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Asmus Jakob Carstens „Die Nacht mit ihren Kindern Schlaf und Tod“ (Schwarzer Kalk auf Papier, 1794/95, 745 cm x 985 cm, Kunstsammlung Weimar)

Berlin – Der Klassizismus des ausgehenden 18. Jahrhunderts war im Grunde kein wirklicher neuer Stil, sondern eine Retro-Mode. Am Ende des verfeinerten Rokoko, des letzte organischen Stils der alten Malerei, begann Europa, sich auf das antike Erbe zu besinnen. In Deutschland war für diese Entwicklung Johann Joachim Winckelmann mit seinen Schriften als Hauptverantwortlicher zu nennen. Der führende deutsche Klassizist war Asmus Jakob Carstens, ein malender Jünger einer als klar und strahlend gedachten Antike.

Geboren wurde er 1754 als Sohn eines Müllers im Dorf Skt. Jørgen, heute Sankt Jürgen genannt und ein Stadtteil Schleswigs. Als Kind zeigte er bereits eine außerordentliche künstlerische Passion, doch mußte er 1771, nach dem Abschluß der Lateinschule, zunächst in Eckernförde bei einem Küfer (Hersteller von Holzfässern) in die Lehre. Auch von Weinhandel ist zu lesen; dies erwähnen wir unter Vorbehalt.

In seiner Freizeit befaßte er sich mit der Aquarellmalerei und der Lektüre kunsttheoretischer Schriften. So stieß er unweigerlich auf Winckelmann – und war begeistert. Er verabschiedete sich 1776 von der Küferei und ging nach Kopenhagen, denn dort gab es die angesehene Königlich Dänische Kunstakademie.

Der Besuch der Akademie erwies sich als Enttäuschung. Carstens kam weder mit dem vorherrschenden Programm des akademischen Klassizismus zurecht, noch mit dem eher expressiv-protoromantischen Nikolai Abildgaard, dem größten dänischen Maler der Zeit. Er fühlte sich vom Aktzeichnen abgeschreckt, versäumte regelmäßig den Unterricht, und bevorzugte Zeichnung und Aquarell gegenüber dem Ölgemälde, welches ihm stets etwas fremd blieb.

In Eigenregie verbesserte er seine zeichnerischen Fähigkeiten durch genaues Naturstudium, blieb jedoch noch bis 1781 an der Akademie. Er hoffte auf eine Goldmedaille und das damit verbundene Romstipendium, jedoch reichte es nur für Silber, und dieses lehnte er rundweg ab. Darauf wurde er der Akademie verwiesen.

Mit seinem ebenfalls als Maler tätigen Bruder Friedrich Christian wollte er nun auf eigene Faust nach Rom reisen, doch das fehlende Geld ließ ihn auf halbem Wege umkehren. Zwischenhalt machte er in der Schweiz bei bei Johann Caspar Lavater, dem Haupttheoretiker der Physiognomik, dann ließ er sich in Lübeck nieder. Dort verdingte er sich als Porträtmaler, befaßte sich mit den ästhetischen Schriften Kants und Schillers. Von besonderer Bedeutung wurde die Freundschaft mit dem Schriftsteller Karl Ludwig Fernow. Durch das Wohlwollen von Christian Adolph Overbeck, Dichter, Lübecker Bürgermeister und Vater des Malers Friedrich Overbeck, konnte er 1787 immerhin eine Reise nach Berlin antreten.

In Berlin kam er nach einiger Zeit endlich zum Erfolg. Seine Beiträge zu den Akademieausstellungen fanden Beachtung, er schuf Wand- und Deckengemälde für das Berliner Schloß, illustrierte Bücher und wurde sogar als Professor der Modellklasse der Berliner Akademie verpflichtet.

Dennoch verließ er Berlin 1792 wieder, denn nun konnte er sich endlich seinen Traum des Rombesuchs erfüllen. Er studierte antike Skulpturen, ließ sich von Raffael und Michelangelo inspirieren. Sein Hauptwerk, die monumentale Zeichnung „Die Nacht mit ihren Kindern Schlaf und Tod“ entstand 1794. Eine später als Auftragswerk enstandene Fassung in Öl ist nicht erhalten geblieben.

Carstens starb 1798 in Rom und wurde auf dem dortigen Protestantischen Friedhof bestattet; sein Grabmal ziert ein von Leopold Rau nach „Die Nacht mit ihren Kindern Schlaf und Tod“ gefertigtes Relief. Sein alter Lübecker Freund Fernow kümmerte sich um die Verwaltung seines Nachlasses, schrieb seine Biografie und machte auch Goethe auf sein Werk aufmerksam. Dieser wurde zum posthumen Bewunderer Carstens, der als Maler seine Vorstellungen einer an der Antike orientierten Kunst verwirklicht habe.

Erhalten ist neben Gemälden und Zeichnungen Carstens' lediglich ein einziges bildhauerisches Werk, eine singende Parze. Diese beachtenswerte kleine Gipsskulptur befindet sich im Depot des Frankfurter Staedel Museums. Der 1860 gegründeten Kunstschule Weimar galt er als Leitbild, im Stadtmuseum Schleswig ist ihm ein eigener Raum gewidmet.

 

Verweise:

https://www.deutsche-biographie.de/sfz69564.html
https://sammlung.staedelmuseum.de/de/werk/die-parze-atropos
http://www.artnet.de/künstler/asmus-jacob-carstens/

Asmus Jakob Carstens: Klassizismus im Geiste Winckelmanns https://art-depesche.de/images/Die_Nacht_mit_ihren_Kindern_Schlaf_und_Tod.jpg Ruedi Strese