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Fernad Khnopff „Ich schließe mich in mich selbst ein“ (Öl auf Leinwand, 1891, Neue Pinakothek München)

Berlin - Wir gestehen es freimütig: die Sonderausstellungen in der Alten Nationalgalerie der letzten Jahre fanden wir zwar immer einigermaßen interessant, aber angesichts der Tatsache, daß es sich um das zentrale Kunstmuseum der deutschen Hauptstadt handelt, wenig spektakulär. Nicht immer wirkte das Konzept überzeugend, und oft konnten nur wenige Glanzlichter der zeitweisen Umordnung der eigenen Bestände mehr Bedeutung verleihen. Insofern waren unsere Erwartungen an die bis zum 17. Januar 2021 angesetzte Sonderausstellung „Dekadenz und dunkle Träume - der belgische Symbolismus“ nicht die höchsten. Umso größer die Überraschung!

Eigentlich hätte die Schau mit Kunstwerken des Übersinnlichen und Traumverlorenen weit früher eröffnen sollen, doch Mikroben und Politiker verbündeten sich in einer unheiligen Allianz gegen Wirtschaft und Kulturleben. Immerhin, jetzt ist der Besuch, wenn auch unter Auflagen, möglich.

Nahezu das gesamte erste Obergeschoß wurde für die zahllosen Leihgaben, zumeist aus belgischen Museen und Privatsammlungen, geräumt. Doch auch aus Wien, Frankfurt am Main, München, London oder Budapest konnten Exponate gewonnen werden. Aus den eigenen Beständen stammen Werke von Arnold Böcklin und Franz von Stuck, welche für diese Zeit weit ansprechender präsentiert werden, als bei der üblichen Hängung.

Diese Künstler waren freilich weder Wallonen noch Flamen, insofern sei gleich festgestellt: der Schwerpunkt liegt bei belgischen Künstlern, doch sind auch andere Nationalitäten vertreten. Neben den genannten der Amerikaner James McNeill Whistler, der Österreicher Gustav Klimt, Der Schweizer Ferdinand Hodler, die englischen Präraffaeliten Dante Gabriel Rossetti und Edward Burne-Jones, der Däne Vilhelm Hammershøi und der Norweger Edvard Munch.

Mögen diese Namen bereits reichen, um das Herz des Anhängers dunkel-mystischer Kunst eifriger schlagen zu lassen, lassen die belgischen Werke wirklich nichts mehr zu wünschen übrig. Insgesamt zeigten sich die Symbolisten Belgiens immer noch einen Zacken morbider und grotesker als ihre Zunftgenossen, dieser Eindruck läßt sich festhalten.

Geordnet sind die Bilder thematisch; es geht unter anderem um zwei Seiten der Frau als entrückte Schönheit und gefährliches Biest, um das Verhältnis zum Jenseits, dunkle Träume, mythische Bezüge, die Natur als Spiegel des Seelenlebens und dergleichen mehr. Was also so manche empfindsame Seele in einer ausgesprochen materialistischen und fortschrittsgläubigen Zeit bewegt haben mag ... Daß der Symbolismus im Grunde eine Neuauflage der schwarzen Romantik war, läßt sich nicht bezweifeln.

Besonders prominent mit etlichen Werken vertreten ist Fernand Khnopff. Seine mehr oder weniger androgynen Gestalten, oft auch tiermenschliche Fabelwesen, tragen den stets gleichen undeutbaren, sphingischen Gesichtsausdruck. Gleich mehrere seiner Schlüsselwerke sind dabei, darunter „Ich schließe mich in mich selbst ein“, „Die Kunst oder Die Liebkosungen“ und das an Whistler angelehnte „Porträt Marguerite Khnopff“.

Auch James Ensor mit seinen makabren Maskengestalten begegnen wir mehrfach und mit herausragenden Arbeiten, darunter „Die Intrige“ und „Der Skelettmaler“, ebenso Jean Delville, u.a. mit dem schmuckvoll-entrückten „Die Liebe der Seelen“. Weitere Künstler sind Theo van Rysselberghe, uns sonst eher als Pointillist bekannt, Émile Fabry, Léon Frédéric, Félicien Rops, Jan Toorop, Léon Spilliaert, Xavier Mellery, Charles Mertens und William Degouve de Nuncques.

Ausgesprochen breit ist auch das Spektrum der genutzten Medien. Wir sehen Ölgemälde, Pastelle, Zeichnungen, Druckgraphiken, Plakate, Skulpturen, illustrierte Bücher u.v.m. Die Darbietung ist gelungen, die einleitenden Texte zu den einzelnen Abschnitten sind hilfreich, zudem gibt es ein kostenloses Begleitheft, welches auf manches der Bilder genauer eingeht (die Bildtafeln enthalten dafür indes nur die grundlegendsten Informationen).

Fazit: die mit Abstand aufregendste und hochkarätigste Sonderausstellung der letzten Jahre in der Alten Nationalgalerie. Sicher nicht jedermanns Geschmack, doch unserer Ansicht nach ist der Besuch Pflicht! Ein aufwendig gestalteter Katalog ist im Hirmer Verlag erschienen und natürlich im Museumsgeschäft erhältlich.

Die aktuellen Regelungen verlangen leider die vorherige Buchung von Zeitfenstertickets; dies ist vor Ort oder online möglich. Das Ticket kostet regulär 12,-, ermäßigt 6,- Euro. Besucher unter 18 Jahren haben freien Eintritt. Die Alte Nationalgalerie befindet sich in der Bodestr. 1-3 in 10178 Berlin, geöffnet hat sie dienstags bis sonntags von 10-18 Uhr.

 

Verweise:

https://www.smb.museum/museen-einrichtungen/alte-nationalgalerie/ausstellungen/detail/dekadenz-und-dunkle-traeume/
https://smart.smb.museum/media/exhibition/65286/ANG_200423_BelgischerSymbolimsus_ART.pdf
https://shop.smb.museum/#/tickets/list?date=2020-09-23&ticketSelection=%5Bobject Object%5D
https://www.pinakothek.de/kunst/fernand-khnopff/i-lock-my-door-upon-myself

Von der Dunkelheit gefesselt: Symbolisten in der Alten Nationalgalerie https://art-depesche.de/images/Fernand_Khnopff_-_I_lock_my_door_upon_myself.jpg Ruedi Strese