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Alessandro Magnasco „Christus am Meer von Galiläa“ (Öl auf Leinwand, 1740, 118,1 cm x 146,7 cm, National Gallery of Art, Washington D.C.)

Berlin - Rund 80 Jahre vor dem Spanier Francisco de Goya brachte der italienische Barock einen genialen Solitär hervor, einen Sonderling, welcher sich in seinen bedeutendsten Werken der Welt des Grotesken und Abseitigen verschrieben hatte. Im Gegensatz zu Goya ist sein Name allerdings den Wenigsten ein Begriff. Die Rede ist von Alessandro Magnasco, den wir heute unseren Lesern vorstellen möchten.

Zur Welt kam unser Mann 1667 in Genua als Sohn des kaum bekannten Malers Stefano Magnasco, welcher wohl bereits drei Jahre später starb. Er wurde von seiner Familie nach Mailand geschickt, wo ihm eine Karriere im Handel zugedacht war, fand jedoch einen Unterstützer, welcher ihm eine Ausbildung zum Maler ermöglichte. Seine Lehrer waren Valerio Castello und Filippo Abbiati; sie vermittelten ihm das Handwerk; der Einfluß auf Stil und Inhalt scheint jedoch eher gering gewesen zu sein.

Er verbrachte die Jahre von 1703 bis 1709 am Hof des Großherzogs von Florenz, anschließend lebte er bis 1735 wieder in Mailand. In jene Zeit fällt die bedeutendste Phase seines Schaffens. Die letzten Jahre bis zu seinem Tod 1749 lebte er wieder in seiner Heimatstadt Genua.

Zu Beginn seiner Malerlaufbahn schuf Magnasco zunächst Porträts, von welchen wenig erhalten ist, entwickelte jedoch ab etwa 1700 seine ganz eigene Weise, deren Genese im Dunkeln liegt, auch wenn Bezüge zu Salvator Rosa oder Giuseppe Maria Crespi vermutet werden. Ungewöhnlich war bereits die Themenwahl; er malte Treffen randständiger religiöser Gruppen wie Juden und Quäker, Szenen aus dem Leben von Bettlern, Zigeunern und Mönchen oder auch greuliche Darstellungen von den Verhören der Inquisition, neben den eher üblichen biblischen und mythologischen Szenen. Als Hintergründe wählte er gerne Ruinen und Landschaften, wobei er mit professionellen Landschafts- und Vedutenmalern wie Tavella und Clemente Spera zusammenarbeitete.

Ungewöhnlich war auch die Malweise der meist eher kleinen Bilder: Oft herrschte der Sturm; dies wurde durch einen hektischen, fahrigen Pinselstrich betont, der später bei den Veduten des Francesco Guardi, deutlich gezähmter, seinen Widerhall fand, das Chiaroscuro war ausgeprägt, die Stimmung düster, dramatisch, grotesk; die Figuren ähnlich wie bei El Greco manieristisch in die Länge gezogen.

Welche Absicht Magnasco bei seinen Bildern hegte, bleibt im rein Spekulativen. Gesellschaftskritik? Morbider Humor? Sensationslust? Ein Hang zur dunklen Romantik? Eine besondere Wertschätzung wurde ihm im in manchen Kreisen des frühen 20. Jahrhunderts zuteil, welche ihn als Vorgänger des Expressionismus betrachteten.

Der italienische Kunsthistoriker Luigi Lanzi meinte, der Großherzog Giovanni Gastone de' Medici selbst habe die ekzentrischen Werke Magnascos bewundert, ebenso weitere prominente Kunden. Lanzis britischer Kollege Rudolf Wittkower traf eine Einschätzung des Künstlers als „einsam, angespannt, seltsam, mystisch, ekstatisch, grotesk und ohne Kontakt zum triumphalen Weg der venezianischen Schule“. Gerne schließen wir uns diesem Urteil an.

 

Verweise:

https://sammlung.staedelmuseum.de/de/person/magnasco-alessandro
https://www.dorotheum.com/de/k/alessandro-magnasco/
https://eclecticlight.co/2016/04/10/the-story-in-paintings-alessandro-magnasco-a-maverick/
https://www.getty.edu/art/collection/artists/772/alessandro-magnasco-italian-1667-1749/
http://alfredflechtheim.com/kuenstler/alessandro-magnasco/

Alessandro Magnasco - Meister des Grotesken im italienischen Barock https://art-depesche.de/images/Christus_am_Meer_von_Galilaea.jpg Ruedi Strese