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Lorenz Lotto „Junger Mann am Schreibtisch“ (Öl auf Leinwand, ca. 1527-30, Venedig)

Berlin - Neue Stile werden nicht aus dem Nichts geboren, sondern schicken ihre Boten voraus; die Übergänge zwischen den Epochen sind naturgemäß immer fließend. Ein Beleg solcher Binsenweisheit am Ende der Renaissance und am Anfang des Manierismus war der Venezier Lorenzo Lotto, der sich insbesondere durch religiöse Gemälde und Porträts hervortat.

Geboren wurde er 1480 in Venedig, über seine Jugend und Lehrzeit wissen wir im Grunde nichts. Seine frühen Bilder sind vor allem von Giovanni Bellini beeinflußt, obgleich dieser, was als gesichert gilt, nicht sein Lehrer war, außerdem hat er vom Naturalismus Giorgiones Einiges mitgenommen. Ein früher Einfluß war interessanterweise auch Albrecht Dürer, der sich 1494/95 und 1505 in Venedig aufhielt.

In Venedig hatte er mit den etwa gleichaltrigen Meistern Tizian und Palma dem Älteren starke Konkurrenz, so daß er sich 1503 in das ebenfalls im venezischen Herrschaftsbereich liegende Treviso begab, wo er den Bischof Bernardo de' Rossi als Mäzen gewann, den er auch porträtierte. Außerdem erhielt er mit dem Hauptaltar einer lokalen Kirche seinen ersten öffentlichen Auftrag.

Von 1506-08 hielt er sich in Recanati in den Marken Mittelitaliens auf; sein Hauptwerk aus jener Zeit war das Polyptychon der Kirche San Domenico. Bis 1510 war er dann in Rom, hier soll er an der Ausmalung des päpstlichen Palastes beteiligt gewesen sein. Für eine kurze Zeit geriet er zudem unter den Einfluß der gerade angesagten Malweise Raffaels, allerdings ist von diesen Werken wenig erhalten, sie gelten auch nicht als seine besten.

Nach einem erneuten etwa zweijährigen Aufenthalt in den Marken hielt er sich von 1513-25 vornehmlich in Bergamo auf; diese Zeit gilt hinsichtlich der Zahl und Güte seiner Arbeiten als wichtigste Schaffensperiode. Er beherrschte nun Farbe und Licht meisterlich und erhielt zahlreiche kirchliche, staatliche und private Aufträge; insbesondere entwickelte er seine für diese Zeit ungewöhnlich psychologisch aufgefaßten Porträts, welche als seine bedeutendsten Leistungen gelten.

Kritischer war Joachim Fernaus Einschätzung in seinem „Lexikon alter Malerei“ genau dieser Werke: „Sie zeigen keine Distanz, sie stellen kein Fazit dar. Man merkt (gelegentlich unangenehm), daß Lotto, der ein nervöser, geradezu selbstquälerischer Menschenfreund war, sich in die Person des anderen ungebeten hineinbohrte. Die Modelle haben oft eine Gestik, die sie bestimmt nicht jedem zeigen wollten (...)“

Doch auch seine religiösen Bilder zeigen Eigenes, sie bringen eine betonte Bewegung, bisweilen wird gar von Nervosität gesprochen, welche dem Manierismus die Tür öffnet. Allerdings ist er doch stets um Natürlichkeit der Gesten und Proportionen sowie Genauigkeit der Perspektive bemüht. Erwähnenswert aus jenen Jahren sind auch zahlreiche Fresken.

1525 schließlich kam er wieder nach Venedig, wo er sich von Correggio, Tizian und Palma dem Älteren, mit welchem er laut Vasari auch befreundet war, beeinflussen ließ. Auch in Venedig hatte er einen guten Ruf und erhielt immer wieder Aufträge, blieb jedoch im Schatten Tizians, des unbestrittenen Meisters in jener Stadt.

Dies mag einer der Gründe gewesen sein, daß er die letzte Phase seines Lebens recht häufig, je nach Auftragslage, den Ort wechselte. In den 1530er Jahren malte er vor allem für Kirchen in Treviso und den Marken, 1540 ging es wieder nach Venedig. Bemerkenswert sind Porträts von Martin Luther und dessen Gattin, welche er für seinen Cousin malte, vermutlich nach Stichen Cranachs. Doch die Auftragslage war schlecht, insbesondere da ihm neben Tizian mit den frühen Florentiner Manieristen Salviati und Vasari weitere Konkurrenz erwachsen war.

So ging es 1542 wieder nach Treviso, 1545 erneut nach Venedig. Die Auftragslage blieb schlecht, Lotto verfiel in tiefe Traurigkeit. Einen letzten, erfolglosen Versuch hatte er 1549-52 in Ancona an der Adriaküste, worauf er sich entschied, in Loreta, von Ancona 20 km ins Landinnere, in das am Fuße des Gebirges gelegene Kloster der Santa Casa einzutreten, wo er auch in den letzten Lebensjahren, trotz abnehmenden Augenlichts, weiterhin malte, bis er dort 1556/57 verstarb.

Lottos Leben wurde in den biographischen Bänden seines Zeitgenossen Giorgio Vasari festgehalten, seine Bilder finden sich heute in zahlreichen Museen Italiens wie Mailand, Rom, Florenz, Venedig, Bergamo, doch auch in Paris, Madrid, München, New York, Berlin, Wien, London usw.

 

Verweise:

https://art-depesche.de/malerei/518-von-renaissance-bis-barock-–-die-gemäldesammlung-des-castello-sforzesco-in-mailand.html
https://artinwords.de/lorenzo-lotto-portraets/
https://www.arthistoricum.net/themen/portale/renaissance/lektion-xiv-die-antiklassische-renaissance-in-oberitalien-und-das-erbe-raffaels/3-lorenzo-lotto/

Lorenzo Lotto: zwischen Hochrenaissance und Manierismus https://art-depesche.de/images/Junger_Mann_am_Schreibtisch.jpg Ruedi Strese