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Horst Janssen „Bielenberg“ (Radierung auf Japanbütten, 1970)

Berlin - Horst Janssen (1929-1995) gehörte zweifellos zu den originellsten und begabtesten Protagonisten der westdeutschen Nachkriegskunst. Dieses Jahr wäre er 90 Jahre alt geworden, was die Sammlung Scharf-Gerstenberg in Charlottenburg zum Anlaß für ihre neue Sonderausstellung nimmt, betitelt „Lebenskleckse - Todeszeichen. Horst Janssen zum Neunzigsten“, zu sehen bis zum 3. Mai 2020.

Im niedersächsichen Oldenburg als außerehelicher Sohn einer Schneiderin geboren, wuchs Janssen vaterlos auf. Die Aufnahme in die Napola (Nationalpolitische Erziehungsanstalt) 1942 erwies sich für ihn wohl als Glücksfall, denn der dortige Zeichenlehrer erkannte seine künstlerische Begabung und förderte ihn.

1943 verstarb die Mutter, deren jüngere Schwester adoptierte ihn und ermöglichte ihm später sein Kunststudium an der Hamburger Landeskunstschule bei Alfred Mahlau. Als innig geliebtes „Tantchen“ tauchte sie in seinen Werken immer wieder auf.

Seine ersten Schaffensjahre waren von einem gewissen Widerspruch gekennzeichnet, denn trotz gewaltiger Produktivität und hervorragender Verkäufe hatte er es als dem Figürlichen verschriebener Künstler unter dem seinerzeit herrschenden Dogma der gegenstandslosen Kunst, welches zu angesichts dieses Streitpunktes heute kaum vorstellbaren wahren Hexenjagden geführt hatte (es sei an den Fall Will Grohmann gegen Karl Hofer erinnert), nicht immer leicht. Der Geruch des Anachronistischen und Reaktionären haftete ihm an, und er selbst pflegte die Abgrenzung gegenüber der abstrakten Mode auch bewußt.

Alkoholexzesse, Raufereien und chaotisch bis tragisch verlaufende Liebesgeschichten prägten sein Leben und wurden Thema des Feuilletons, gleichzeitig schuf er unablässig und fand auch international große Anerkennung, vor allem als Zeichner wurde er gerühmt. Ein schrecklicher Unfall ereignete sich 1990, als Janssen mit dem Balkon seines Hauses, auf welchem auch die Wannen mit den Säuren für die Ätzungen seiner Radierungen standen, in die Tiefe stürzte. 1995 verschied er an den Folgen eines Schlaganfalls.

In der deutschen Kunst der Nachkriegszeit nimmt Janssen eine Sonderstellung ein, wenn es auch eine gewisse Verwandtschaft zum Surrealismus gibt und er u.a. mit dem Neosurrealisten Paul Wunderlich, welcher ihn die Technik der Radierung lehrte, eng befreundet war.

Die rund 120 ausgestellten Werke sind zumeist kleineren Formates, dabei sind Polaroid-Fotografien, Collagen, Fotoradierungen, Radierungen, Lithographien, Federzeichnungen, Aquarelle, Bleistiftzeichnungen, Pastelle; also eine sehr vielseitige Mischung, was die Medien angeht.

Rausch und Angst, erotische und albtraumhafte Phantasien, oft Hand in Hand, waren die bevorzugten Sujets dieses Meisters der düsteren Seite der Kunst. Ein Element, welches zudem ein verbindendes Element der gezeigten Arbeiten ist, ist der Zufall. Kleckse, Fotoausschnitte, oder auch eine trockene Bananenschale können als Ausgangspunkt dienen; ein Ansatz, dessen sich auch die Surrealisten bereits bedient hatten.

Im Zusammentreffen seelischer Zerrüttung und echter Begabung steht Janssen hingegen eher in der Nachfolge von Edvard Munch oder James Ensor als in jener der Surrealisten, bei welchen (mit dem Paradebeispiel Salvador Dalís) der operettenhafte Auftritt oft eine große Rolle spielte. Trostlose Landschaften, tanzende Skelette, grotesk entstellte Geschlechtsakte, von Leiden kündende Selbstbildnisse zeugen davon. Kann ein Bild trauriger wirken als die Collage „Kritzelritter“?

Positiv zu vermerken ist auch, daß in diesem Fall nicht, wie bei anderen Sonderausstellungen der Sammlung Scharf-Gerstenberg weitestgehend Stücke der Dauerausstellung lediglich neu präsentiert wurden, sondern es sich um hochkarätige Leihgaben handelt, vor allem aus dem Kupferstichkabinett der Hamburger Kunsthalle, aus dem Horst Janssen-Museum in Oldenburg, der Janssen nahestehenden Galerie Brockdorf in Berlin sowie der privaten Sammlung von Tete Böttger.

Eine lohnende Ausstellung, wenn man sich mit dem abseitigen und depressiven Charakter des Werkes anfreunden kann.

Die Sammlung Scharf-Gerstenberg befindet sich in der Schloßstraße 70 in 14059 Berlin. Geöffnet ist sie von Dienstag bis Freitag 10-18 Uhr sowie am Sonnabend und Sonntag von 11-18 Uhr; der Montag ist Schließtag. Ein gewöhnliches Ticket kostet 12,- Euro (ermäßigt 6,-) und berechtigt zusätzlich zum Besuch der nahegelegenen Sammlung Berggruen.

 

Verweise:

https://www.smb.museum/museen-und-einrichtungen/sammlung-scharf-gerstenberg/ausstellungen/detail/lebenskleckse-todeszeichen.html
https://www.berlin.de/ausstellungen/nachrichten/6000217-3041403-horst-janssen-ausstellung-im-surrealiste.html
https://www.horst-janssen-museum.de/horst-janssen/
https://www.van-ham.com/datenbank-archiv/datenbank/horst-janssen.html
https://www.kettererkunst.de/bio/horst-janssen-1929.php
https://www.ndr.de/geschichte/koepfe/Horst-Janssen-Exzessives-Leben-expressive-Kunst,horstjanssen105.html

Nachtseitig: Horst Janssen in der Sammlung Scharf-Gerstenberg https://art-depesche.de/images/Bielenberg.jpg Ruedi Strese