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John William Inchbold „In Bolton (Die weiße Hirschkuh von Rylstone)“ (Öl auf Leinwand, 1855, Leeds Art Gallery)

Berlin - Die Bruderschaft der Präraffaeliten hat sich der Landschaft vielfach für ihre Bildhintergründe bedient, doch waren die meisten ihrer Gemälde der Mythen- und Historienmalerei zuzurechnen. John William Inchbold wird zwar vielfach als präraffaelitischer Landschaftsmaler betrachtet, hatte mit der Schule jedoch nur vorübergehend zu tun. Der Geist der viktorianischen Epoche ist in seinem Werk jedoch ebenso spürbar wie in jenem der Präraffaeliten, und wie diese stand er in enger Verbindung zu John Ruskin, dem einflußreichsten Kunstkritiker seiner Zeit.

Geboren wurde er 1830 in Leeds, Yorkshire, als Sohn eines lokalen Zeitungsherausgebers. Aufgrund seiner früh erkennbaren zeichnerischen Begabung erhielt er bald ersten professionellen Zeichenunterricht in Leeds, doch ging bald nach London, wo er Anstellung als Zeichner in der lithographischen Werkstatt von Day and Haghe fand. Der aus Belgien stammende Mitinhaber Louis Haghe vermittelte ihm Kenntnisse der Aquarellmalerei.

1847 schließlich begann er sein Studium der Malerei an der Royal Academy. Ab 1849 stellte er mit der Society of British Artists aus, ab 1851 dann an der Akademie selbst. Bei diesen frühen Bildern handelte es sich um stilistisch recht freie, atmosphärische Landschaftsaquarelle. 1852 stellte er erstmals ein Ölgemälde aus, welches Einflüsse der Präraffaeliten verriet.

Insbesondere John Ruskin beeinflußte ihn in jenen Jahren mit seinem Anspruch, genau nach der Natur zu malen, stark, pries sein Werk und brachte ihn mit den Präraffaeliten in Verbindung, u.a. mit des Malers Dante Gabriel Rossetti Bruder William Michael, einem Schriftsteller, welcher eines der Werke Inchbolds als perfektes Beispiel der präraffaelitischen Landschaftsschule bezeichnete. Indes: richtig warm wurden die Präraffaeliten und Inchbold nicht, und anhaltende Versuche Ruskins, ihn während einer Reise in die Alpen ganz im Sinne der präraffaelitischen Malweise einzunehmen, hatten das Gegenteil, nämlich eine innere Abwendung zur Folge.

Aus den präraffaelitisch geprägten Jahren stammt unser Titelbild, welches von einem Gedicht des Romantikers William Wordsworth inspiriert ist und 1855 in der Royal Academy ausgestellt wurde. Es kann als eindrucksvolles Beispiel des von Ruskin geforderten Malens nach der Natur gelten; die Leinwand ist vollständig ausgefüllt, jede Einzelheit klar erkennbar, Pflanzen wie Mauerwerk sind außerordentlich detailliert.

Nach seiner Zeit im Umfeld Ruskins verlegte er sich wieder auf leichte, stimmungsvolle Landschaftsaquarelle, welche von großer Liebe zur Natur zeugen; hier brachte er es zu großer Meisterschaft. Er malte englische Felder, Klöster, heidnische Orte wie Stonehenge, zudem hielt er sich häufig im Ausland auf, und ab 1877 lebte er größtenteils in Montreux am Genfersee, wo ein Großteil seines späten Werkes entstand.

Zum Ende seines Lebens bereiste er noch Algerien, von wo er zahlreiche Skizzen mitbrachte. Er starb 1888 in Headingley, einem Vorort von Leeds, an einer Herzkrankheit. Der Dichter Algernon Charles Swinburne verfaßte zu seinem Andenken eine Bestattungsode. Neben seinem malerischen Werk hat Inchbold übrigens auch eine Sammlung von Sonetten hinterlassen.

 

Verweise:

https://victorianweb.org/painting/inchbold/index.html
https://artuk.org/discover/artworks/search/actor:inchbold-john-william-18301888
https://www.tate.org.uk/art/artists/john-william-inchbold-293

John William Inchbold -ein viktorianischer Landschafter https://art-depesche.de/images/Die_weie_Hirschkuh_von_Rylstone.jpg Ruedi Strese