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Francisco de Goya „Los Disparates“ Blatt 7 „Disparate Matrimonial“

Berlin - Bereits in den 1790er Jahren hatte Francisco de Goya sich mit „Los Caprichos“, einer Serie von 80 Blättern, entstanden in einer Mischung aus einfacher Radierung und Aquatinta, dem Derben und Absurden zugewandt, doch mit den Drucken „Los Disparates“ („Die Tollheiten“) erreichte seine Kunst wahrlich albtraumhafte Qualitäten.

„Los Disparates“ wurden zwischen 1815 und 1823 geschaffen, auch hier handelt es sich um eine Aquatinta-Radierungs-Mischung. Zu seinen Lebzeiten wurde die unter der damals immer noch einflußreichen Inquisition mit Sicherheit anstößige bis schockierende Serie nicht veröffentlicht, dies geschah erstmalig 1864, 36 Jahre nach seinem Tod, durch die Königliche Akademie der Schönen Künste von San Fernando in Madrid, und zwar sicherheitshalber und bezeichnenderweise unter dem abgeschwächten Titel „Proverbios“ („Sprichwörter“).

Als Goya 1824 nach Frankreich ging, hatte er die Serie, welche seine letzte größere Druckserie war, anscheinend unvollendet in Madrid gelassen. Zu ihr gehören 18 nummerierte Drucke und vier weitere, welche von der Nachwelt als ihr zugehörig erklärt wurden.
Es gab verschiedene Versuche, in diesen Werken Gesellschaftskritik oder Bezüge zu traditionellen spanischen Sprichwörtern zu sehen, doch ein zentrales Merkmal von Karikaturen, als welche sie bisweilen interpretiert wurden, ist leichte Verständlichkeit, diese ist nicht gegeben.

Eher dürfte ein Ursprung in dunklen Traumwelten, wie sie später vom Surrealismus absichtlich beschworen wurden, zutreffen, alles andere sind spätere Deutungen; holprige Versuche, diesen Ausdrücken von Goyas „Liebe zum Unfaßbaren“ (Baudelaire) den Schrecken zu nehmen.
Es war die Zeit der „schwarzen Romantik“, in England malte der Schweizer Johann Heinrich Füssli seine morbiden Halluzinationen, Schauerromane und Geisterseherei waren populär, der Wunderheiler Franz Anton Mesmer (1734-1815) erreichte einen vergänglichen höchsten Ruhm.

Von ähnlichem Geist geprägt sind Goyas „Tollheiten“. Die Hölle ist nicht mehr der ferne Ort im Jenseits, vor dem sich die Menschen durch den Glauben schützen können, sie ist in die Welt eingebrochen, die Grenzen zwischen Menschen und Dämonen sind aufgelöst. Die Gesichter sind zu häßlichen Fratzen geworden, doch die Tollheit ist sinnlos, der Schrecken entzieht sich dem Verstand, alles ist aus den Fugen geraten, ver-rückt geworden. Die Welt ist ein Irrenhaus, der Erlöser scheint sich endgültig abgewandt zu haben.

Goyas „Los Disparates“ - die entfesselte Hölle https://art-depesche.de/images/Prado_-_Los_Disparates_1864_-_No._07_-_Disparate_desordenado_1024px.jpg Ruedi Strese