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Erich Heckel „Frühling“ (Öl und Tempera auf Leinwand 1918, Neue Nationalgalerie)

Berlin - Die Sammlung Scharf-Gerstenberg ist ein kleines, aber feines Museum in Berlin-Charlottenburg und Teil der Nationalgalerie. Programmschwerpunkt ist Kunst, welche sich dem Magischen, Übersinnlichen, Obskuren verschrieben hat, wie es die Surrealisten und deren Vorläufer und Verwandte pflegten. In der aktuellen, noch bis zum 30. September 2021 vorgesehenen Sonderausstellung geht es um Landschaften, Pflanzen und pflanzliche Formen. Dabei treffen pflanzliche Auszüge aus der Dauerausstellung auf Gäste aus dem Bestand der Neuen Nationalgalerie.

Der Titel der Schau im Nebengebäude, dem ehemaligen Marstall, ist „Pflanzen brechen aus der Erde“, er leitet sich von einem kleinen Gemälde Max Kühns her, welches, es wundert uns nicht, hier auch zu sehen ist. Ein karger Wüstenboden scheint es zu sein, gleißendem Sonnenlicht ausgesetzt, und doch Ort keimenden Lebens. Symbolhaft? Wir wissen es nicht.

Max Ernst, einer der wichtigsten Protagonisten, gewissermaßen Hauskünstler der Sammlung, ist gleich dreifach vertreten, was uns ebenfalls nicht wundert, da organische Formen eines der Grundelemente seines Schaffens bildeten. Die Werke sind allerdings sonst auch in der Dauerausstellung zu sehen.

Einer der wichtigsten Vertreter der deutschen Abstraktion, Willi Baumeister, ist auch dreimal dabei, Dekoratives zwischen Surrealismus und Abstraktion stellt Georg Meistermanns „Der Baum“ dar. Auch Heinz Trökes gehört in diese Epoche; seine „Tierlandschaft“ gehört zu den eigenwilligsten Bildern der Ausstellung, Tiere (vage Reptilien, Fische und Würmer) und Tierteile sind hier organisch zu einer Landschaft verschlungen, welche das pflanzlich-ornamentale Erbe des Jugendstils verfremdet aufgreift.

Nach Ansicht des Verfassers einer der interessantesten deutschen Abstrakten war Fritz Winter, ein Meister der minimalistischen Ästhetik. Sein „Bild mit Weiß“ (1932) kann ohne Weiteres zu den Höhepunkten des Programms gezählt werden. Curt Lahs' „Landschaftliches: Golden“ mit seiner vielfach gebrochenen Perspektive stellt hingegen ein beachtliches Spiel mit Raum und Fläche dar.

Auch internationale Avantgardisten fanden den Weg in den Marstall. Erwähnt sei das massiv-gewaltsame Großgemälde des Chilenen Roberto Matta, welcher sich um 1930 in den Kreisen der Surrealisten bewegte. Organische Formen? Humanoide Gestalten? Mechanische Apparaturen? Odilon Redon wiederum gehört natürlich zu den ganz Großen, auch einer der wichtigsten Künstler des Museums, von ihm wurde hier eine eher minimalistische Kohlezeichnung zweier Bäume von 1875 ausgesucht; mit Abstand das älteste Werk im Programm. Ebenfalls dabei sind Pierre Alechinsky, und Asger Jorn.

Einige Gemälde entstammen traditionelleren Bereichen. Zwischen Landschaftskunst und Avantgarde bewegte sich Otto Niemeyer-Holstein, welcher mit zwei Arbeiten vertreten ist; übrigens generell ein unterschätzter Künstler, der weit mehr Aufmerksamkeit verdient hätte! Eine zauberhafte Landschaft, die wir vor einigen Jahren im Hamburger Bahnhof sahen, stellt Erich Heckels „Frühling“ (1918) dar, außerordentlich schön auch die atmosphärische „Landschaft bei Vilm“ (1938) von Kate Diehn-Bitt und Willy Jaeckels „Berglandschaft“ (1919). In eine ähnliche Kerbe schlägt auch „Auf der Ostrauer Scheibe“ (1976) der spanisch-deutschen Gegenwartskünstlerin Nuria Quevedo.

Der Bereich der Bildhauerei wird nicht ausgespart, „Iris“ (1961) ist eine organisch anmutende Eisenskulptur des Hamburgers Jochen Hiltmann (*1935), „Der Wald“ (1959), eine Bronze von Emil Cimiotti ist dem verwandt. Lucio Fontana ging vor allem durch seine aufgeschlitzten Leinwände in die Kunstgeschichte ein, hier haben wir fünf im Raum verteilte Skulpturen aus bemaltem Gips unter dem schlichten Titel „Raumkonzept. Natur“ (1959/60).

Es ist wahrlich nicht uninteressant, was diese kleine Sonderausstellung zu bieten hat. Ob 12 € regulärer Eintritt dafür allein unbedingt gerechtfertigt sind, ist fraglich. Man sollte die Zeit mitbringen, auch die Dauerausstellung zu besichtigen, oder, noch besser, bis zum 29. August kommen, denn bis dahin ist im benachbarten Museum Berggruen, dessen Besuch im Preis mit enthalten ist, noch die wirklich lohnende Sonderausstellung „Picasso & Les Femmes d’Alger“ zu sehen, über welche wir hier kürzlich berichteten. Sammlung Scharf-Gerstenberg, Schloßallee 70, 14059 Berlin. Geöffnet von Dienstag bis Freitag von 10-18 Uhr sowie am Sonnabend und Sonntag 11-18 Uhr.

 

Verweise:

https://art-depesche.de/malerei/776-mehr-als-nur-picasso-im-museum-berggruen,-mit-orientbezug.html
https://www.smb.museum/ausstellungen/detail/pflanzen-brechen-aus-der-erde/
https://smart.smb.museum/media/exhibition/72723/SSG_210112_Pflanzen_Zacharias_Museumsjournal.pdf
https://www.atelier-otto-niemeyer-holstein.de/

Vegetabiles in der Sammlung Scharf-Gerstenberg https://art-depesche.de/images/Fruehling.jpg Ruedi Strese