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Guy Rose „Die Eiche“ (Öl auf Leinwand, 1916)

Bremen - Monet geht immer. Impressionismus überhaupt geht immer. Ausstellungen impressionistischer Kunst ziehen immer und immer wieder Scharen von Besuchern an. Der Bedarf nach Licht, nach Natur, nach Schönheit in der Kunst ist also unbestreitbar vorhanden. Auf dem Markt für Gegenwartskunst in Deutschland spiegelt sich dies jedoch nicht wieder. Was ist hier los?

Der Bedarf wäre vorhanden, ohne Frage. Im Grunde wird dies ja nicht einmal bestritten. Es wird entweder gar nicht thematisiert (da wäre dann ein riesiger blinder Fleck), oder belächelt, mild oder vehement verächtlich gemacht. Unterschwellig schwingt Hochmut mit: Impressionismus (stellvertretend für verschiedene Stile) ist eine Richtung der Vergangenheit, diese hatte ihre historische Blüte, aber die ist nun einmal vorbei, und wer ihr heute anhängt, gehört zu den Verlierern der Kunstgeschichte.

Nach dieser Auffassung konnten alle Richtungen der Vergangenheit gesetzmäßig nur dem einen Ziel dienen: der Vorbereitung der Moderne in ihren Schattierungen von Miserabilismus bis Gegenstandslosigkeit. Diese wird nun absolut gesetzt; einmal erreicht, weigert sie sich, ihrerseits nur Vorstufe der nächsten Stilepoche zu sein, obgleich sie selbst, wie die vorherigen Richtungen, denen sie sich überlegen wähnt, nur in einer bestimmten Zeit neu war. Man muß sich dessen bewußt sein: seit ihre konstituierenden Werke geschaffen wurden, sind auch bereits etwa 100 Jahre vergangen.

Gerechterweise muß man allerdings feststellen, daß die Möglichkeit einer Nachfolgeepoche auf die Moderne nach ihrem eigenen Gesetz auch kaum denkbar ist; das planvolle Ausloten der letzten Grenzen der Kunst und letztlich deren Auflösung ins Nichts war vielleicht sogar der hauptsächliche Wesenszug dieses als final gedachten Abschnitts.

Bilder, deren Häßlichkeit beabsichtigt ist, werden niemals weithin als schön empfunden werden; Schönheit ist nicht völlig beliebig und rein subjektiv. Ein weißes Quadrat auf weißem Grund läßt sich nur einmal als etwas Neues ersinnen. In ihm ist alles und nichts gesagt, es läßt, zumindest sofern wir innerhalb der Malerei bleiben, keine Steigerung zu. Im Grunde haben wir somit ein Ende erreicht, ja, die Geschichte der Malerei verlassen. Die Parallele zu den verschiedenen säkularen und universalistischen Heilslehren von Marx bis Francis Fukuyama („Das Ende der Geschichte“) ist auffällig.

Diese Moderne in ihren vielfältigen Abwandlungen dominiert jedenfalls den hiesigen Kunstmarkt, und Künstler, welche sich ohne vielfachen ironischen Bruch der Wiedergabe einer als schön empfundenen Natur verschrieben haben, haben es schwer, eine angesehene Galerie zu finden, welche sie vertreten möchte, von wenigen Ausnahmen wie Christoph Bouet abgesehen.

Vielleicht hat dies jedoch weniger mit den Wünschen des Publikums als vielmehr mit ideologisch bestimmten Vorurteilen zu tun: nach dieser Annahme herrscht gar nicht der freie Markt, vielmehr wird Ideologie über die Gesetze des Marktes gestellt. Wieviele Galerien dümpeln möglicherweise deshalb vor sich hin, weil sie sich einer zum Dogma erstarrten ewigen Moderne verschrieben fühlen? Wieviele Kunstwerke bedürfen erst der Einordnung durch den erklärenden Verstand, da sie das Auge, das Gefühl, die Seele nicht unmittelbar ansprechen? Andere wollen nichts abbilden, oder meinen, das Formschöne und Erhebende habe in der Kunst nichts verloren ... Ungebrochenes ist ein stilles Tabu.

Nicht, daß all dies keine Berechtigung hätte. Wir wollen die großartigen Leistungen all der Künstler der klassischen Moderne und ihrer heutigen Erben nicht schmälern, und der Markt scheint ja zumindest vorhanden zu sein, wir wagen lediglich zu vermuten, daß bei einer Abkehr von den (oft leider nicht einmal als solche erkannten) Dogmen und einer stärkeren Orientierung am tatsächlichen Geschmack von Kunstfreunden sich eine beträchtliche Verschiebung ergäbe.

Allen Bemühungen nach Auflösung der konstituierenden Merkmale des Menschseins durch einseitigen Materialismus, Konstruktivismus und Transhumanismus zum Trotz sind wir nämlich immer noch Menschen, und der Verfasser zumindest hofft, daß dies einstweilen so bleibt. Das heißt unter anderem auch, daß wir Augen haben, mit welchen wir Informationen aufnehmen, und daß wir beseelte Wesen sind, unsere Seele durch die aufgenommenen Informationen zu schwingen beginnt. Kurz: wir haben einen Sinn für Schönheit, und auch gemalte Bilder vermögen uns im Innersten zu berühren. Esoterisch könnte man sagen: mit uns in Resonanz gehen.

Impressionistische Malerei ist auf die Leinwand übertragenes Sonnenlicht, und wie das Licht der Sonne am Himmel uns Kraft und Wärme zu geben vermag, so vermag dies die lichtvolle impressionistische Kunst. Sie ist eine Wohltat für die Menschenseele.

Ein Plädoyer für impressionistische Malerei der Gegenwart zielt auf eine Abkehr von dogmatisch auf die Kunstwelt übertragener universalistischer Geschichtsphilosophie und eine Hinwendung zu einem dem Menschen als einem zu allen Zeiten gleichermaßen mit Auge und Seele beschenkten Wesen immanenten Gesetz.

Impressionistische oder stark impressionistisch beeinflußte Gegenwartskünstler gibt es in vielen Ländern, unseren Lesern haben wir die Deutsche Brunhild Schwertner, die Russin Natalia Popovich und den Norweger Tore Hogstvedt bereits vorgestellt. Lebendige Pleinairszenen blühen vor allem in Frankreich und Kalifornien, wo diese Künstler auch in Galerien gut vertreten sind und sich keineswegs verstecken müssen, und selbst in Fernost, in Vietnam, China oder Japan, folgen etliche Künstler und Galerien den Spuren Monets und van Goghs; einige Verweise mit vielen weiteren Namen finden sich unter diesem Artikel.

Gäbe es etwa in Berlin, Dresden, Hamburg oder München nur eine einzige Galerie, spezialisiert auf zeitgenössische impressionistische Malerei, ansprechend präsentiert und klug beworben: der Erfolg wäre garantiert. Es ist auch sehr stark anzunehmen, daß sich, sollte ein solches Projekt bekannt werden, zahlreiche weitere hiesige Freilichtmaler aus der Deckung wagten. Landschaften, Personen, Architektur, welche zu malen sich lohnte, gibt es ohne Ende, und die Varianz individueller Stile in und um den Impressionismus ist nicht erschöpft, solange es Individuen gibt; dies beweist bereits ein flüchtiger Blick auf einige Bilder gegenwärtiger Lichtmaler.

 

Verweise:

https://www.saatchiart.com/paintings/impressionism/nature/vietnam
https://impressionistische-malerei.jimdofree.com/
https://www.pinterest.de/rcoburn46/current-impressionism-american-a-c/
https://www.jacksonsart.com/blog/2019/04/17/contemporary-impressionism-techniques-exhibitions/
https://www.artsy.net/gene/contemporary-impressionist
https://art-depesche.de/malerei/637-lichtmalerei-auf-norwegisch-tore-hogstvedt-im-interview,-teil-1.html
https://macfineart.com/contemporary-impressionism/
https://art-depesche.de/malerei/381-pleinairmalerei-aus-der-sonnenstadt-wladiwostok-–-natalia-popovich-im-interview-teil-2.html
https://www.arsprodono.de/?language=de&cPath=77_117&cat=c117_Alexej-Golovchenko-alexej-golovchenko.html

Dem Auge sein Recht: ein Plädoyer für lebenden Impressionismus https://art-depesche.de/images/Guy_Rose_-_The_Oak.jpg Ruedi Strese