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Giovanni Battista Piranesi „Der Pfeiler mit Lampe“ (aus „Carceri d’Invenzione“, Radierung, 1760)

Berlin – Die Sammlung Scharf-Gerstenberg ist Berlins zentrale Anlaufstelle für Surrealismus und Artverwandtes. Nun wird bis zum 10.11.2019 ein Teil der eigenen Bestände im Nebengebäude, dem Marstall, in einer kleinen Sonderausstellung präsentiert. Zentrales Werk hierbei ist Giovanni Battista Piranesis berühmte „Carceri d’Invenzione“ („Kerker der Phantasie“) betitelteFolge von Radierungen aus dem Jahr 1760/61.

Den Hauptteil des Werkes Piranesis (1720–1778) stellen meisterliche Radierungen und Kupferstiche antiker Bauwerke höchster Präzision dar. Künstlerisch eigenständiger, ja, in ihrer Zeit vollkommen ohne Beispiel, sind jedoch die 16 „Carceri d’Invenzione“, was vielleicht auch als „Erfundene Gefängnisse“ übersetzt werden kann.

Eine vollständige Serie besitzt jedenfalls die Sammlung Scharf-Gerstenberg, und man kann die gegenwärtige Darbietungsform ruhig einmal nutzen, das andere als Beiwerk betrachten und sich gezielt diesen verstörenden, albtraumhaften Arbeiten widmen. Sie zeigen gewaltige Räume voll merkwürdiger, widersprüchlicher Perspektiven, Treppen, die ins Nichts führen oder gegen die Wand laufen, und gequälte Figuren. Eindrucksvoll.

Ergänzend gibt es thematisch mehr oder weniger passende Arbeiten verschiedener Künstler bis in die Gegenwart hinein. Beispiele der berühmten goyaschen Caprichos wie auch aus der Serie „L’Imagination“ Honoré Daumiers werden gezeigt; Daumier hielt sich wegen seiner Karikaturen eine Zeit zwangsweise in einer Heilanstalt auf. Odilon Redon ist mit dem Pastell „Mädchenprofil mit Blumen“ sowie zwei Kohlezeichnungen vertreten.

Aus der italienischen Pittura metafisica sind deren beiden Hauptvertreter Giorgio de Chirico und Carlo Carrà mit jeweils einer Zeichnung dabei, aus dem Surrealismus sind Arbeiten von Wolfgang Paalen, Max Ernst, Kurt Seligmann, Hans Bellmer und Richard Oelze zu betrachten.

Der Bereich der Skulptur im weiteren Sinne wird von noch recht gegenwärtigen Künstlern abgedeckt: „Der Schlüssel der Geburt“ ist ein frühes Werk des erst kürzlich verstorbenen Christian d’Orgeix klassisch surrealistischer Machart, von Antoni Tàpies gibt es einen gebrannten Tonschädel. Der Bereich, wo die klassische Herleitung des Kunstbegriffes vom Können nicht mehr ohne Weiteres anwendbar ist, wird durch ein durchaus makaberes, wesentlich aus Schrott zusammengesetztes Werk „Frau hinter Gitter“ von Wadim Abramowitsch Sidur erreicht.

Es sei abschließend noch einmal betont, daß die meisten gezeigten Werke dem Besucher der Dauerausstellung bekannt sein dürften, einen Besuch kann man natürlich dennoch wagen. Die nächste Sonderausstellung wird dann übrigens im Dezember beginnen; hier soll ein Einblick in das Schaffen des eigenwilligen Horst Janssen gewährt werden.

Die Sammlung Scharf-Gerstenberg befindet sich in der Schloßstraße 70 in 14059 Berlin. Geöffnet ist sie von Dienstag bis Freitag 10-18 Uhr sowie am Sonnabend und Sonntag von 11-18 Uhr; der Montag ist Schließtag. Ein gewöhnliches Ticket kostet 10 Euro (ermäßigt 5,-) und berechtigt zusätzlich zum Besuch der nahegelegenen Sammlung Berggruen.

 

Verweise:

https://www.smb.museum/museen-und-einrichtungen/sammlung-scharf-gerstenberg/ausstellungen/detail/kerker-der-phantasie.html
https://art-depesche.de/malerei/424-surreale-welten-%E2%80%93-die-sammlung-scharf-gerstenberg.html

„Kerker der Phantasie“ - die aktuelle Sammlungspräsentation bei Scharf-Gerstenberg https://art-depesche.de/images/Der_Pfeiler_mit_Lampe.jpg Ruedi Strese