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Alfred Sisley „Wiesen von Veneux-Nadon“ (Öl auf Leinwand, 1881)

Potsdam – Über 100 impressionistische und postimpressionistische Gemälde vereint dieser Ort, darunter mehr Monets als irgendeine andere europäische Institution außerhalb Frankreichs – seit die Sammlung Hasso Plattners ihren Platz dauerhaft im Museum Barberini gefunden hat, ist dieses zur Pilgerstätte für Liebhaber der französischen Lichtmalerei geworden.

Gleich vorneweg: Diese Dauerausstellung ist so gut, daß es schwerfällt, darüber einen Text zu schreiben, der nicht als Werbung ausfällt. Nein, die ART DEPESCHE wird nicht heimlich von der Hasso Plattner Foundation finanziert. Treue Leser unserer Seite wissen natürlich auch, daß wir nicht bei jeder Schau im Barberini nur Lobenswertes zu berichten haben.

An Hängung, Raumbeleuchtung und Begleittexten gibt es nichts auszusetzen. Die Bilder haben viel Platz, jeses einzelne kommt für sich gut zur Geltung. Die Tafeln sind informativ, ohne den Betrachter mit Text zu erschlagen. Geordnet sind die Werke im Wesentlichen thematisch, doch wollen wir hier den Namen der Künstler folgen.

Eugène Boudin, Jahrgang 1824, – der Verfasser hätte (wen interessiert das überhaupt?) beinahe einmal eine Studie dieses Malers erstanden – hält allein einen wichtigen Posten, nämlich den der als Gruppe nur im Nachhinein zu behauptenden Vorimpressionisten, die im Nachhall der Romantik begannen, sich experimentell auf die Wiedergabe von Lichtverhältnissen zu fokussieren, und so den Weg bereiteten. Mit ganzen fünf seiner zumeist kleinen atmosphärischen Gemälde, vor allem Hafenszenen, ist er im Programm. Noch nicht leuchtend und rauschhaft wie später Claude Monet, aber doch zauberhaft. Es lohnt sich, bei diesen Bildern länger zu verweilen!

Hatten wir Monet schon erwähnt? Er war ja nicht allein der menschgewordene Impressionismus selbst, sondern auch ein ausgesprochener Vielmaler, der nicht immer nur Meisterwerke auf die Leinwand gebracht hat. Das durchschnittliche Niveau der plattnerschen Monets ist indes sehr hoch, und einige, etwa „Getreideschober“ (1890), „Palazzo Contarini“ (1908) oder „Eisschollen in Bennecourt“ (1893) sind außerordentliche Augenweiden und sogar zu den Schlüsselwerken zu zählen.

Zu den Mitstreitern der ersten Stunde gehörte der Engländer Alfred Sisley. Dessen Werk bildet einen weiteren Schwerpunkt, und obgleich sein Name für gewöhnlich erst später genannt wird als jene der ersten Riege autochthoner Franzosen, kann man den Mann nur loben. Die gezeigten Arbeiten sind Paradebeispiele des Stils. Gesamturteil: völlig unterbewertet!

Die gleiche Einschätzung läßt sich auch über Gustave Caillobotte treffen. Einige Jahre jünger als Monet, Sisley oder Renoir, stieß er etwas später dazu, war nicht nur Künstler, sondern dank seiner guten finanziellen Situation auch Förderer der Gruppe. Sein Oeuvre ist von vergleichsweise geringem Umfang, und so ist das gezeigte Konvolut eine echte Sensation. Der Verfasser hält übrigens „Rue Halévy, Blick von einem Balkon“ (1877) für DEN Geheimtip der Schau. Unbedingt ansehen! Ein Meisterwerk natürlich das bekannte „Die Brücke von Argenteuil“ (um 1883).

Mit einigen Werken unterschiedlichen Ranges vertreten sind jeweils Auguste Renoir und Camille Pissarro. Letzterer (Jahrgang 1830) war der älteste unter den ursprünglichen Impressionisten. In einer späteren Phase wandte er sich dem Pointillismus resp. Neoimpressionismus zu. Diese Arbeiten sind eher selten zu sehen, und so sei erwähnt, daß sich auch davon eine findet. Exemplarisch dabei sind mit Paul Signac und Henri-Edmond Cross auch zwei Hauptvertreter dieses Stils, außerdem der weniger bekannte Albert Dubois-Pillet. Es fehlt sein eigentlicher Begründer, Georges Seurat.

Ein besonderes Schmuckstück ist auch das Gemälde der Manet-Schülerin Berthe Morisot, „Die Themse“ (1875). Es war dies das einzige Bild der Londonreise der Malerin; ihre Inspiration holte sie sich durch die Betrachtung der Gemälde J.M.W. Turners in der britischen Nationalgalerie. Ein weiteres einzelnes Werk, eine hübsche Winterlandschaft, stammt von Armand Guillaumin. Beachten sollte man auch den Cézanne, das schon die Abstraktion streifende „Unterholz“ (1897/98).

Zwei Postimpressionisten, die sich doch weitgehend am originär impressionistischen Stil orientierten, waren Gustave Loiseau und Henry Moret. Sie sind mit jeweils einem Gemälde dabei. Wir raten unseren Lesern, sich einmal mit deren völlig zu Unrecht stiefmütterlich behandeltem Oeuvre zu befassen. Sie waren später dran, doch malten ganz wunderbare Landschaften. Henri Le Sidaner gilt als Protagonist des Intimismus, einer postimpressionistischen Spielart. Sein „Fenster mit Nelken“ (1908) darf gleichsam zu den besonderen Schätzen gezählt werden.

Zumindest aus kunsthistorischer Sicht gilt dies umso mehr für ein Frühwerk Pablo Picassos, welches der 19jährige bei seinem ersten Besuch der französischen Hauptstadt im Jahre 1901 malte; eines von rund 30 Werken, die damals auf einer Einzelausstellung bei Ambroise Vollard zu sehen waren. Der „Boulevard de Clichy“, eine der Straßen am Montmartre, steht noch ganz unverblümt im Bann des Impressionismus.

Zu guter Letzt seien noch die Fauvisten genannt, welche auch einen eigenen Raum bekommen, auf den sie sich jedoch nicht beschränken. Eine frühe, eher schon düster-expressive Pariser Cafészene bekommen wir von Émile-Othon Friesz; der später eher als abstrakter Künstler bekanntgewordene Auguste Herbin tritt mit einer „Landschaft auf Korsika“ (1907) auf, welche wir uns ähnlich auch von der Künstlergemeinschaft Brücke vorstellen könnten.

Raoul Dufy ist zweimal dabei. „Der Strand von Sainte-Adresse“ (1906) ist noch stark am Impressionismus orientiert, allerdings dient die Farbe bereits dem individuellen Ausdruck statt der Wiedergabe des Lichts. „Weizenfeld in der Normandie“ (1935) zeigt schließlich den unverkennbaren spielerischen Stil dieses Künstlers. Von André Derain bekommen wir eine kontrastreiche und kraftvolle „Landschaft bei Cassis“ (1907/08).

Und dann haben wir Maurice Vlaminck. Auch dessen Schaffen bildet einen Sammlungsschwerpunkt mit rund 10 Werken, von den in noch eher rohem Pinselstrich gehaltenen Arbeiten um 1906 bis zur schon kubistisch beeinflußten, gleichzeitig magisch-atmosphärischen Hochphase um 1915, die in Deutschland bei Adolf Erbslöh und Alexander Kanoldt ihre Parallele hatte. Sollte man gesehen haben.

Das Museum Barberini befindet sich am Alten Markt, Humboldtstr. 5-6, in 14467 Potsdam. Der Besuch ist derzeit nur mit Zeitfenstertickets möglich, die Kontingente werden drei Tage vorab freigegeben. Wir empfehlen unseren Lesern, sich diesbezüglich auf der Seite des Museums zu erkundigen. Es gelten die gerade aktuellen behördlichen Anordnungen.

 

Verweise: https://www.museum-barberini.de/de/ausstellungen/520/impressionismus

Dauerausstellung: Impressionismus im Museum Barberini https://art-depesche.de/images/Wiesen_von_Veneux-Nadon.jpg Ruedi Strese