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Edwin Grissen „Huh“ (Öl auf Leinwand, 2020)

Bremen - Vor einigen Tagen hatten wir hier bereits in einem Artikel dem holländischen Lichtmaler Edwin Grissen für seine lesenswerten Ausführungen Raum gegeben. Da diese recht umfangreich sind, hatten wir uns entschieden, sie als Zweiteiler zu veröffentlichen. Heute also nun die Fortsetzung. Viel Freude damit!

Hier können Sie den ersten Teil lesen: https://art-depesche.de/malerei/624-maler-der-natur-edwin-grissen-im-selbstporträt,-teil-1.html

„In meinen Gemälden der Stadt Groningen im Norden Hollands bilde ich das städtische Leben ab. Keine feierlichen Abbildungen von Leuten, die einkaufen und sich auf den Terrassen amüsieren, wie bei den Impressionisten, sondern zumeist ruhige Straßen und Kreuzungen, die in erster Linie nicht die Art von Szenen für Postkarten sind. Ich mag Teile der Stadt, die eine nüchterne Stimmung haben, doch in Sonnenlicht baden, so, wie es der amerikanische Maler Hopper vor einem Jahrhundert malte. Ich habe mehrere Arbeiten zu einer Tankstelle inmitten der Stadt gemalt, nur, weil mich diese an Hoppers Werk erinnerte. Ich male Groningen einfach, weil ich dort gelebt habe und es gut kenne. Wenn man einen Ort gut kennt, ist es einfacher, Flecken abzubilden, die weniger naheliegend sind, doch mindestens genauso interessant oder sogar interessanter. Hopper sagte in einem seiner Interviews auf eine Frage zu seinen isolierten Figuren: ‚Ich möchte bloß das Sonnenlicht malen, wie es von den Wänden eines Hauses reflektiert wird.‘ Ich denke, dies war eine kurze Antwort, um der wirklichen Frage nach seiner zugrundeliegenden Stimmung auszuweichen, doch in technischen Begriffen, denke ich, war er aufrichtig. Das Sonnenlicht ist das beste Mittel für einen figurativen oder realistischen Maler, um Objekte im Raum darzustellen. Das Sonnenlicht wirft einen Schatten auf das Objekt, so wie das Objekt einen Schatten auf die Oberfläche wirft. Dieses Spiel von Licht und Dunkel ist das wichtigste Mittel. Wir wissen von den Impressionisten, daß es viele Arten der Darstellung von Sonnenlicht gibt, da sie Farbkontraste mehr nutzen als Hell-Dunkel-Gegensätze. Die alten Meister wie etwa Rembrandt und Caravaggio haben im Vergleich vor allem Hell und Dunkel und weniger Farbe genutzt, um Licht darzustellen. Der Grund liegt in der Tatsache, daß einfach weniger Farben erhältlich waren, zudem wurde im 19. Jahrhundert besser verstanden, wie das Licht in reflektierenden Pigmenten wirkt.

Licht ist auch ein Werkzeug, um die Stimmung in einem Bild festzulegen. Benutzen wir helle Farben, erzeugt es Licht und Optimismus, und das Gegenteil spiegelt mehr Ernsthaftigkeit oder Verdruß wieder.

In Holland gab es eine Gruppe, genannt die Haager Malerschule. Sie haben in ihrem Erbe die Abbildung einer Ära hinterlassen, indem sie das tägliche Leben malten, so, wie es vor ihren Augen erschien. Sie haben gedämpfte Töne gegenüber den hellen bevorzugt, und ihre Themen waren oft die Menschen, die in der umgebenden Landschaft arbeiteten. Nicht die exotischen oder idealisierten Landschaften wie bei den Romantikern, noch die Verspieltheit und der Optimismus der Impressionisten. Sie wollten das Hier und Jetzt zeigen. Etwas, das ich nachvollziehen kann. Sie hatten noch etwas gemeinsam mit mir wie auch den Impressionisten, und das ist das Malen im Freien. Wenn man etwas abbilden möchte, zu dem man wirklich einen Bezug hat, würde ich vorschlagen, man sollte direkt davor sitzen. Ich habe grundsätzlich eine Haltung zu den Dingen, die ich abbilden werde. Wenn man sich eine Art Meinung oder ein spezifisches Interesse gebildet hat, wird man zu einem Bild gelangen, welches mehr zeigt als das Ding selbst. Ein gutes Bild zeigt für mich sich selbst durch das Malen. Man kann ein erstaunlicher Maler sein und doch langweilige Bilder malen.

Der Nebeneffekt der Arbeit im Freien, den ich für mich selbst bemerkte, ist der Umgang mit der Farbe. Aus dem ganz einfachen Grund, daß es weniger Zeit zum Malen unter den gleichen Bedingungen gibt, und man ist gezwungen, größere Schritte zu machen, um das ganze Bild zu schaffen oder wenigstens in einen Zustand zu bringen, daß man in weiteren Sitzungen daran weiter arbeiten kann. Das hat mich zu einer kräftigeren oder aktiveren Pinselführung gebracht, etwas, was ich in anderen Künstlern, wie einigen der Impressionisten, immer bewundert habe. Ich denke, selbst in Bildern, die detailliert oder ausgefeilt sind, ist es wichtig, eine persönliche Handschrift beim Malen zu haben. Für mich ist dies die größte Empfindung, die ein Bild widerspiegeln kann. Mit einem Mangel an Bewegung im Farbauftrag wird das Bild etwas steril. Darum empfehle ich den Leuten immer, statt Fotografien das originale Bild anzusehen. Meine finanzielle Situation zwingt mich zum Zweitjob. Zu einer Zeit arbeitete ich im Museum von Groningen als Flurwächter. Damals hatten sie eine Ausstellung von Ilja Repin, die ich überwältigend fand. Neben der Größe und Gesamtqualität seiner Gemälde ist der Einsatz seiner Pinselarbeit grandios! Besonders in seinen Skizzen nimmt er sich beim Umgang mit der Farbe große Freiheiten. Seine Pinselführung scheint mühelos, doch im unglaublichen Effekt ist sie immer genau auf den Punkt! Es ist eine Zurschaustellung dessen, was sie ‚sprezzatura‘ nennen, eine scheinbare Mühelosigkeit beim Farbauftrag, um einen realistischen Effekt zu erzielen. In seinen großen, anspruchsvollen Arbeiten ist sein Pinselduktus angepaßt, doch seine wesensprägende Hand ist immer noch erkennbar. Dies gilt für zahlreiche russische Maler des 19. Jahrhunderts, welche in ihrem Umgang mit der Farbe und ihrem Sinn für Realismus meine höchste Wertschätzung haben. In der Gruppe, welche sie damals gegründet hatten, ‚Die Wanderer‘ [‚Peredwischniki‘ - Anm. der Redaktion], war auch ein Malerkollege, Iwan Schischkin, der hauptsächlich Waldszenen malte. Manche seiner Arbeiten hingen in Holland und zeigen die gleiche Leichtigkeit beim Farbauftrag. Einige seiner Bilder zeigen kathedralenartige Wälder mit heroischen Bäumen und minutiös ausgeführten Pflanzen. Schischkin ist einer der Künstler, die mich motiviert haben, Waldszenen zu malen.

Für jedes Genre gibt es viele Vorläufer, die zu erwähnen wären. Für die Seestücke habe ich Aiwasowski erwähnt, doch später begegnete ich einem amerikanischen Maler namens Judd Waugh; schauen Sie mal im Internet nach ihm. Er kann sehr frei mit der Farbe umgehen und hat einen großartigen Sinn dafür, Bewegung im Wasser festzuhalten. Sogar mehr als Winslow Homer, dessen Werk ich ebenfalls sehr bewundere. Ihre Arbeit ist im Ansatz weniger romantisch, mehr realistisch.

Werke von großer Qualität, die inspirieren, lassen sich überall finden, nicht nur in Museen und Galerien. Wenn ich im Internet surfe oder bei Facebook unterwegs bin, stolpere ich immer mal wieder über faszinierende oder originelle Kunstwerke. Mit dem Internet ist der Zugang zu einer Kunstdatenbank weitaus leichter geworden.

In dieser kurzen Geschichte über meine Arbeit habe ich einen speziellen kleinen Fakt ausgelassen. Seit einigen Jahren mache ich Illustrationen in Form von Ölgemälden einer kleinen Maus. Ich habe ihn Hero genannt. In den Jahren, die ich ihn gemalt habe, hat er zahlreiche Abenteuer erlebt. Der Grund, warum ich ihn ausgelassen habe, ist, weil es sich um eine andere Geschichte handelt und auf den ersten Blick mit den übrigen Bildern wenig zu tun hat. Es begann alles mit einer Ausstellung, zu welcher ich Arbeiten liefern sollte. Das Thema der Ausstellung war nichts, worüber ich besonders begeistert gewesen wäre, und so habe ich den Auftrag nicht sehr ernst genommen. Es führte zu einem Bild einer Maus, die Käse aus einer Mausefalle stiehlt. Die Maus bricht derweil die Miniatur-Papierflagge von Holland, die bei Käseparties traditionell in den Käse gesteckt wird. Das Bild heißt ‚Nachtrevolutionär‘. Von Anbeginn war klar, daß es eine pfiffige Maus ist. Wie es manchmal mit Dingen geschieht, hob es ab, und ich habe eine Menge dieser Bilder der käsestehlenden Maus verkauft. So sehr mich dies gefreut hat, hatte ich zugleich auch große Freude am Malen dieser Mäusebilder selbst. Es war ein riesiger Spaß! Es ist eine wunderbare Auszeit von der gelegentlichen Schwere des täglichen Lebens. In späteren Bildern lasse ich ihn in alle möglichen Situationen geraten, in welchen er manchmal einfach lustig und manchmal tapfer und mutig reagiert. In meiner jüngsten Arbeit ist er an einem selbstgebauten Vehikel festgeschnallt, er fliegt durch einen Wald aus Fingerhut und begegnet einem Kolibri. Ich liebe es, Begegnungen zwischen ihm und einem anderen Wesen zu malen, denn man kann sich die Überraschung der Wesen vorstellen und auch, wohin es führen wird. Es ist die Unschuld, welche ich mit der Maus suche. Gleichzeitig soll er ein Vorbild dabei sein, mit den Tatsachen des Lebens umzugehen, denn er ist stets offen für neue Erfahrungen, bleibt optimistisch und ist einfallsreich. In meiner Vorstellung ist er wirklich ein Held.

Ich denke nie darüber nach, was ich als Nächstes tun möchte und bin nie besorgt darüber, was interessant zu malen wäre. Ich habe meine gelegentlichen Krisen, doch diese sind mehr finanziell begründet als anderer Art. Neue Ideen kommen auf natürlichem Wege. Wenn ich ein Bild beendet habe, erscheinen manchmal andere Facetten des Themas, an welche ich zuvor nie gedacht hatte. Wenn ich für eine Sache nicht in der Stimmung bin, versuche ich die andere. Vielleicht ist das der Vorteil an solch breitem Interesse und thematischer Vielfalt. Inspiration kommt nur durch harte Arbeit. Mein letztes Gemälde war eine Maus, und davor kam ein Fischerboot auf hoher See. Es ist ein großer Kontrast, doch in meinem Denken paßt alles irgendwie zusammen. Ich würde jedem, der gerne Künstler werden oder etwas ernsthafte Malerei betreiben möchte, raten, sich nicht zu sehr zu sorgen. Arbeiten Sie, so oft Sie können, und lassen Sie sich nicht durch den Vergleich mit anderen herunterziehen. Natürlich gibt es bessere Maler, aber sie sehen die Dinge eben nicht auf die Art, wie Sie sie sehen. Versuchen Sie, zu formulieren, was Sie mit Ihren Bildern vermitteln wollen, vielleicht ist es so einfacher, zu verstehen, was Sie auszudrücken versuchen. Wenn Sie soviel malen wie ich, werden Sie wahrscheinlich schon herausgefunden haben, daß die Freude im Malen selbst liegt, und nicht im Ergebnis.

Meine Arbeiten sind digital zu sehen: www.edwingrissen.com und auf Facebook. Sie werden in meiner eigenen Galerie, der ‚Galerie de Winkel‘ in Onderdendam, Achterweg 2, Niederlande, gezeigt.

Momentan ist das Ausstellen etwas schwierig, denn viele Einrichtungen sind ob des Virus geschlossen. Meine Galerie ist an Sonntagen immer noch geöffnet. Für Anfragen bezüglich eines Besuchs senden Sie mir bitte eine Mail:

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https://galerie-de-winkel.business.site“

 

Übersetzung aus dem Englischen von Ruedi Strese

 

Verweise:

http://www.artnet.com/artists/frederick-judd-waugh/
https://www.edwingrissen.com/
https://art-depesche.de/malerei/624-maler-der-natur-edwin-grissen-im-selbstporträt,-teil-1.html

Maler der Natur: Edwin Grissen im Selbstporträt, Teil 2 https://art-depesche.de/images/Huh.jpg Ruedi Strese