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Jerg Ratgeb „Das letzte Abendmahl“ (aus dem Herrenberger Altar, Öl und Tempera auf Tannenholz, 1519, Staatsgalerie Stuttgart)

Berlin – Sein bewegtes Leben, in welchem er vom Maler von Kirchenaltären zum Führer von Aufständischen in den Bauernkriegen wurde, diente als Vorlage von Romanen und eines Films. Als Künstler wurde er oft mit Mathias Grünewald verglichen, stand am Übergang von der Spätgotik zur Frührenaissance, wobei ihm ein expressiv-manieristischer Zug eigen war. Obgleich nur ein schmales Werk erhalten ist und ihm sicher zugeschrieben werden kann, gilt er als einer der Großen seiner Zeit.

Zur Welt kam er ungefähr 1480, höchstwahrscheinlich in Schwäbisch Gmünd (auch Herrenberg wurde vermutet); dergleichen Ungenauigkeiten sind für Überlieferungen jener Zeit nicht ungewöhnlich. Jörg, Georg, Jorg oder Jerg wird sein Vorname geschrieben. Der Vater war ein Gmünder namens Jacob Schürtz, genannt Ratgeb, wohl Verwalter eines Meiereihofes. Schürtz könnte auf einen Gmünder Hausnamen zurückgehen, und auch auf unseren Mann wird bisweilen als Jürgen Schürtz referiert.

Der Beginn seiner künstlerischen Ausbildung liegt ebenfalls im Dunkeln, seine Wanderjahre mögen ihn durch Schwaben, das oberrheinische Gebiet und Augsburg geführt haben, und es gibt Annahmen, die ihn um 1500 als Gesellen Hans Holbeins des Älteren bei der Gestaltung des Hochaltars der Frankfurter Dominikanerkirche sehen.

In Gmünd wiederum dürfte er kurz darauf seinen Meistertitel erhalten haben, denn als Siegel nutzte er nutzte das Wappen der Gmünder Malerzunft. 1503 zog er nach Stuttgart, dort stand er in den Diensten des württembergischen Landesherzogs Ulrich. Er erwarb das Bürgerrecht und blieb bis 1509, war jedoch wahrscheinlich zwischenzeitlich auch in Frankfurt am Main und Umgebung tätig, denn dort wird er als Urheber einiger Werke vermutet.

1509 zog er mit seiner Werkstatt nach Heilbronn, und im Folgejahr schuf er den noch recht volkstümlichen Barbara-Altar für die Stadtkirche zu Schwaigern, welcher als sein frühestes signiertes Werk gilt. Zwei Schreiben belegen seine Versuche, seine Lebensgefährtin in Heilbronn, mit welcher er auch Kinder hatte, von Herzog Ulrich aus der Leibeigenschaft freizukaufen. Er konnte das Heilbronner Bürgerrecht nicht erwerben, denn diese Versuche waren vergeblich, wurden dafür jedoch von späteren, insbesondere sozialistischen, Deutungen als Teil einer revolutionären Gesinnung interpretiert. 1512 scheint die Gefährtin gestorben zu sein, und Ratgeb verließ Heilbronn, gab zudem sein Stuttgarter Bürgerrecht auf.

In den Jahren darauf war er wieder vorrangig in Frankfurt tätig, ihm werden dort mehrere Arbeiten zugeschrieben. Zu erwähnen sind unbedingt die heute nur noch in Fragmenten erhaltenen, aber soweit restaurierten Wandmalereien des Frankfurter Karmeliterklosters, entstanden zwischen 1514 und 1518(21?). Es handelt sich hierbei um die größte Wandmalerei im nördlich der Alpen gelegenen Teil Europas.

Bald darauf entstand das letzte signierte und überhaupt bedeutendste Werk, der Herrenberger Altar, geschaffen für die Stiftskirche von Herrenberg. Auf der Frankfurter Ostermesse von 1518 hatte der Meister die dafür erforderlichen Farben erstanden, und vollendete das Werk bis 1520. Das Werk markiert, verglichen mit dem Barbara-Altar, einen gewaltigen Entwicklungsschritt. Er ist von außerordentlicher symbolischer Dichte und einem sehr eigenwilligen Malstil irgendwo zwischen Dürer, Grünewald (dessen Isenheimer Altar er gesehe haben dürfte) und Bosch; die langgezogenen Figuren erinnern entfernt gar an den Manierismus eines El Greco.

Hier ist einzuwerfen, daß Ratgeb lange komplett vergessen war und erst im späten 19. Jahrhundert durch Forschungen des Frankfurter Malers Otto Donner überhaupt wieder Namen und ein diesem Namen zugeordnetes Oeuvre bekam. Dennoch war der Stil wenig geschätzt, 1891 verkaufte der Herrenberger Stadtrat „mit Rücksicht auf die teilweise unschönen Bilder“ den Altar an die Stuttgarter „Staatssammlung vaterländischer Altertümer“. Heute ist der Altar, nunmehr als Meisterwerk eines Sonderlings anerkannt, in der Staatsgalerie Stuttgart zu bewundern, in der Herrenberger Stiftskirche steht eine Kopie.

Doch zurück zum Meister selbst. Dieser löste 1521/22 seine mit geschätzt zehn Mitarbeitern nicht unbedeutende Frankfurter Werkstatt auf, ging wieder nach Stuttgart. Über die letzten Jahre in Stuttgart wissen wir nicht allzuviel, doch das Wenige hat am wenigsten mit Kunst zu tun. Die Stürme von Reformation und Bauernaufstand tobten im Land, zuerst geistig, dann blutig.

Ratgeb war Mitglied des Stuttgarter Stadtrates, verhandelte als solches 1525 mit aufständischen Bauern und schloß sich deren Kriegskontingent an, wurde von den Bauern gar zum Kriegsrat und Kanzler gewählt. Er kämpfte nun an der Seite des der Reichsacht verfallenen Herzogs Ulrich, als dieser versuchte, mit Hilfe der aufständischen Bauern sein Territorium zurückzuerobern.

Der Aufstand wurde niedergeschlagen, Ratgeb floh, wurde verraten und verhaftet und wegen seiner Beteiligung am Bauernkrieg und seiner Parteinahme für den geächteten Herzog wegen Hochverrats zum Tode verurteilt und 1525/26 wahrscheinlich in Pforzheim durch Vierteilung mit Pferden grausam gerichtet.

Es war insbesondere dieses blutige Ende, welches Ratgebs Leben zu einem Stoff für Literatur und Film werden ließ. Es gab mehrere historische Romane, und 1977 wurde er der Held eines Spielfilms der DEFA, denn die DDR sah in ihm einen ideologischen Vorgänger, auch wurde sein Werk durch die damals übliche ideologische Brille rezipiert.

Für uns interessanter ist, daß Werner Tübke in seinem Bauernkriegspanorama in Bad Frankenhausen einen Bezug zu Jörg Ratgeb einarbeitete. Dieser hatte auf der Rückseite des Herrenberger Altars ein Porträt untergebracht, welches als Selbstbildnis gedeutet wurde. Tübke übernahm diese Figur und setzt sie zwischen seine Nachmalungen der Porträts von Albrecht Dürer und Tilmann Riemenschneider.

 

Verweise:

https://www.kulturstiftung.de/jerg-ratgeb-vom-kirchenmaler-zum-bauernkrieger/
https://www.deutschlandfunk.de/kirchenmaler-und-bauernkrieger.886.de.html?dram:article_id=247023
https://www.deutsche-biographie.de/sfz75668.html
http://www.bauernkriege.de/ratgeb.html

Jerg Ratgeb, Maler und Bauernführer https://art-depesche.de/images/Das_letzte_Abendmahl.jpg Ruedi Strese