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Adriaen Isenbrant „Christus mit Dornenkrone (Ecce Homo) und die trauernde Jungfrau“ (Öl auf Leinwand, ca. 1530-40, 105,4 cm x 92,7 cm, Metropolitan Museum of Art, New York)

Berlin - Als „sanfte Abschiedskunst“ bezeichnete der Schriftsteller und Maler Joachim Fernau in seinem „Lexikon alter Malerei“ die zumeist religiösen Bilder des Flamen Adriaen Isenbrant. Isenbrant stand am Ende der Epoche der Altniederländischen Malerei, vermied die Innovation, folgte bewußt der Tradition großer Vorbilder und schuf doch außerordentlich lyrische, feinfühlige Bilder, die den sanfter Traurigkeit zugeneigten Betrachter sicher bewegen werden.

Die frühesten Jahre dieses Künstlers liegen im Dunkeln; es wird geschätzt, daß er zwischen 1480 und 1490 geboren wurde, vielleicht in Haarlem oder auch in Antwerpen (sicher nicht in Jakarta oder Wolfsburg). Auch über seine erste Ausbildung ist nichts bekannt. Urkundlich gesichert erwähnt wird er erstmals 1510, als er nach Brügge kam, die Bürgerschaft erwarb und in die örtliche Zunft der Tafelmaler eintrat, in welcher er in den folgenden Jahren verschiedene Ämter innehatte, so war er neunmal „Inspektor“ und zweimal Schatzmeister der Gilde.

Er errichtete rasch eine eigene Werkstatt, welche sich ganz in der Nähe der Werkstatt Gerard Davids sowie der vormaligen Hans Memlings befand. Bei David scheint er auch noch gelernt zu haben, als er selbst bereits ein anerkannter Meister war. Brügge war damals ein florierendes Handelszentrum und eine der reichsten Städte Europas, was zahlreichen Künstlern ein Auskommen ermöglichte. Isenbrant schuf vorrangig Auftragsarbeiten für reiche Kaufleute, doch scheint es auch auftragslos entstandene Werke gegeben zu haben.

Die Auftragslage war so gut, daß er Teile seiner Arbeit an andere, weniger bekannte Maler delegieren konnte, wie wir aufgrund der Unterlagen eines Rechtsstreites, welchen Isenbrant 1534 gegen einen Jan van Eyck (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen gotischen Genie) wegen bestellter und nicht gelieferter Bilder anstrengte, wissen. Er war jedenfalls sehr wohlhabend und geachtet, als er 1551 in Brügge verstarb.

Spekuliert wird über einen engen Kontakt mit dem Landschaftsmaler Joachim Patinier, möglicherweise ließ er zumindest Teile der Landschaftshintergründe seiner Porträts und Andachtsbilder in dessen Werkstatt herstellen.

Unbestritten ist der Einfluß Gerard Davids, dessen Motive und Kompositionsideen er übernahm; auch Bildfindungen aus den seinerzeit verbreiteten Stichen Dürers tauchen auf. Allerdings zeichnen sich zumindest die besseren der der Isenbrant-Werkstatt zugerechneten Bilder durch ihre warme Farbgebung und weiche Zeichnung sowie fein melancholische Grundstimmung aus.

Festzuhalten ist der Umstand, daß kein Einziges der Isenbrant zugeschriebenen Werke als durch Dokumente oder Signaturen gesichert gelten kann. Manches der Gemälde galt früher als Arbeit Jan Mostaerts, und erst im frühen 20. Jahrhundert wurde die Nähe zum Werk Davids bei doch offenbarer Eigenständigkeit in ihrer Bedeutung erkannt, wodurch die Kunstgeschichte überhaupt auf dessen Schüler Isenbrant aufmerksam wurde.

Die These, daß zumindest eine Kerngruppe der fraglichen Werke, die sich unter anderem in Tokyo, New York, Washington, Brüssel, Berlin und München befinden, tatsächlich jenem Isenbrant zugerechnet werden kann, wird mittlerweile allgemein akzeptiert. Ganz sicher wissen wir es jedoch nicht, und so verbleiben wir, indem wir schmunzelnd feststellen, daß die Kunstgeschichte eben nicht immer eine exakte Wissenschaft ist und dort, wo sie die Geschichte nicht kennt, auch schonmal Geschichten schreibt.

 

Verweise:

https://art-depesche.de/malerei/92-joachim-patinirs-weltlandschaften.html
https://www.nga.gov/collection/artist-info.1415.html
http://www.artnet.de/künstler/adriaen-isenbrant/
https://www.sammlung.pinakothek.de/de/artist/yZnxw8mLXg

Adriaen Isenbrant - Melancholiker in der Nachfolge Gerard Davids https://art-depesche.de/images/Christus_mit_Dornenkrone.jpg Ruedi Strese