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Bernhard Heisig „Lernende Jugend (Zirkel junger Naturforscher)“ (Öl auf Leinwand, 1952)

Leipzig - Daß die Leipziger Schule mehr mit Leipzig als mit Schule zu tun hat, kann fast schon als Binsenweisheit gelten, denn außer der meist figürlichen Herangehensweise eint ihre Vertreter vor aallem, daß sie an der Leipziger Kunstakademie, heutzutage Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig (HGB), gelernt und/oder gelehrt haben. Die Herangehensweisen sind jedoch denkbar verschieden, mal expressiv, mal realistisch, mal altmeisterlich orientiert. Das Museum der bildenden Künste Leipzig präsentiert noch bis zum 8. November 2020 unter dem Titel „Sammlung im Blick“ eine breite und hochwertige Auswahl aus seinen Beständen, die vor allem Neulingen in Sachen Leipziger Schule sehr empfohlen werden kann.

In einem großen Saal nebst angrenzendem Raum werden die mittleren bis großen Gemälde zur Schau gestellt, eine spezifische Ordnung ist nur teilweise erkennbar, auch wünschte man sich über Künstlernamen, Titel, Entstehungsjahr und Provenienz hinausgehende Erläuterungen. Aber nun ... positiv hervorzuheben ist, daß die Größe der Räumlichkeiten und die großzügige Hängung eine ausgiebige Betrachtung der Werke von nah und fern ermöglichen.

Doch zum Wesentlichen: die Leipziger Schule ist natürlich nicht aus der Luft entstanden. Sie hatte Vorläufer in einem sozialistischen Realismus, wie er bereits in der frühen Sowjetunion propagiert wurde, und der in Deutschland auch vor der Gründung der DDR bereits Nachahmer gefunden hatte. Ein paar Werke von Pionieren dieser Vorphase sehen wir auch in der aktuellen Schau; die in dem kleineren Raum versammelten Gemälde von Trude Massloff-Zierfus, Elisabeth Voigt, Kurt Massloff, Klaus Weber u.a. entstanden in den 30er bis 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, sie zeigen zum Teil dezidiert proletarische Themen in realistischer Malweise, während die Gemälde von Max Schwimmer und Gerhard Kurt Müller noch starke impressionistische Wurzeln erkennen lassen. Dies also die Vorphase.

Als historischer Ursprung der eigentlichen Leipziger Schule gilt die 1961 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst gegründete Malklasse Bernhard Heisigs. Heisig: von ihm stammt eines der schönsten Bilder der Ausstellung, das Frühwerk „Lernende Jugend (Zirkel junger Naturforscher)“ aus dem Jahr 1952, ausgerechnet im Stil des von staatlicher Seite im Zusammenhang mit dem Formalismusstreit Anfang der 1950er Jahre ausschließlich geförderten und entsprechend von Kritikern geschmähten sozialistischen Realismus. Ein späteres Bild zeigt hingegen den expressiven Stil, für welchen Heisig berühmt wurde.

Andere Vertreter der ersten Stunde, die in Leipzig lehrten und ebenfalls Teil der Ausstellung sind, sind Wolfgang Mattheuer (mit einem im Staatsstil gehaltenen Gemälde und einer „Melancholischen Landschaft“, 1973), der es schaffte, Nüchternheit und Magie zu verbinden, und Werner Tübke, der zwar auch zeittypische Themen behandelte (hier sogar eine „Sozialistische Jugendbrigade“, 1964), sich dafür jedoch künstlerisch an Meistern der frühen Neuzeit orientierte. Seine Frau Angelika Tübke folgte ihm auf diesem Weg.

Auch die nächste Generation brachte großartige Künstler hervor, zu sehen ist dies u.a. an Werken von Arno Rink, Wolfram Ebersbach, Wolfgang Peuker, Sighard Gille oder Doris Ziegler. Dabei herrscht stilistische und thematische Vielfalt, wir finden die nüchterne Vedute ebenso wie mystisch-surrealistische Ansätze.

Insgesamt ist festzustellen, daß zumindest hinsichtlich der technischen Höhe die Kunst der ehemaligen DDR der zeitgleich in Westdeutschland entstandenen deutlich der Vorrang einzuräumen ist. Es mutet fast ironisch an, daß in der „sozialistisch-revolutionären“ DDR auf formale Tradition und technische Meisterschaft Wert gelegt wurde, während in der „kapitalistisch-reaktionären“ Bundesrepublik Experimente anarchistischer Formlosigkeit bevorzugt wurden und, im Zusammenhang mit den Angriffen einiger Vertreter der Abstraktion um den Kunstkritiker Will Grohmann auf Karl Hofer, die gegenständlichen Maler so aggressiv ins Abseits gedrängt wurden, daß selbst von einer Verfolgung zu sprechen nicht vollkommen abwegig ist. Nun: was bleibt, ist die Kunst, und diese Ausstellung zeigt, daß die Leipziger Schule Einiges zu bieten hatte (hat, wenn wir die hier nicht thematisierten neueren Entwicklungen berücksichtigen).

Das Museum der bildenden Künste Leipzig (auch bekannt als Bildermuseum) befindet sich in der Katharinenstr. 10 in 04109 Leipzig. Geöffnet hat es am Dienstag sowie von Donnerstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr, am Mittwoch von 10 bis 20 Uhr. Der Montag ist Schließtag. Der Eintritt kostet bis zum 24. September wegen Umbaus von Teilen des Ausstellungsbereichs regulär 5,- und ermäßigt 3,50 €, danach 10,- bzw. 7,- €.

 

Verweise:

https://mdbk.de/ausstellungen/sammlung-im-blick-leipziger-schule/
https://www.leipziger-hof.de/kunstsammlung.htm

Die Leipziger Schule zu Gast ... in Leipzig https://art-depesche.de/images/Bernhard_Heisig-Lernende_Jugend_Zirkel_junger_Naturforscher.jpg Ruedi Strese