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Max Pechstein „Kutter zur Reparatur“ (Öl auf Leinwand, 1933)

Berlin – Sicher nicht ganz zufällig etwa zeitgleich mit der kürzlich hier besprochenen Ausstellung zu Emil Nolde und seiner Beziehung zum Nationalsozialismus im Hamburger Bahnhof beschäftigt sich das Brücke-Museum in Berlin-Dahlem auch mit den anderen einstigen Brücke-Mitgliedern und ihrer teils widersprüchlichen Positionierung in dieser Zeit. Zu diesem Zweck wurden ausgewählte Werke aus dem eigenen Bestand und einige Leihgaben aus Künstlernachlässen und Privatbesitz zusammengestellt.

Bis zum 11. August 2019 wird die Ausstellung gehen, mit dem vollständigen Titel „Flucht in die Bilder? Die Künstler der Brücke im Nationalsozialismus“. Erstmals hat man dazu nicht nur die eigenen Räume genutzt, sondern das benachbarte Kunsthaus Dahlem miteinbezogen.

Der Rundgang beginnt mit einer Zeittafel und ist grob nach der Folge der Ereignisse geordnet. Erstes Thema ist der Expressionismusstreit in den ersten Jahren der NS-Herrschaft, als noch keineswegs klar war, daß sich der völkische Flügel und mit ihm die akademische Malerei durchsetzen würde und durchaus noch Hoffnungen bestanden, daß die Regierung eine explizit deutsche Moderne unterstützen oder zumindest dulden würden. Kirchner verfolgte aus dem Schweizer Exil, wo er sich 1938 das Leben nehmen sollte, die hiesigen Ereignisse, doch Karl Schmitt-Rottluff, Erich Heckel und der Parteigenosse Emil Nolde hatten durchaus Anhänger unter nationalen Kräften und somit zunächst Gründe für eine optimistische Haltung.

Selbst Max Pechstein versuchte trotz innerer Distanz eine Annäherung und zeichnete für einen KdF-Wettbewerb das Bild „Das Symbol der Arbeit“ (nur als Reproduktion zu sehen). Völkische Kritik am Expressionismus hatte vor allem der Figurenmalerei gegolten, Schmitt-Rottluff, Heckel und Pechstein malten nun vermehrt Landschaften, wobei diese Tendenz jedoch bereits vor der Zäsur 1933 bestand. Auch die Figurenbilder dieser Zeit wandten sich in Richtung Naturalismus (etwa Pechsteins „Junge mit Schneebällen und drei Nelken“, 1937), und Pechstein, Nolde, Heckel und Schmitt-Rottluff konnten zunächst durchaus noch mit Einzelausstellungen gewürdigt werden.

Dennoch setzten sich die insbesondere vom Rosenberg-Flügel vertretene Einschätzung als „entartete Kunst“ und die Verfemung des Expressionismus durch. Ein kleiner Exkurs zeigt die Wurzeln und Geschichte des Begriffs, der zuerst vom Zionisten Max Nordau genutzt worden war – ein pikantes Detail.

Die entsprechende Wanderausstellung 1937 zeigte insbesondere frühe Werke der Brücke-Künstler, die als besonders anstößig galten (davon sind mehrere hier zu sehen), obwohl diese mittlerweile deutlich zurückhaltender malten und prominente Fürsprecher hatten – es nutzte jedoch wenig, der Daumen hatte sich gesenkt. Indes blieben alle Brücke-Künstler weiterhin, wenn auch stark eingeschränkt und später teilweise mit einem Malverbot belegt, künstlerisch tätig. Es sind noch einige zum Teil sehr interessante Arbeiten zu sehen: zarte Landschaftsaquarelle von Heckel, ein beschauliches Gemälde mit Booten am Ostseestrand von Pechstein; von Schmitt-Rottluff gibt es sehr farbstarke Landschaften und einige zurückhaltende und ungewohnt klassische Stilleben. Das letzte Bild Kirchners vor seinem Selbstmord, die „Schafherde“ von 1938, wird als Ergänzung auch noch einmal gezeigt.

Der letzte Teil der Ausstellung befaßt sich mit den ersten Nachkriegsjahren und ist auf das Brücke-Museum und das Obergeschoß des nahen Kunsthauses Dahlem aufgeteilt. Heckel, Pechstein und Schmitt-Rottluff hatten durch die alliierten Bombardements von Berlin massive Verluste an Bildern zu verzeichnen, teilweise versuchten sie, diese neu zu malen; auch die Frage der Ankunft in der Nachkriegszeit wird gestellt.

Es geht also, wie erkennbar geworden sein soll, vor allem um Heckel, Pechstein und Schmitt-Rottluff; Kirchner war im Exil, Mueller schon 1930 verstorben; Nolde ist auch mit nur zwei Bildern vertreten, aber wird ja auch derzeit im Hamburger Bahnhof gut abgedeckt.

Neben den gezeigten Werken selbst gibt es noch einen speziellen Grund, diese Schau nicht zu verpassen: da der Wert der Gemälde aus den hauseigenen Beständen extrem gestiegen ist, werden diese wohl zum letzten Mal unverglast zu sehen sein. Man kann natürlich hoffen, daß in Zukunft wenigstens entspiegeltes Glas verwendet wird, etwas Anderes ist es dennoch. Das Brücke-Museum befindet sich am Bussardsteig 9 in 14195 Berlin, geöffnet ist es täglich (außer am Dienstag) von 11-17 Uhr. Der Eintritt für „Flucht in die Bilder?“ beträgt regulär 8,- Euro.

 

Verweise:

https://art-depesche.de/malerei/520-die-rezeption-eines-k%C3%BCnstlers-im-wandel-der-zeiten-emil-nolde-in-berlin.html
https://www.bruecke-museum.de/de/programm/ausstellungen/67/flucht-in-die-bilder-die-knstler-der-brcke-im-nationalsozialismus

Die Künstler der Brücke im Nationalsozialismus – Ausstellung in Berlin https://art-depesche.de/images/D7BBD51B-0757-49DF-91D9-F3FE08850170.jpg Ruedi Strese