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Antonín Chittussi „See in Ermenonville“ (Öl auf Leinwand, 1882, Privatsammlung)

Berlin - Nicht allein, doch wesentlich unter dem Eindruck des Realismus der Schule von Barbizon und später auch des Impressionismus wurde die Freilichtmalerei in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einer europaweiten Bewegung. Auch Angehörige des damals noch zum Habsburgerreich gehörenden tschechischen Volkes wurden von ihr erfaßt. Ein herausragender Maler war ohne Frage Antonín Chittussi, welcher vielfach zu den Impressionisten gezählt wird, doch eher an Barbizon orientiert war und außerordentlich feinfühlige, melancholische Landschaften schuf.

Geboren wurde er 1847 in der kleinen zentraltschechischen Stadt Ronov nad Doubravou als Sohn eines Abkömmlings einer aus Ferrarra, Italien, stammenden Händlerfamilie und seiner tschechischen Gattin. Der Junge sollte zunächst die väterlichen Fußstapfen ausfüllen, doch wurde ihm aufgrund seines von den Lehrern früh erkannten zeichnerischen Talents gestattet, nach Kutná Hora zu gehen, wo er bei dem romantischen Maler František Bohumír Zvěřina Zeichenunterricht nahm.

Mit 18 ging er nach Prag, wollte dort Ingenieurswesen studieren, wechselte jedoch bald an die Kunstakademie. Indes blieb er da nicht lange, fand er doch am Unterricht wenig Gefallen, zog also weiter nach München, wo ihm der akademische Ansatz ebensowenig zusagte. Er wurde schließlich nach Wien beordert, um seinen Militärdienst anzutreten, konnte diesem jedoch vorerst entgehen und studierte kurz auch an der dortigen Akademie.

Danach ging er wieder an die Prager Akademie, wo er sich an politischen Auseinandersetzungen zwischen deutschen und tschechischen Studenten führend beteiligte, was seine vorübergehende Inhaftierung und schließlich das Verweisen von der Universität zur Folge hatte. Er engagierte sich weiter in tschechisch-nationalistischen Kreisen, zeichnete für Periodika, eröffnete 1877 mit einem Freund in Prag sein erstes eigenes Atelier. In jener Zeit begann er auch, sich auf die Landschaftsmalerei zu konzentrieren. Durch die romantische Freundschaft mit der jungen Künstlerin Zdenka wurde er auch bereits auf die Schule von Barbizon aufmerksam.

Nun konnte er allerdings 1878 in den Nachwehen des Russisch-Türkischen Krieges dem Militär, dem er als Reservist angehörte, nicht entgehen, und wurde zur Besetzung Bosnien-Herzegowinas durch das österreichiscgh-ungarische Heer eingezogen. Die Schrecken des Krieges führten zu schweren seelischen Problemen, derer er durch künstlerisches Schaffen Herr zu werden gedachte. Es entstanden Zeichnungen und Aquarelle, die er ausstellte und verkaufen konnte. Zusätzlich erhielt er finanzielle Unterstützung durch Freunde, was ihm die Verwirklichung des langgehegten Traumes einer Studienreise nach Paris ermöglichte.

In Paris sah er 1879 die Vierte Impressionisten-Ausstellung. Für sein damaliges Empfinden ging der Impressionismus zu weit, jedoch löste der Eindruck eine Neuorientierung in seinem Schaffen aus. Besonders die Freilichtmaler von Barbizon beeinfußten ihn bei seinen meisterlichen, stets etwas schwermütigen Landschaften, die von genauer Beobachtung und feinen Farbabstufungen bestimmt waren.

In Paris hatte er ab 1880 ein eigenes kleines Atelier und beteiligte sich auch am Pariser Salon, wo er durchaus Anerkennung fand. Als er 1884 nach Böhmen zurückkehrte, erlebte er indes eine doppelte Enttäuschung. Zum einen wurde seine Kunst lediglich als impressionistisch verstanden und fand kaum Abnehmer, zum anderen verlegte Zdenka ausgerechnet zu jener Zeit ihren Lebensmittelpunkt nach Paris, denn ihre eigene Künstlerkarriere war ihr bedeutender als die Beziehung zu Chittussi.

Der entdeckte nun die südböhmische Landschaft als reiche Inspirationsquelle für sich und ließ sich dort nieder. Kommerziell erfolgreich wurde er mit seinen Bildern jedoch nicht. Zudem bekam er, möglicherweise aufgrund der Malerei im Freien bei schlechtem Wetter, gesundheitliche Probleme, die sich schließlich zu einer Tuberkulose auswuchsen. Eine Reise in die Tatra sollte zur Besserung führen, doch es war zu spät. Er starb 1891 in Prag und fand seine letzte Ruhe auf dem Vyšehrader Friedhof, wo zahlreiche bedeutende Personen, darunter die verwehten Redakteure der ART-DEPESCHE, bestattet sind.

Zu Lebzeiten eher erfolglos, gilt Chittussi als einer der ersten tschechischen Künstler von internationalem Rang, der auch viele jüngere Maler wie František Kaván beeinflußte. Eine Straße in Prag wurde nach ihm benannt, und eines seiner Motive ziert eine tschechische Briefmarke.

 

Verweise:

https://www.dorotheum.com/de/k/anton-chittussi/
http://www.arcadja.com/auctions/de/chittussi_antonin/kunstler/5629/
https://www.arthousehejtmanek.cz/de/ausstellungen-und-auktionen/zahradni-aukce-2019-25/liste-der-werke/lesni-krajina-s-ptactvem-v-zime-5991/

Antonín Chittussi - tschechischer Landschafter im Bann von Barbizon https://art-depesche.de/images/See_in_Ermenonville.jpg Ruedi Strese