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Das „Palais idéal“ des Ferdinand Cheval in Hauterives

Berlin - In der Mitte der 1860er Jahre hatte er nach eigener Darstellung einen Traum, in welchem er einen Palast, ein Schloß oder Höhlen gebaut hatte, jedoch traute sich, aus Furcht, verspottet zu werden, nicht, davon zu erzählen, und fast vergaß er ihn. Fünfzehn Jahre später aber wurde er unsanft an seinen Traum erinnert, denn er stolperte während seines Dienstweges über einen Stein, welcher einer Skulptur glich. So sagte er sich: „Da die Natur die Skulptur machen will, werde ich die Maurerei und die Architektur übernehmen.“

Ferdinand Cheval war 1836 in Charmes-sur-l'Herbasse im Südosten Frankreichs geboren worden. Als Dreizehnjähriger verließ er die Schule, um Bäckergehilfe zu werden, wurde jedoch schließlich Postbote, über eine handwerkliche Ausbildung verfügte er nicht.

1879 begann er sein trauminspiriertes „Palais idéal“ zu errichten. Dafür sammelte er auf dem Weg, den er täglich während seiner Arbeit zu gehen hatte, Steine, erst in seinen Taschen, später in einem Korb und schließlich in einer Schubkarre. 33 Jahre, bis 1912, dauerte die Fertigstellung, wobei in den ersten 20 Jahren die Außenmauern errichtet wurden. Die gesammelten Steine wurden mit Kalk, Mörtel und Zement verbunden. Der ausschlaggebende, seltsam geformte „Stolperstein" ist an herausgehobener Stelle eingebaut. Oft soll Cheval nachts, nur beim Licht einer Öllampe, gearbeitet haben.


Sein ursprünglicher Plan war gewesen, das „Palais idéal“ später als eigenes Grabmal nutzen zu können, was die Behörden jedoch nicht genehmigten, weshalb er in den folgenden Jahren (1914-1922) auf dem Friedhof von Hauterives ein in gleichem Stil gehaltenes kleineres Grabmal errichtete, in welchem er nach seinem Tod 1924 auch bestattet wurde.


Klar erkennbar sind Einflüsse hinduistischer Tempelarchitektur, doch der Ursprung liegt in den Tiefen der Traumwelten. Die Bauten, welche zunächst lediglich als Werke eines skurrilen Sonderlings galten, wurden später von den Surrealisten (welche sich ja ebenfalls stark von Träumen inspirieren ließen) hochgeschätzt und André Breton widmete Cheval ein Gedicht. Pablo Picasso schätzte ihn, Max Ernst widmete ihm 1932 seine Collage „Der Postmann Cheval“ und 1958 berief sich ein Friedensreich Hundertwasser in seinem „gegen den Rationalismus in der Architektur" gerichteten „Verschimmelungsmanifest" auf das Werk des eigenwilligen Briefträgers. Im selben Jahr beschäftigte sich der griechische Regisseur Adonis Kyrou in einem Kurzfilm mit dem „Palais idéal“.


Trotz der weitgehenden künstlerischen Anerkennung blieben Initiativen, das Werk Chevals unter Denkmalschutz zu stellen, bis Mitte der 1960er Jahre erfolglos. Erst 1969 erklärte André Malraux, zuvor existentialistischer Schriftsteller und Kommunist und damals gaullistischer französischer Kulturminister, zum kulturellen Meilenstein und ließ es offiziell unter Denkmalschutz stellen. 1986 wurde Cheval schließlich auf einer Briefmarke geehrt, und mittlerweile sind seine Bauten jährlich Anziehungspunkt für über 100.000 Besucher.

Proto-Surrealismus - Ferdinand Chevals naive Traum-Architektur https://art-depesche.de/images/Palais_ideal_-_Hauterives_1024px.jpg Ruedi Strese