Ende der 90er Jahre schließlich einen Computer zulegte, entdeckte ich die Möglichkeiten der Bildbearbeitung. Ich hatte von Anfang an etwas dagegen, fremde Elemente in meine Collagen einzubauen, deswegen fing ich selber wieder an, mehr zu photographieren. Da ich die Knipserei, die man nicht beeinflussen kann, satt hatte, lernte ich, mit einer Spiegelreflexkamera umzugehen, zunächst analog, später dann digital.

ART DEPESCHE: Auf Ihrer Seite finden sich auch einige Gemälde, welche jedoch größtenteils aus den frühen und mittleren 90er Jahren stammen. Danach wird es dünn... eine bewußte Abkehr? Hat sich die Fotografie als das besser geeignete Medium erwiesen?

Laetitia Mantis: Ach, das sind keine Gemälde... das war nie als Kunst gedacht, das sind einfach verschiedene Ausdrucksversuche, die in die jeweilige Zeit meiner Geschichte passten. Ich habe viele Medien ausprobiert. Das hatte gerade am Anfang recht wenig mit Können zu tun. Das Lästige an allen: Immer war gerade irgend etwas alle, was man brauchte und man musste es kaufen. Digital zu arbeiten hat den großen Vorteil, dass nach der Grundanschaffung von Kamera & Computer erst dann Kosten entstehen, wenn man sich dafür entscheidet, ein fertiges Werk in Materie umzuwandeln. Man hat unendlich viel Raum um zu experimentieren. Das konnte mir bislang kein anderes Medium bieten. Die Collage hat für mich das ersetzt bzw. weiter entwickelt, was Sie als Gemälde bezeichnen, die Photographie hat sich dann ja als „Nebenzweig“ entwickelt. Mittlerweile bin ich allerdings dabei, Digitales wieder mit Handwerklichem zu kombinieren, um einzelnen Werken den Unikatcharakter zurückzugeben, der bei rein digitaler Arbeit ja nie wirklich garantiert werden kann.

ART DEPESCHE: Einige Ihrer Arbeiten, etwa „Zyklus I+II“ oder Ihre Collagen, haben eine morbide Ästhetik, welche an HR Giger erinnert...

Laetitia Mantis: Das habe ich schon öfter gehört.

ART DEPESCHE: Selbst Motive, welche mit der Fülle des Lebens assoziiert werden, etwa Getreidefelder oder Blüten, scheinen von der Ahnung ihres Verfalls bestimmt zu sein.

Laetitia Mantis: Die Formulierung gefällt mir. Eine Photographie ist immer eine Momentaufnahme des Überganges, da alles stetig im Wandel ist. Dieser Moment enthält aber bereits die ganze Geschichte und unser Unterbewusstsein ist in der Lage, diese zu lesen.

ART DEPESCHE: Andererseits gibt es durchaus Bilder, die voller Licht sind, etwa die Serie zum „Convento dos Capuchos“ in Portugal. Allerdings wirken die Bilder oft verzaubert, das Licht scheint flatterhaft, flüchtig, irreal...

Laetitia Mantis: Man nennt Photographie ja nicht ohne Grund auch Lichtbildnerei. Dabei gehe ich manchmal sehr geplant, häufig aber auch sehr intuitiv vor.

ART DEPESCHE: Oft stellen Sie einzelne Pflanzen dar. Diese werden zu Darstellern, die seltsam beseelt wirken, als wollten sie in einer fremden Sprache versuchen, Botschaften zu übermitteln...

Laetitia Mantis: Die Sprache ist dieselbe wie unsere, man muss ihnen nur zuhören.

ART DEPESCHE: Demgegenüber steht die Landschaft im Großen. Die Ergebnisse beider Themen wirken jedoch verwandt hinsichtlich Licht und Schatten, Farbe und der erzeugten Stimmung...

Laetitia Mantis: Es ist ja auch alles aus den selben Grundstoffen gemacht und von daher selbstverständlich verwandt. Es macht doch keinen Unterschied, ob ich durch ein Mikroskop oder ein Teleskop schaue. Das Kleine ist immer ein Fraktal des Großen und das Große ist am Ende ein Fraktal eines viel Größeren.

ART DEPESCHE: Würden sie bezüglich der Naturfotografie eher sagen, die Objekte geben Ihnen vor, wie sie abgebildet werden „wollen“, oder wählen Sie ein Motiv, das Ihnen als „Modell“ dient, welches sich einem vorher grob anvisierten Resultat unterordnet?

Laetitia Mantis: Das ist unterschiedlich. Man könnte tatsächlich behaupten, dass mich manchmal ein Objekt zwingt. Allerdings zwinge ich auch manchmal ein Objekt. Es kommt darauf an, welche Perspektive ich wähle.

ART DEPESCHE: Architektur und Landschaft können als Motiv für sich stehen, oder die Architektur ist in die Landschaft eingebettet. Gibt es dabei wesentliche Unterschiede in der Herangehensweise?

Laetitia Mantis: Nein, für mich jedenfalls nicht. Ich versuche lediglich, die Information, die von außen kommt, mit der Information, die von Innen kommt, in Einklang zu bringen. Wenn da nun ein Haus in der schönen Landschaft steht, kann ich es nicht wegräumen, es sei denn, ich manipuliere das Bild. Das ist aber eine Art Manipulation, die ich eher nicht mag. Ob ich mir das Haus näher anschaue, entscheidet übrigens das Haus. Wenn es eine Seele hat, wird es mich schon dazu einladen. Falls nicht, dann bleibt es halt ein Element in der Landschaft.

ART DEPESCHE: Es ist umstritten, ob die Fotografie eine eigene Kunstgattung oder lediglich ein Mittel der Kunst ist. Wie sehen Sie das, und warum?

Laetitia Mantis: Die Photographie ist für mich dann Mittel zur Kunst, wenn ich einfach Bilder sammle, deren Komponenten ich für Collagen verwenden will. Wenn es mir um das Photo an sich geht, Komposition, Licht, etc., dann sehe ich das schon als eigene Kunstgattung.

ART DEPESCHE: Es ist, im Gegensatz zur Malerei, bei der Fotografie die Tendenz festzustellen, den Surrealismus als Kunst zu betrachten, den Realismus hingegen nicht. Woran liegt das Ihrer Ansicht nach?

Laetitia Mantis: Realismus bedeutet für mich in beiden Fällen, dass jemand sein Handwerk beherrschen muss. In der Photographie ist das Ziel jedoch einfacher zu erreichen. Und wer weiß denn heute noch in Zeiten der Bildmanipulation, was wirklich real am photographischen Realismus ist. Aber mal im Ernst: Ich habe gar keine Zeit für solche Gedanken. Schöpfung fragt nicht nach dem „Warum?“ oder dem „Wert“ einer Schöpfung. Vielmehr ist es das Prinzip der Wirkung, das dahinter steckt.

ART DEPESCHE: Bislang haben Sie ein Buch mit Schwarz-Weiß-Fotografien veröffentlicht. Was gibt es dazu zu sagen?

Laetitia Mantis: Die Photographien für das Buch sammelte ich bei meinem ersten Besuch in Sintra, einem Ort in Portugal, den ich als besonderen und magischen Ort betrachte. Mein erster Besuch jährt sich dieses Jahr zum 10ten mal, seitdem bin ich immer wieder dort gewesen und habe neue Bilder gesammelt, die ich beizeiten mal zu einem neuen Buch zusammen fassen möchte. Und bevor nun jemand fragt, wann das Buch rauskommt: Ich weiß es noch nicht. Wenn etwas fertig ist, dann ist es fertig. Momentan fühlt es sich noch nicht fertig an. Vielleicht will ich aber einfach auch nochmal nach Sintra zurück.

ART DEPESCHE: Ihr Atelier Abraxas in Leipzig, welches als Galerie und Veranstaltungsort diente, hatte nicht lange Bestand. Warum haben Sie ihre Zelte so schnell wieder abgebrochen?

Laetitia Mantis: Die Räumlichkeiten erwiesen sich als problematisch, was die Genehmigungslage und den Bauzustand anging. Und nach anderthalb Jahren habe ich jede Hoffnung auf Änderung aufgegeben. Der Gedanke, innerhalb Leipzigs noch einmal von vorne anzufangen, hat mir nicht gefallen, da es mich schon seit langem aufs Land zurück zog. Ich möchte in Zeiten wie diesen auch einfach nicht in einer Stadt leben.

ART DEPESCHE: Nun gibt es eine Neuauflage in Wendelstein an der Unstrut. Was ist dort in Zukunft zu erwarten? Was sind Ihre Pläne?

Laetitia Mantis: Mein Atelier hier würde ich nicht unbedingt als Neuauflage bezeichnen, vielmehr ist es derzeit eine private Ausstellung in privaten Räumen. Ich habe den Namen Atelier Abraxas zwar beibehalten, weil er mir etwas bedeutet, aber die Manifestation ist hier doch eine ganz andere, so wie auch mein Leben hier ein ganz anderes ist. Als ich hierher gezogen bin, hatte ich eigentlich vor, mir bloß eine kleine Werkstatt einzurichten. Daß es dann einen Raum für ein Atelier gab, ergab sich einfach so, da habe ich natürlich nicht nein gesagt. Was langfristig daraus wird, kann ich noch gar nicht sagen.

ART DEPESCHE: Laetitia, herzlichen Dank für die Auskünfte!

 

zur Person:

Laetitia Mantis wurde 1973 in Hamburg geboren. Sie studierte in den zweiten Hälfte der 90er Jahre Geologie und Paläontologie in Hamburg und promovierte später in Experimentalphysik im Bereich Materialforschung. Ihre Fähigkeiten als Künstlerin, Fotografin und Mediendesignerin erlangte sie im Selbststudium. Im September 2013 eröffnete sie das „Atelier Abraxas“ in Leipzig, welches als Galerie und Veranstaltungsort genutzt wurde, allerdings Anfang 2015 schließen mußte. Seit dem ersten August 2015 können ihre visuellen Arbeiten in Wendelstein an der Unstrut nach Absprache besichtigt werden.

 

Verweise:

https://laetitiamantis.wordpress.com
https://www.facebook.com/mantis.laetitia
https://www.facebook.com/atelier.abraxas

Laetitia Mantis im Gespräch mit Ruedi Strese https://art-depesche.de/images/11892239_1032577370095216_5758768408639964397_n_900px.jpg Ruedi Strese