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Die wilden 20er – „Die wilden 20er – Nach(t)leben einer Epoche. Werke aus der Kunstsammlung der Berliner Volksbank“ (Ausstellungsansicht)

Bremen - „Die wilden 20er – Nach(t)leben einer Epoche. Werke aus der Kunstsammlung der Berliner Volksbank“ ist der Titel der bis zum 13. Dezember 2020 zu sehenden neuen Ausstellung im auf unserer Seite schon öfter erwähnten Kunstforum der Berliner Volksbank, und auf den ersten Blick ist er etwas irreführend, denn was gezeigt wird, sind keineswegs Bilder aus den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, sondern sie stammen aus den 1970er Jahren bis in die Gegenwart. Allerdings beziehen sie sich inhaltlich wie stilistisch in der einen oder anderen Weise auf die Neue Sachlichkeit.

Die Neue Sachlichkeit umfaßte im Grunde zwei Strömungen. Die eine ist der sogenannte „Verismus“, welcher sozialkritische Themen bevorzugte und für sich, wie der Name vermuten läßt, eine besondere Wahrhaftigkeit beanspruchte, welche in einer abstoßenden und ins Häßliche verzerrten Darstellung liegen sollte. Da die Welt aber weder Paradies noch Hölle ist, darf dies zurückgewiesen werden. Allerdings waren seine bedeutendsten Vertreter, Otto Dix und George Grosz, außerordentlich begabte Zeichner.

Die zweite Strömung war der Magische Realismus, den u.a. Alexander Kanoldt, Georg Schrimpf und Franz Radziwill vertraten, der Genauigkeit in der Darstellung mit einer verzauberten Atmosphäre verband, verwandt mit der Pittura metafisica eines Giorgio de Chirico. Zu diesen beiden historischen Strömungen lassen sich Bezüge finden.

Der Berliner Clemens Gröszer (1951-2014) ist mit drei Bildern vertreten, welche eine starke Inspiration durch Otto Dix erkennen lassen. Sehr gelungen der Halbakt „Ello mit Pfauenauge“ (2001), des Weiteren gibt es ein harlekineskes Selbstbildnis und ein großes Triptychon (2007-11) zum bekannten Café Einstein, welches dieses, randvoll gefüllt mit Zeitgestalten wie Udo Lindenberg und Karl Lagerfeld zeigt.

Letzterer ist übrigens in einem kleinen Nebenraum selbst mit zehn Werken präsent, allerdings handelt es sich bei diesen um Fotografien. Sie entstanden 1992-93 und zeigen Themen aus Mode und Theater und könnten ohne Weiteres als Szenen aus alten Schwarz-Weiß-Filmen durchgehen; die Atmosphäre ist gut getroffen.

Mit einer vierteiligen Serie namens „Fastnacht“ ist Wolfgang Stelzmann dabei. Auch hier ist der Bezug zu Otto Dix nicht abzustreiten, doch auch der Manierismus scheint durch (wie im Grunde ja auch schon bei Dix selbst).

Der Favorit des Schreiberlings ist indes ein nicht sehr großes Gemälde des der Leipziger Schule nahestehenden Wolfgang Peuker (1945-2001), betitelt „Ruhe auf der Flucht I“ (1991), welches eine silbrig beleuchtete, unwirkliche Szene mit drei Gestalten vor einem mit Wald umsäumten Gebirge zeigt, irgendwo zwischen Surrealismus und Magischem Realismus zu verorten.

Zwei größere Bilder verbinden Ölmalerei und Collage. Eines ist von Albrecht Gehse (*1955), dieser war Meisterschüler Bernhard Heisigs, in dessen expressiver Tradition er steht. Das andere von Roland Nicolaus (*1954), den kennen wir als herausragenden Vertreter einer figürlichen Malerei mit altmeisterlichen Anleihen, das hier gezeigte „Influencer“ (2018) tendiert jedoch eher in Richtung Dada x Pop Art.

Mit zwei Gemälden ist Britta von Willert (*1980) im Programm, beide entstammen einer Werkgruppe von 2011, welche sich mit dem namhaften Tanzlokal „Clärchens Ballhaus“ beschäftigt. Sehr interessant „Spiegelsaal“, eine Leihgabe aus dem Privatbesitz der Künstlerin. Die Szene erinnert in ihrer seltsamen Unwirklichkeit und den reduzierten Gesichtern trotz völlig verschiedener Farbwahl an Edward Hopper, auch Oskar Schlemmer scheint durch.

Weitere Künstler im Programm sind Hartmut Neumann, Otto Gleichmann, Bernard Schultze, Hubertus Giebe, Christian Thoelke und Gudrun Brüne; neben den erwähnten Ölgemälden und Fotografien sind auch Handzeichnungen und Druckgraphiken zu sehen. Insgesamt eine vielseitige und doch in sich schlüssige Ausstellung, wie in diesem Haus üblich ordentlich dargeboten und mit lesenswerten Begleittexten versehen.

Das Kunstforum der Berliner Volksbank befindet sich am Kaiserdamm 105 in 14057 Berlin, geöffnet hat es von Dienstag bis Sonntag 10-18 Uhr. Der Eintritt kostet regulär 4,-, ermäßigt 3,- Euro.

 

Verweise:

https://kunstforum.berlin/aktuelle-ausstellung/

Neue Sachlichkeit 2.0 - Ausstellung im Kunstforum der Berliner Volksbank https://art-depesche.de/images/Ausstellung_im_Kunstforum_der_Berliner_Volksbank.jpg Ruedi Strese