Lovis Corinth „Die Freier im Kampf gegen Odysseus“ (aus dem „Katzenellenbogen-Zyklus“), Tempera auf Leinwand, 1913, 227 cm x 213 cm, Berlinische Galerie)

Berlin – Die Berlinische Galerie hat sich Großes vorgenommen, im doppelten Sinne, denn es handelt sich um sehr große Gemälde, welche den elfteiligen „Katzenellenbogen-Zyklus“ bilden, den Lovis Corinth einst für das Freienhagener Anwesen des Ehepaares Katzenellenbogen schuf. Sechs der Gemälde befinden sich bereits seit 1980 in den Beständen des „Berliner Landesmuseums für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur“, seit Juli ist ein siebentes, der „Bacchant“, zu sehen. Perspektivisch will man versuchen, den gesamten Zyklus im Haus zu vereinen.

Über Lovis Corinth (1858-1925) müssen wir an dieser Stelle nicht allzuviele Worte verlieren. Er wird neben Max Liebermann und Max Slevogt zum Dreigestirn der berühmtesten deutschen Impressionisten gezählt, vertrat jedoch einen vergleichsweise rauhbeinigen Stil, welcher in späteren Jahren eine immer stärker expressionistische Richtung einschlug.

Der Brauereidirektor Ludwig Katzenellenbogen wiederum war eine der wirtschaftlich einflußreichsten jüdischen Personen der Weimarer Republik, stolperte allerdings bereits vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten über einen Finanzskandal. Für uns weit interessanter ist, daß er eine sehr kunstverständige Ehefrau hatte, die Arzttochter Estella Marcuse, welche eine bedeutende Sammlung vorwiegend von Werken der Berliner Secession und französischer Impressionisten, so von Monet, Manet, Van Gogh, Cézanne, Liebermann und Menzel, ja selbst einen Rubens, besaß.

Der Galerist Paul Cassirer hatte 1913 eine riesige Ausstellung mit Gemälden Lovis Corinths veranstaltet, und vermittelte den Katzenellenbogens den Kontakt zum Künstler, welcher beauftragt wurde, für den Festsaal des ehemaligen Rittergutes in Freienhagen bei Oranienburg einen Zyklus von Großgemälden zu schaffen. Diese entstanden also zur Jahreswende 1913/14.

Die Rolle von Estella und Ludwig Katzenellenbogen ist nicht ganz klar. Bisweilen wird sie als Auftraggeberin genannt, doch heißt es auch, Corinth habe mit Ludwig über mögliche Landschaftsbilder gesprochen, aber schließlich ohne Absprache einfach eine Serie von Bildern abgeliefert. Diese behandeln Themen aus Homers „Odyssee“ sowie dem „Orlando furioso (Der rasende Roland)“ (1516) von Ludovico Ariosto, im deutschen Sprachraum besser bekannt als Ariost. Der Eindruck ist kraftvoll, expressiv, rauschhaft, ja comicartig. Gemalt hat Corinth, anders als üblich, mit Temperafarben, welche in kurzen, kleinen Strichen und in mehreren Schichten aufgetragen werden.

Als sich Ludwig 1929/30 von Estella scheiden ließ, um die Schauspielerin Tilla Durieux (bürgerlich Ottilie Godeffroy), ehemalige Partnerin Paul Cassirers, ehelichen zu können, erhielt seine Verflossene die Freienhagener Villa mitsamt der darin befindlichen Gemälde. Sie floh 1939 mit ihren Kindern vor den Nationalsozialisten in die USA, ließ ihre Kunstsammlung in Amsterdam zwischenlagern, von wo sie sie nach Ende des Krieges in die USA nachholte.

Die 1980 von der Berlinischen Galerie erworbenen Bilder sind die etwas plakatartigen Bildnisse der Dichter Homer und Ariost, außerdem „Angelica mit Drachen“, „Ruggiero und Knappe“ sowie zwei Bilder zum Kampf des Odysseus mit den Freiern Penelopes. Der Neuzugang der Berlinischen Galerie nun, jener lebensgroße tanzende „Bacchant“, befand sich als Leihgabe von Estella Katzenellenbogens Sohn Konrad Kellen im Los Angeles County Museum, landete 2019 im Auktionshaus Grisebach, von welchem es die Berlinische Galerie glücklicherweise im Nachverkauf erwerben konnte.

Vier weitere Gemälde gehören noch zum Zyklus. Des „Bacchanten“ weibliches Gegenstück, die „Bacchantin“, hatte Kellen genanntem Museum in Los Angeles geschenkt, wo es sich weiterhin befindet; über den Verbleib der übrigen drei Gemälde, drei Supraporten, liegen uns bislang keine Informationen vor.

Die Dauerausstellung der Berlinischen Galerie ist eh einen Besuch wert, diese ungewöhnlichen Arbeiten Corinths gehören zu den wichtigsten Gründen dafür. Das Haus befindet sich in der Alten Jakobstraße 124-128 in 10969 Berlin, geöffnet hat es von Mittwoch bis Montag von 10-18 Uhr, der Dienstag ist Schließtag. Der Eintritt kostet 12,-, ermäßigt 9,- Euro; Personen unter 18 Jahren haben freien Eintritt. Derzeit können Tickets sowohl online als auch vor Ort erworben werden.

 

Verweise:

https://berlinischegalerie.de/en/digital/provenienzen-kunstwerke-wandern/corinth-ariosto/
https://artinwords.de/berlin-berlinische-galerie-kauft-bacchant-von-lovis-corinth/
https://sammlung-online.berlinischegalerie.de/eMP/eMuseumPlus?service=ExternalInterface&module=collection&objectId=144373&viewType=detailView
http://www.maerkische-landsitze.de/katzenellenbogen.htm
https://www.grisebach.com/fileadmin/downloads/PDFs/H2019/Grisebach_310_228_CORINTH.pdf

7 von 11 – Der Katzenellenbogen-Zyklus in der Berlinischen Galerie https://art-depesche.de/images/Die_Freier_im_Kampf_gegen_Odysseus.jpg Ruedi Strese
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