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Emil Nolde „Mohn und rote Abendwolken“ (Öl auf Leinwand, 1943)

Berlin – Ein medial gezüchtetes Skandälchen wickelte sich um zwei Bilder des norddeutschen Expressionisten Emil Nolde, welche seit 2006 im Büro Angela Merkels im Bundeskanzleramt gehangen hatten und von dort stumme Zeugen einer Kanzlerschaft wurden. Das Skandalträchtige war jedoch nicht das Tun der Lebenden, sondern das des Toten, denn Emil Nolde war nicht nur ein großer Künstler, sondern zudem ein recht fanatischer Nationalsozialist gewesen. Dieses Thema dient als Aufhänger einer Ausstellung seiner Werke im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart, welche bis zum 15.9.2019 zu sehen sein soll.

Der vollständige Titel der Schau ist „Emil Nolde – Eine deutsche Legende. Der Künstler im Nationalsozialismus“ und läßt bereits etwas erahnen. Endlich müsse mit dem Mythos des verfolgten Künstlers aufgeräumt werden, war zu lesen, und viel zu lange sei Noldes Werk von seiner Weltsicht getrennt betrachtet worden. Aber ist es nicht eher so, daß eine größere Ausstellung, welche lediglich Noldes Kunst betrachtet, ohne ihn gleichzeitig als Person scharf zu verurteilen, schon seit langem nicht mehr möglich gewesen wäre?

Nun, die Bilder aus dem Kanzleramt mußten weichen, ein Vorgang, für den der jüdische Historiker Michael Wolffsohn trotz der bekannten Judenfeindschaft des Malers wenig Verständnis hatte: „Hier zählt die Kunst. Zur Kunst zählt die Tatsache, dass die Kunst von Menschen gemacht wird. Kein Mensch entspricht dem Idealbild vom perfekten Menschen“, so Wolffsohn. „Bilder von Emil Nolde sind großartig.“ Sein Fazit: „Ein ganz großer Künstler, aber ein ganz schwacher Mensch. Zu der Gebrochenheit deutscher Geschichte sollte man sich bekennen und nicht zuletzt im Bundeskanzleramt.“ Die Bilder seien in jedem Fall zeigbar.

Eines der entkanzlerten Bilder („Brecher“) befindet sich derzeit im Hamburger Bahnhof, das andere („Blumengarten“) war zuvor in der Hallenser Moritzburg zu sehen gewesen. Was aber wird uns sonst in Berlin geboten?

In jedem Fall viel Geschichte. Die Kontroverse, welche sich zu Noldes Lebzeiten bereits entspann, wird in einer reichen Auswahl von Dokumenten und Zitaten verdeutlicht. Bewunderer kommen ebenso zu Wort wie seine Gegner, und die Unklarheit der Fronten kann durchaus als spannend betrachtet werden. Es gab Völkische, die seine Bilder als degeneriert abtaten, und Nationalsozialisten, welche ihn als Begründer einer echt deutschen Moderne feierten (der „Expressionismusstreit“), unversöhnliche politische Gegner wie solche, die Noldes Weltsicht denkbar fernstanden und seine Kunst dennoch schätzten.

Was diese selbst angeht, wird deren ganze Vielfalt verdeutlicht. Es beginnt bei kaum bekannten Werken aus früheren Jahren, etwa einem an rembrandtschem Helldunkel angelehnten Selbstporträt von 1899 oder dem völlig eigenständigen Porträt seiner Frau Ada von 1904. Auch einige der berühmten religiösen Bilder sind zu sehen („Die Sünderin“ oder „Pfingsten“ von 1909 sowie „Verlorenes Paradies“ von 1921), Werke, welche seinen völkischen Widersachern später als Munition dienten. Eines der von der Nolde-Stiftung Seebüll geliehenen Bilder, „Sechs Herren“ von 1921, war seit der Retrospektive zu Noldes 50. Geburtstag 1927 nicht öffentlich gezeigt worden.

Bekannt sind die meisten der gezeigten Blumenbilder mit ihrem Farbenrausch und die herben Landschaften, auf welche ein Großteil des Ruhmes des Malers zurückgeht. Interessant eine größere Serie von Aquarellen, welche sich mit nordischen Themen befassen; ein Versuch, es dem völkischen Geist seiner Zeit recht zu machen. Drei dieser Aquarelle wurden 1938 als Ölgemälde umgesetzt, von diesen „Wikingerbildern“ wurden zwei 1945 von Rotarmisten verbrannt, eines blieb erhalten und ist hier zu sehen.

Auch die unter „Berge, Burgen, Feuer“ zusammengefaßten Aquarelle verdienen Beachtung, sowie einige weitere, welche Nolde 1943 an seine Frau schickte. Sehr interessant auch die Rekonstruktion des Bilderrraumes von Noldes Domizil im nordfriesischen Seebüll in der Hängung des Winters 1941/42, wobei die nicht verfügbaren Originale durch Drucke ersetzt wurden. Es endet mit einigen wenigen Nachkriegsarbeiten, welche die christliche Thematik des Frühwerks wieder aufgreifen („Jesus und die Schriftgelehrten“, 1951), sowie Betrachtungen zur Rezeptionsgeschichte, speziell des lange für das verbreitete Nolde-Bild bestimmenden Porträts in der „Deutschstunde“, dem Roman Siegfried Lenz’.

Abschließend doch noch ein paar Gedanken zur aktuellen Kontroverse: wenn wir das Wirken eines Menschen in seiner Zeit tatsächlich individuell beurteilen wollen, sollte der nach tieferer Wahrheit suchende Blick sich vom oberflächlichen Bekenntnis nicht zu sehr ablenken lassen. Mut und Feigheit, gelenktes und eigenständiges Denken, Opportunismus und Charakterstärke hat es immer gegeben und gibt es auch heute, vielleicht sogar in gleicher Verteilung, eine anthropologische Konstante, ungeachtet der jeweiligen Vorzeichen.

Die Frage, die implizit den Heutigen, leider in schiefer Absicht (nämlich der Selbsterhöhung und Verurteilung anderer), gestellt wird, lautet: wo hätte ein Mensch, in einer Zeit, in der er gar nicht gelebt hat, gestanden, wenn er damals gelebt hätte? Die Antwort darauf kann indes durchaus sehr verschieden ausfallen, je nachdem, ob wir der Absicht und Mode folgend sein Bekenntnis, oder, menschliche Wahrhaftigkeit suchend, seinen Charakter zugrundelegen.

Nolde hat allerdings, dies bleibt festzuhalten, nicht nur eine Gesinnung gehabt, sondern sich, vor sich selbst sicher durch seine Gesinnung gerechtfertigt, zu menschlich unbestreitbar erbärmlichen Taten hinreißen lassen. Als erschreckendster Beleg sei die 1933 gegenüber den neuen Machthabern erfolgte und überdies fälschliche Denunziation seines ehemaligen Brücke-Mitstreiters Max Pechstein als „Jude“ genannt. Ein trauriges Kapitel, keine Frage.

Die heutigen Ankläger jedoch, welche von sicheren Posten aus ihren von Politik und Medien geförderten Exorzismus betreiben, sind der Ansicht, sie wären damals auch von Anfang an und sowieso „dagegen“ gewesen. Aber ist das wirklich in jedem Fall so sicher? Vielleicht muß man diese Frage gar nicht beantworten, es reicht, ein wenig darüber (und über das Wesen der Menschen allgemein) nachzudenken. Im Gegensatz zu seinen posthumen Widersachern war Emil Nolde zumindest ein großartiger Maler. Seine Bilder sind von bleibendem Wert, und die aktuelle Ausstellung liefert zahlreiche Belege dafür.

Der Hamburger Bahnhof befindet sich in der Invalidenstraße 50-51, 10557 Berlin, unweit des Hauptbahnhofs, und hat am Dienstag, Mittwoch und Freitag von 10-18, am Donnerstag von 10-20 sowie am Wochenende von 11-18 Uhr geöffnet. Die Sonderausstellung kostet regulär 8,-, ermäßigt 4,- Euro. Aufgrund des großen Andrangs werden nur Zeitfenstertickets verkauft; es empfiehlt sich eine Vorbestellung im Online-Shop des Hamburger Bahnhofs.

 

Verweise:

http://emilnoldeinberlin.de/
https://www.smb.museum/museen-und-einrichtungen/hamburger-bahnhof/ausstellungen/detail/emil-nolde-eine-deutsche-legende-der-kuenstler-im-nationalsozialismus.html
https://www.deutschlandfunk.de/historiker-zu-antisemitischem-kuenstler-auf-jeden-fall-sind.694.de.html?dram:article_id=446139

Die Rezeption eines Künstlers im Wandel der Zeiten: Emil Nolde in Berlin https://art-depesche.de/images/AD_1212121212.jpg Ruedi Strese