static-aside-menu-toggler
gkSearch
Eugène Delacroix „Femmes d’Alger dans leur intérier“ (Öl auf Leinwand, 1849, Musée Fabre, Montpellier Méditeranée Métropole)

Berlin – Von 1954 bis 1955 schuf Pablo Picasso einen seiner bekanntesten Werkzyklen, „Les Femmes d’Alger“. Die in rascher Folge entstandenen 15 Ölgemälde wurden seinerzeit im Ganzen verkauft, doch sind heutzutage in Museen und Privatsammlungen auf der ganzen Welt verstreut. Das Museum Berggruen dokumentiert nun die Serie von ihren Ursprüngen bis zu den Nachwirkungen, wobei tatsächlich über die Hälfte der Bilder im Original den Weg nach Berlin gefunden hat. Noch bis zum 29. August wird die schlicht „Picasso & Les Femmes d’Alger“ (man darf sich aussuchen, ob das „&“ jetzt deutsch oder französisch ausgesprochen wird) zu sehen sein. Was gibt es also zu berichten?

Gehen wir doch der Reihe nach vor! Die Schau beginnt im Erdgeschoß, und hier geht es zunächst um die Vorbilder, welche Picasso zu seiner Reihe inspirierten. Übernommen hatte er das Motiv von Frankreichs berühmtestem Maler der Romantik, Eugène Delacroix. Dieser war 1832 in das jüngst unter französische Kolonialherrschaft geratene Algerien gereist, hatte verbotenerweise in Frauengemächer gelugt und Zeichnungen der Damen angefertigt, dazu deren Namen notiert, und nun wird es wirklich sensationell, denn wir sehen hier die Skizze aus dem Notizbuch des Künstlers!

Zweimal setzte er das Motiv in Ölgemälden um, diese wurden 1834 und 1849 auf dem Pariser Salon präsentiert. Die Version der „Femmes d’Alger dans leur intérier“ von 1849 hängt also derzeit im Museum Berggruen. Im Original. Die Version von 1834 sehen wir ebenfalls, allerdings als Kopie, 1875/76 von der begnadeten Hand Henri Fantin-Latours geschaffen. Auch nicht schlecht.

Das Original hängt im Louvre, wo Picasso es seinerzeit ausgiebig studierte, sein Interesse daran ist seit 1940 nachzuweisen. Es sollte der Beginn einer umfassenden Reihe von Studien und Gemälden werden, die sich zunächst noch mehr am Vorbild orientierten und sich später zusehends davon entfernten. Einige dieser Studien sind Teil der Schau.

Noch ein weiterer Einfluß ist unbedingt zu erwähnen, das sind die Odalisken des 1954 verstorbenen Freundes Henri Matisse. Zwei dieser wunderbaren Gemälde sind ebenfalls als Leihgaben nach Berlin gereist, und ein weiterer Grund, die Ausstellung nicht zu verpassen. Die Trauer über den Tod des Freundes soll es gewesen sein, welche Picasso 1954 zur Schaffung der Serie inspirierte, und sicher läßt sich die Inspiration nicht verleugnen.

Das erste Obergeschoß widmet sich nun den Arbeiten Picassos selbst. Die Entstehung der Reihe wird chronologisch nachvollzogen. Eines der Gemälde, die zwölfte Fassung, befindet sich im museumseigenen Bestand, ein Großteil der anderen ist vorübergehend zu Gast. Was fehlt, wird zumindest als fotografische Reproduktion gezeigt. Im Original dabei sind sowohl die erste Fassung, als auch die 15. und letzte, welche als Abschluß der Trauerarbeit um Matisse gedeutet wird. Dazwischen läßt Picasso dem Spiel der Ausdrucksformen seines Spätwerks freien Lauf.

Das zweite Obergeschoß schließlich befaßt sich mit der Ausstellungsgeschichte sowie den Nachwirkungen der Serie. Wir sehen Fotografien der Ausstellungen des Jahres 1955, erfahren, daß Picassos Galerist Daniel-Henry Kahnweiler die Arbeiten, unzutreffenderweise auf einen angeblichen Künstlerwillen verweisend, nur als Komplettpaket verkaufen wollte (mit Erfolg) und wie es dennoch zu ihrer Verteilung über verschiedenen Sammlungen und Museen kam und auch, wie das Museum Berggruen zu seinem Exemplar kam.

Das Ende der Ausstellung wird von mehreren Künstlern eingenommen, deren Werk entweder unmittelbar mit Picassos Serie in Zusammenhang steht, oder sich zumindest irgendwie auch mit algerischen Frauen beschäftigt. Unbedingt zu erwähnen ist dabei die algerische Malerin Baya Mahieddine (1931-1998). Einen ganzen Raum nehmen ihre farbstarken Gouachen ein, welche über den Zeitraum von 1947 bis zum Todesjahr der Künstlerin entstanden sind. Diese hatte nur als junges Mädchen einige Zeit in Frankreich geweilt, wo sie sich unter anderem von Picasso und Matisse beeinflussen ließ, und vielleicht sogar andersrum Picasso zu seiner Serie anregte, denn sie arbeitete mit diesem Tür an Tür. Dies bleibt jedoch im Bereich des Spekulativen ...

Alles in allem eine Schau, die sehr zu empfehlen ist, trotz der eingeschränkten Möglichkeiten der Lokalität; man hätte den Bildern zu ihrer Entfaltung weit mehr Raum gewünscht. Die Chronik der Picasso-Serie ist auch dann interessant, wenn einem die Werke selbst nicht so sehr zusagen, die Arbeiten von Delacroix und Matisse sind besondere Schätze, und die Algerierin Baya ist für den Schreiberling die große Überrasschung, welche definitiv mehr Aufmerksamkeit verdient.

Das Museum Berggruen befindet sich in der Schloßstraße 1 in 14059 Berlin, die Öffnungszeiten sind von Dienstag bis Freitag von 10 bis 18 sowie am Sonnabend und Sonntag von 11 bis 18 Uhr; der Montag ist Schließtag. Der Eintritt kostet regulär 12,-, ermäßigt 6,- €; der Besuch ist derzeit nur mit online zu erstehenden Zeitfenstertickets möglich.

 

Verweise:

https://www.smb.museum/museen-einrichtungen/museum-berggruen/ausstellungen/detail/picasso-les-femmes-dalger/

Mehr als nur Picasso im Museum Berggruen, mit Orientbezug https://art-depesche.de/images/Femmes_dAlger_dans_leur_interier.jpg Ruedi Strese