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Rosalba Carriera „Sir James Gray, zweiter Baronet“ (Pastell auf Papier, ca. 1744/45, Getty Center, Los Angeles)

Berlin - Malerinnen der Moderne gibt es einige, in den Epochen zuvor sind sie jedoch Ausnahmeerscheinungen. Eine solche auch in anderer Hinsicht ist die Venezianerin Rosalba Carriera; sie ist weit mehr als ein vorgreifender Anachronismus einer Frauenquote im Rokoko, denn zum ersten sind ihre Bilder sehr gut, zum zweiten fiel ihr Schaffen in eine in Italien sonst recht dünne Übergangszeit (der Manierismus war dahingegangen und die Größen des Rokoko wie Guardi oder Tiepolo tauchten erst etwas später auf), zum dritten war ihr fruchtbarstes Medium das Pastell.

Geboren wurde sie 1675 in Venedig als älteste dreier Schwestern. Ihre Mutter führte sie in die Technik des Klöppelns ein, wobei sie selbst auch bald eigene Vorlagen entwarf, doch ihr Talent im Zeichnen und Malen wurde von ihrem Vater, einem Künstlersohn und Freizeitmaler, entdeckt und gefördert. Was ihre Ausbildung angeht, bleibt Vieles im Bereich der Spekulation und Legende, so daß unsere Angaben hierzu unter Vorbehalt bleiben müssen.

Ersten Unterricht in Ölmalerei erhielt sie wohl als 14jährige von Giuseppe Diamantini, der französische Maler Jean Steve soll sie zum Bemalen von Tabakbüchsen ermuntert haben, welche wiederum den englischen Maler Christian Cole, Sekretär des englischen Botschafters in Venedig, so sehr beeindruckten, daß er ihr zum einen ein neben zahlkräftigen englischen Kunden ein Studium an der römischen Accademia di San Lucca vermittelte, sie zum anderen (um 1700) auf die Pastelltechnik aufmerksam machte, in welcher sie es zur Meisterschaft bringen sollte. Als Lehrer genannt werden auch Antonio Balestra und Federico Bencovich, wobei uns hier die zeitliche Einordnung nicht ganz klar ist.

Ihr Markenzeichen wurde das Porträt, bei welchem der bis dato übliche repräsentative Gestus zurücktrat und stattdessen die psychologische Beobachtung, die feinfühlige Erfassung des Dargestellten bestimmend wurde. Das Pastell erwies sich als ideales Medium für ihren zarten Stil mit den genauestens abgestuften Farben, den Lichteffekten, dem glänzenden Firniß. Freilich sahen die Personen dennoch nicht unbedingt natürlich aus - das Rokoko war eine Epoche von Perücken und Puder.

Diese Neuerung verschaffte ihr rasch eine große Schar von Bewunderern in europäischen Adelskreisen, und spätestens die Einladung an den Düsseldorfer Hof im Jahr 1706 markierte den Beginn einer großen Karriere (obgleich sie der Einladung nicht Folge leistete). Unzählige Prinzen, Prinzessinnen, Fürsten, Könige sollten sich in Folge von ihr abbilden lassen, dafür mußten sie in der Regel ihr Atelier in Venedig besuchen, mehrere Regenten versuchten (vergeblich), sie als Hofmalerin zu gewinnen.

Nur drei größere Reisen scheint sie unternommen zu haben: die erste führte sie 1720/21 nach Paris, wo die Interessenten Schlange standen und selbst Antoine Watteau und der König sich von ihr porträtieren ließen, außerdem wurde sie Ehrenmitglied der Akademie von Paris (im selben Jahr auch jener von Bologna).

Die anderen beiden Reisen führten sie 1723 Modena und 1730 Wien. Nie konnte sie sich über einen Mangel an Aufträgen beklagen. Schwere Schicksalsschläge wurden indes der Tod ihrer Schwester Giovanna im Jahr 1737 (beide Schwestern waren Schülerinnen und Kolleginnen) und ihrer Mutter 1738, was sie in tiefe Schwermut stürzen ließ, von welcher sie sich erst langsam erholte; nur zögernd ließ sie sich überzeugen, wieder zum Pinsel zu greifen.

Immerhin, dies gelang, und sie führte ihr Werk fort. 1739 erhielt sie Besuch eines weiteren Bewunderers, des Sachsenkönigs Friedrich August des II. (August III. von Sachsen und Polen), Sohn Augusts des Starken, welcher gleich die gesamten Bestände in ihrem Atelier aufkaufte, woraus sich sukzessive der mit 157 Arbeiten bestückte Rosalba-Saal und in Folge eine bis heute bedeutende Sammlung ihrer Pastelle in der Dresdner Gemäldegalerie ergab.

Indes meinte das Schicksal es zusehends nicht besonders gut mit ihr. Ein Augenleiden ließ sich durch mehrere Operationen nicht aufhalten, und ab 1746 war sie erblindet. Ihre verbliebene Schwester Angela kümmerte sich aufopferungsvoll um die blind und in Traurigkeit dahindämmernde Meisterin, bis diese 1757 erlöst wurde.

Heutzutage sind Werke dieser Ausnahmekünstlerin in zahlreichen bedeutenden Sammlungen zu betrachten, neben Dresden und der Alten Pinakothek in München auch in Paris, Venedig und Wien. Sie selbst hatte in ihrem Leben mehrere Schülerinnen, darunter Marianna Carlevarijs, Margherita Terzi und Felicità Sartori, außerdem hatte sie auf das Rokoko als Ganzes erheblichen Einfluß.

 

Verweise:

https://thehistoryofpaintingrevisited.weebly.com/rosalba-carriera.html
https://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/rosalba-carriera/
https://simonebingemer.de/rosalba-carriera/
https://sammlung.staedelmuseum.de/de/person/carriera-rosalba
https://www.kettererkunst.de/bio/rosalba-carriera-1675.php
https://skd-online-collection.skd.museum/Details/Index/445511

Rosalba Carriera - Schöpferin pastellener Rokoko-Porträts https://art-depesche.de/images/Sir_James_Gray_Second_Baronet.jpg Ruedi Strese