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Christian Schad „Sonja“ (Öl auf Leinwand, 1928, Neue Nationalgalerie)

Berlin - Sechs Jahre lang dauerte die sanierungsbedingte Schließung des Mies-van-der-Rohe-Hauses in Nähe des Potsdamer Platzes. Nun ist das Gebäude nach der nicht ganz unumstrittenen, da wenig transparenten und zudem recht teuren, Sanierung wieder geöffnet, und der Besucher wird darin vor allem die wichtigsten Werke der klassischen Moderne aus der Sammlung der Nationalgalerie finden. „Die Kunst der Gesellschaft“ heißt die vorerst bis zum Juli 2023 zu besichtigende Dauerausstellung mit einer Auswahl an Kunst von 1900-1945. Wir wagten einen ersten Blick ...

Rund 250 Gemälde wurden zur Präsentation zusammengetragen, das ist durchaus eine Menge. Man sollte also etwas Zeit einplanen. Alles spielt sich im Kellergeschoß ab, das rundum verglaste Erdgeschoß wird für viel Tageslicht und wechselnde Gegenwartskunst genutzt. Lobenswert ist die Weite der Räume (zählbar), welche genutzt wurde, um den Bildern Raum (nicht zählbar) zu geben. Es besteht also die Möglichkeit zurückzutreten, und sich Werke auch aus größerem Abstand anzusehen.

Im Ausstellungskonzept wurde Wert darauf gelegt, nicht nur die ästhetisch-kunstgeschichtliche Bedeutung der Epochen, sondern auch sozialgeschichtliche Hintergründe zu beleuchten. Das kann man natürlich machen, doch besteht immer die Gefahr, daß die Kommentatoren dadurch mehr über sich selbst verraten als über über das, was sie kommentieren; insbesondere, wenn sich immer mehr eine einzige Perspektive als die einzig akzeptierte durchsetzt. Wovon natürlich in unserer Zeit keineswegs die Rede sein kann.

Nichtsdestotrotz enthalten die Einführungstexte und Anekdoten zu den einzelnen Räumen auch allerlei Interessantes. Auf kunsthistorische Erläuterungen zu den Hintergründen der einzelnen Bilder wurde hingegen verzichtet, dafür finden sich überall ausgiebige Provenienzangaben. Diese scheint ja mittlerweile so manches Ausstellungshaus für interessanter zu halten als seine Bilder selbst.

Ansonsten ist die Ausstellung in mehrere Kapitel gegliedert, wobei sich hier verschiedene Kriterien (Zeit, Künstlergruppe, Stilrichtung, Thema der Werke) mischen. Von einem Rundgang im eigentlichen Sinne kann aufgrund der Raumteilung nicht gesprochen werden, allerdings wiegt dieses Manko nicht allzu schwer; es ist dennoch halbwegs übersichtlich. Etliche der Bilder waren zuvor in verschiedenen anderen Museen aufgehängt, etwa dem Museum Berggruen, der Sammlung Scharf-Gerstenberg, der Alten Nationalgalerie und im Hamburger Bahnhof.

Fangen wir am Ende der Ausstellung an, denn dieses zeigt kunsthistorisch den Anfang mit einigen dem späten Jugendstil und Symbolismus nahestehenden Künstlern. Georg Kolbe ist mit „Die goldene Insel“ sowie seiner Skulptur „Die Tänzerin“ vertreten, Ferdinand Hodler mit dem großen Figurenbild „Jüngling vom Weibe bewundert II“ sowie einer kleineren Landschaft; ein Bild verdanken wir Paula Modersohn-Becker. Von Edvard Munch sehen wir ein großes Bildnis sowie den Fries für Kammerspiele Max Reinhardts in Berlin. Außerordentlich spannend zwei utopische Landschaftsgemälde Wenzel Habliks. Allein für diesen letzten Raum lohnt sich der Ausstellungsbesuch bereits.

Breiteren Raum nimmt der Expressionismus in seinen verschiedenen Spielarten ein, vor allem die Brücke ist gut abgedeckt; der Schwerpunkt liegt auf Werken Ernst Ludwig Kirchners und Otto Muellers; Max Pechstein und Karl Schmidt-Rottluff finden sich ebenfalls, darunter Schlüsselwerke wie Kirchners „Potsdamer Platz“ und Pechsteins „Sitzendes Mädchen“.

Von Emil Nolde sehen wir hingegen lediglich ein einziges seiner Figurenbilder. Wo sind die herrlichen Landschaften und Blumenbilder? Hat Berlin nur dieses eine Bild? Ja, man darf diese Ansprüche haben, es handelt sich schließlich um die Nationalgalerie, und die, sollte man meinen, sollte doch eine Auswahl an Werken der größten Künstler vor allem des Inlands zeigen können. Auch die Neue Künstlervereinigung München resp. die daraus hervorgegangene Ausstellungsgemeinschaft Der Blaue Reiter sind nur sehr spärlich vertreten. Einmal Franz Marc, einmal Marianne von Werefkin. Etwas Kandinsky. Gabriele Münter? August Macke? Alexej von Jawlensky? Adolf Erbslöh? Fehlanzeige. Immerhin ist Alexander Kandoldt, Meister des magisch-realistischen Stillebens, im Zusammenhang mit der Neuen Sachlichkeit mit einem wunderbaren Bild dabei. Der Fauvismus als französische Parallelbewegung zum Expressionismus fehlt völlig; hierfür muß man eben ins Potsdamer Museum Barbeini pilgern.

Neusachlich gibt es dann auch Beachtliches, sowohl aus der magisch-realistischen als auch der sozialistischen, „veristischen“ Unterströmung. Als Vertreter des Verismus seien George Grosz und Otto Dix genannt, beides begnadete Zeichner; vor allem vom vielseitigen Dix sind eine Reihe wichtiger Werke in der Präsentation gelandet. Unbedingt erwähnen möchten wir noch Christian Schads berühmte „Sonja“, des Weiteren treffen wir Werke von Curt Querner, Rudolf Schlichter und Otto Nagel (die bekannten „Weddinger Jungen“).

Von den klassizistisch bis magisch-realistischen Künstlern hatten wir Kanoldt bereits erwähnt, auch Georg Schrimpf und Franz Radziwill gehören hierhin. Alle drei hätten deutlich mehr Beachtung verdient. Diese Strömung kann in ihrer sauberen Technik und bisweilen seltsam entrückten Atmosphäre (Kanoldts Stilleben sind hier beispielhaft) auch als Brücke zur Pittura metafisica Giorgio de Chiricos und zum technisch gehobenen Surrealismus Dalís gesehen werden. Beide Künstler sind mit je einem Exempel dabei.

In neusachlicher Verwandtschaft und doch etwas für sich stehen die zwei Ausnahmekünstlerinnen Tamara de Lempicka und Lotte Laserstein, beide je einmal dabei. Letztere wurde erst in jüngerer Vergangenheit wiederentdeckt und stark publik gemacht. Die Qualität ihres Werkes rechtfertigt dies jedoch; das im Eingangsbereich befindliche „Potsdam am Abend“ läßt diesbezüglich keine Zweifel aufkommen. Auch Max Beckmann, trotz gewisser Nähe zu Expressionismus und Neuer Sachlichkeit, stand weitgehend für sich allein; er ist sehr prominent mit einem eigenen Kapitel vertreten.

Von den Bauhaus-Künstlern sind Werke von Paul Klee, Georg Muche, Oskar Schlemmer und Lyonel Feininger (Kandinsky erwähnten wir ja bereits) im Zusammenhang mit den Ursprüngen gegenstandsloser Malerei zu sehen; im gleichen Kontext finden wir auch Fernand Leger, Willi Baumeister und Hilma af Klint. Der Anteil des Kubismus ist mit wenigen Arbeiten von Juan Gris, Pablo Picasso und Georges Braque eher spärlich; freilich wird dieser im Museum Berggruen gut abgedeckt. Dafür gibt es mit Robert Delaunays spektakulärem Großgemälde „Eiffelturm“ eines der Hauptwerke des orphischen Kubismus bzw. Orphismus, welches man auf jeden Fall gesehen haben sollte.

Vergessen wir schließlich nicht die Dadaisten und Surrealisten. Für deren Beispiele wurde größtenteils auf Arbeiten zurückgegriffen, welche vorher in der Sammlung Scharf-Gerstenberg zu besichtigen waren. Leere Räume sind dort allerdings noch nicht zu erwarten, obgleich auch das Kalabscha-Tor bereits aus diesem Haus verschwunden ist, denn das Mies-van-der-Rohe-Haus zeigt auch hier lediglich eine schmale Auswahl.

Immerhin ist mit Salvador Dalí, dessen Namen wir schon einige Abschnitte zuvor für die Nachwelt überliefert haben, Max Ernst, René Magritte, André Masson, Hannah Höch, Wolfgang Paalen und Roberto Matta reichlich Prominenz versammelt. Zugegebenermaßen etwas stiefmütterlich behandelt die ART DEPESCHE wieder die Bildhauerei, doch sei versichert, daß hier mit Werken von Käthe Kollwitz, Rudolf Belling, Renée Sintenis, Oskar Schlemmer, Gerhard Marcks und vielen anderen eine interessante Auswahl getroffen wurde.

Dies also unser erster Eindruck; sicher werden wir dann und wann an den Ort des Geschehens zurückkehren und unsere Leser über Neuigkeiten und Einzelheiten informieren. Die Neue Nationalgalerie befindet sich am Kulturforum, in der Potsdamer Straße 50 in 10785 Berlin, etwa 10 Gehminuten vom Potsdamer Platz entfernt. Geöffnet hat es am Dienstag und Mittwochsowie von Freitag bis Sonntag 10-18 Uhr, am Donnerstag von 10-20 Uhr. Der Montag ist Schließtag. Der Eintritt kostet regulär 14,-, ermäßigt 7,- €. Personen unter 18 Jahren haben freien Eintritt. Tickets können derzeit nur online erworben werden.

 

Verweise:

https://www.smb.museum/museen-einrichtungen/neue-nationalgalerie/home/
https://www.smb.museum/museen-einrichtungen/neue-nationalgalerie/ausstellungen/detail/die-kunst-der-gesellschaft/
https://recherche.smb.museum/?language=de&limit=20&controls=none&conditions=AND%2BdateRange%2B{"datingFrom"%3A"1905"%2C"datingTo"%3A"1945"}&collectionKey=NG*

Neue Nationalgalerie wieder eröffnet ... ein erster Besuch https://art-depesche.de/images/Sonja.jpg Ruedi Strese