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Max Pietschmann „Fischzug des Polyphem“ (Öl auf Leinwand, 1892, 380 x 260 cm, Auktionshaus Grisebach, Berlin)

Berlin - Gerade erst sind wir auf das uns bislang unbekannte Schaffen des Dresdner Symbolisten Max Pietschmann aufmerksam geworden und nutzten dies für eine kurze Vorstellung im Rahmen unserer biographischen Reihe. Auslöser ist die aktuell im Berliner Auktionshaus stattfindende Sonderausstellung eines tatsächlich spektakulären Fundes, des lange verschollen geglaubten Hauptwerkes „Fischzug des Polyphem“, nebst, was noch spektakulärer ist, umfassender Vor- und Beiarbeiten. Ursprünglich sollte diese Schau nur bis zum 3. Oktober 2020 gehen, doch zu unserer großen Freude wurde sie bis zum 24. Oktober verlängert. Wir waren für unsere Leser vor Ort.

„King Kong kommt aus Dresden - Die Wiederentdeckung des Malers Max Pietschmann“ ist der offizielle Titel der Ausstellung; wie es zu diesem kommt, erklärt sich wohl anhand des im Mittelpunkt stehenden Gemäldes von selbst.

Da wir also auf unserer Seite erst kürzlich eine biographische Skizze veröffentlicht haben, sei der (eh kaum bekannte) Lebenslauf Max Pietschmanns nur in äußerst geraffter Form wiedergegeben. Dieser Künstler lebte von 1865-1952 hauptsächlich in Dresden. Er verband eine akademische Ausbildung an der Dresdner Kunstakademie und der Académie Julian in Paris mit den Erfahrungen als Freilichtmaler in der Kolonie Goppeln. Er bewegte sich im Umfeld der Dresdner Symbolisten wie Hans Unger und Sascha Schneider, führte wie diese die von Max Klinger und Arnold Böcklin begründete Strömung fort, verband dabei romantische, klassizistische und (post)impressionistische Einflüsse.

Als besonders bedeutsam erwies sich ein gemeinsamer Italienaufenthalt mit Hans Unger in den Jahren 1890-92, und hier kommen wir zum eigentlichen Thema der Ausstellung, denn während jenes Italienaufenthaltes entstanden der„Fischzug des Polyphem“ und die gezeigten Vorarbeiten.

Fangen wir mit diesen an. Auf einer Wandzeitung finden sich Farbskizzen neben Zeichnung und Fotografien. Die Fotografien sind bereits aufschlußreich zu nennen, sie zeigen die außerordentliche Bedeutung welche Pietschmann selbst dem Werk zugemessen hat. Es sind Aktmodelle zu sehen, welche, z.T. an Seilen hängend (!), in die für das Gemälde gewünschten Haltungen gebracht wurden. Eine andere Aufnahme zeigt eine Tonskulptur, welche als Vorlage des Polyphem diente; diese selbst scheint indes nicht mehr erhalten zu sein.

Auf den Fotografien basieren vier größere Aktstudien von höchster Akribie in der Beachtung anatomischer Verhältnisse und unverhohlen erotischem Charakter, bereits in Öl auf Leinwand gemalt. Den Abschluß der Vorarbeiten bildet dann eine meterhohe Kompositionsstudie.

All dies fließt in dem gewaltigen „Fischzug des Polyphem“ zusammen, einem erstaunlich gut erhaltenen Großgemälde von 3,80 m Höhe und 2,60 m Breite. Im Zentrum des Bildes der abscheuliche Zyklop vor der felsigen sizilianischen Küste, zwei selbstverständlich unbekleidete, völlig verängstigte Frauen in seinem Netz, eine andere triumphierend dem Himmel entgegenhaltend. Die Augen des Betrachters sind auf einer Höhe mit den gefangenen, etwas abseits auf Felsblöcken sitzen vier weitere mythische Freikörperkulturanhängerinnen, starr vor Schrecken. Südlich und lichtvoll sind die Farben, wie wir sie von den Capri-Bildern des deutschen Spätromantikers Heinrich Jakob Fried oder des russischen Impressionisten Konstantin Gorbatow kennen; bemerkenswert differenziert und innovativ die Behandlung der Wasseroberfläche.

Die Vorarbeiten dieses Gemäldes erfolgten im Wesentlichen 1891, 1892 fand das eigentliche Werk seinen Abschluß; das Jahr darauf konnte es auf der Weltausstellung in Chicago präsentiert werden, wo es offiziell als preiswürdig eingestuft wurde. Nun ist es also aus der Versenkung aufgetaucht, und man kann hoffen, daß ein Museum sich des Konvoluts annimmt, oder ein verantwortungsbewußter Sammler, welcher es der Öffentlichkeit nicht gänzlich vorenthält.

Neben den bereits genannten Stücken sehen wir zwei zum gleichen Themenkomplex gehörende Gouachestudien („Die Brüder des Polyphem“ und „Kämpfende Tritonen“) sowie ein Landschaftspastell „Wiese mit Weide an einem Bach“, entstanden um 1904, welches eine ganz andere Seite des Künstlers zeigt. Postimpressionismus und Jugendstil begegnen sich in dem Werk, wo die Fläche den Raum ersetzt, der in irrealem Blau gehaltene Bach die Wiese als mäanderndes Ornament teilt. Sehenswert.

Dankend erwähnen möchten wir abschließend noch die uns zuteil gewordene freundliche Führung durch Frau Dr. Anna Ahrens, welche für das Auktionshaus als Spezialistin und Leiterin der Abteilung für die Kunst des 19. Jahrhunderts tätig ist. Die ganze Geschichte um diesen Fund herum finden wir so spannend, daß wir bereits angefragt haben, ob sie sich uns für eine kleine Befragung zum Thema stellen würde. Wenn alles gutgeht, wird auch diese hier demnächst zu lesen sein.

Das Auktionshaus Grisebach befindet sich in der Fasanenstr. 25 in 10179 Berlin, direkt neben dem Käthe-Kollwitz-Museum und in unmittelbarer Nähe der U-Bahnhöfe Uhlandstraße und Kurfürstendamm. Geöffnet hat es von Montag bis Freitag von 10-18 und am Sonnabend von 11-16 Uhr.

 

Verweise:

https://www.grisebach.com/auktionshaus/termine-veranstaltungen/termin/event/d/s/ts/2020-09-24/0000/t/king-kong-kommt-aus-dresden-84.html
https://art-depesche.de/malerei/685-wiederentdeckung-der-dresdener-symbolist-max-pietschmann.html
https://www.weltkunst.de/kunstwissen/2020/09/max-pietschmann-ein-gigantischer-fund
https://galerie-der-panther.de/max-pietschmann/

Max Pietschmanns „Fischzug des Polyphem“ - aufgefunden & ausgestellt https://art-depesche.de/images/Polyphem_Pietschmann.jpg Ruedi Strese