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Henry Aston Barker nach Robert Barker „London from the Roof of Albion Mills“ (Farbradierung, 1792)

Berlin - Nur selten wird gestritten, ob etwas überhaupt einen Anfang habe, häufiger kann sicher von einem Beginn ausgegangen werden, nur liegen dessen Umstände mehr oder minder im Dunkeln, bisweilen liegt der Anfang einer Sache auch recht klar vor uns. Ein schönes Beispiel dafür ist das Panorama; zumindest wissen wir, wer diese Kunst entwickelte, popularisierte und vermutlich obendrein Schöpfer des Begriffes war.

Über die frühen Jahre von Robert Barker wissen wir leider nicht viel. Geboren wurde er 1739 in Kells, County Meath, in Irland, und irgendwann begann er, als Porträt- und Miniaturmaler durch die Lande zu ziehen. In den 1780er Jahren hatte er sich in Schottland niedergelassen, und als er 1787, so will es die Legende, bei einem Spaziergang auf dem Calton Hill Edinburgh vor sich sah, beschloß er, die wunderbare Aussicht in einem Rundumbild festzuhalten. Vom Rest der Geschichte finden sich verschiedene Fassungen, die unsere erhebt deshalb keinen Anspruch auf die volle Wahrheit, sondern soll zuvörderst in sich halbwegs stimmig sein.

Noch im gleichen Jahr war die Entwicklung des Rundbildes jedenfalls so weit fortgeschritten, daß sein Schöpfer es patentieren lassen konnte. Zunächst sprach er schlicht von der „Natur auf einen Blick“. Dabei war das Prinzip gar nicht so einfach, wie es scheinen mag, denn die gewünschte Wirkung erforderte geschickte Manipulationen der Perspektive; diese mußte also in besonderem Maße beherrscht werden.

Es hatte Vorläufer gegeben; Weitwinkelansichten von Städten waren etwa seit dem 16. Jahrhundert bekannt, und der Holländer Wenceslas Hollar hatte 1647 in Amsterdam eine Rundumradierung von London von einem Blickpunkt aus erstellt, doch hatten diese nicht in Ansätzen die Komplexität des Barkerschen Ansatzes. Wobei, zugegeben, das erste, 1788 realisierte Werk, stellte lediglich einen halbkreisförmigen Blick auf Edinburgh dar und geriet für seinen Schöpfer selbst enttäuschend.

Also tat er sich mit seinem gleichsam begabten Sohn Henry Aston Barker (1774-1856) zusammen, und die beiden schufen eine erste Fassung einer Rundumsicht der Albion Mills zu London, welche 137 m² maß und im Hause der Barkers auf einer zylindrischen Oberfläche gezeigt wurde. 1792 soll er den Namen „Panorama“ geprägt haben, zusammengesetzt aus den griechischen Wörtern „pan“ („all-“) und „horama“ („Sicht“); eine schöne deutsche Übersetzung wäre also „Allsicht“. Wie auch immer, es gibt auch die Behauptung, erst eine spätere Zeitungsanzeige habe den Namen beigesteuert.

Mittlerweile war Barker auf die Aquarelltechnik umgestiegen, und in London erstieg er den Gipfel seines Ruhm, als auf dem Leicester Square eigens eine Rotunde errichtet wurde, an deren Innenseite das auf eine Illusion der Echtheit ausgelegte Gemälde zu sehen war, genauer gesagt: in diesem Fall sogar zwei solcher Gemälde. Im Mittelpunkt der Rotunde befand sich eine durch eine Treppe zu erreichende Plattform, wodurch der Besucher das Bild aus der Mitte des Raumes betrachten konnte. An der Decke versteckte Fenster sorgen für den notwendigen Tageslichteinfall.

Schnell wurde Barker durch die zunächst recht hohen Eintrittsgelder sehr wohlhabend; er senkte diese später, um auch einfachem Volk den Besuch zu ermöglichen. Außerdem gingen seine Werke bald auf Reisen durch Europa. Das Prinzip war jedenfalls in der Welt und trat europaweit sowie in den USA seinen Siegeszug an.

Der Literaturwissenschaftler Martin Meisel fand 1983 in einem Buch treffende Worte: „In seiner Wirkung war das Panorama eine umfassende Form, die nicht das Segment einer Welt darstellt, sondern eine ganze Welt aus einer Brennweite.“

Barker starb 1806, als seine Schöpfung sich noch ungebrochener Beliebtheit erfreute, bevor sie später durch bewegliche Panoramen und schließlich die aufkommenden Filme abgelöst wurde. Von Barkers ursprünglichen Panoramen ist heute kein einziges erhalten, doch gibt es einige druckgrafische Arbeiten, bei welchen indes der Anteil des Sohnes größer gewesen sein dürfte. Henry Aston Barker war auch auf eigene Faust als Künstler tätig und hatte überdies ein recht bewegtes Leben, welches vielleicht noch einmal einen eigenen Artikel wert wäre.

 

Verweise:

https://graphicarts.princeton.edu/2019/02/05/a-key-to-the-panorama-of-london-from-albion-mills/
http://www.panoramaxxl.com/de/geschichte-der-panoramen/
https://janeausten.co.uk/de/blogs/authors-artists-vagrants/the-barker-family-panorama-painters
http://www.panoramafoto.ch/panorama_geschichte.htm

Robert Barker, der Erfinder des Panoramas https://art-depesche.de/images/London_from_the_Roof_of_Albion_Mills.jpg Ruedi Strese