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„Antoine Watteau: Kunst – Markt – Gewerbe“ (Ausstellungsansicht)

Berlin – Jean-Antoine Watteau war einer der bedeutendsten und faszinierendsten Künstler des französischen Rokoko. Seine sich verlustierende Menschen in idyllischer Landschaft darstellenden „fêtes galantes“ wurden gar zu einer eigenständigen, wenn auch recht kurzlebigen neuen Bildgattung. Recht kurzlebig war leider auch Watteau selbst: Als er vor 300 Jahren, im Juli 1721, starb, war er gerade einmal 36 Jahre alt. Sein 300. Todestag dient nun als Anlaß für eine bis zum 9. Januar 2021 angesetzte Ausstellung im Schloß Charlottenburg, betitelt „Kunst – Markt – Gewerbe“ welche sich vor allem mit der posthumen Popularisierung des Meisters im friderizianischen Preußen und seinem stilbildenden Einfluß auf Kunst und Kunsthandwerk befaßt.

Doch beginnen wir, bevor wir in medias res gehen, mit einer Unmutsäußerung in eigener Sache. Die ART DEPESCHE hatte bereits einige Tage vor dem tatsächlichen Besuch erstmals Karten erstanden, vor Ort fanden wir jedoch die Ausstellung geschlossen, den Zugang durch den Park versperrt. Als Begründung wurde der Sturm des Vortags angegeben. Allerdings hätte anscheinend sowohl ein Zugang durch den Haupteingang als auch die Markierung des Zugangs durch den Park mittels Signalbändern möglich sein müssen. Oder nicht? Auch wurde weder eine E-Mail versandt, welche die Kartenkäufer informierte, daß der Besuch nicht möglich sei, noch war dies auf der Seite ersichtlich. Tatsächlich wäre dort sogar der Kartenkauf weiterhin möglich gewesen. Hier wünscht man sich in Zukunft von der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten (SPSG) mehr Professionalität. Immerhin klappte die Rückerstattung der Eintrittsgelder problemlos.

Doch nun zum wichtigen Teil, der Ausstellung selbst. Eigens wurde ein lange nicht öffentlich zugänglicher Teil des Neuen Flügels dafür hergerichtet. Aufhänger ist ein Werk aus dem Bestand des Schlosses selbst, nämlich das „Ladenschild des Kunsthändlers Gersaint“, welches 1746 von König Friedrich II. von Preußen erworben wurde und als eines der bedeutendsten Gemälde Watteaus gilt. Dieses war tatsächlich einst Aushängeschild des Kunsthandels des genannten Gersaint, Freund und Geschäftspartner Watteaus, welcher einen großen Anteil an dessen posthumer Bekanntwerdung hatte. Ausgehend davon wird auf Besonderheiten des damaligen Kunsthandels, etwa die gezielte Popularisierung von Gemälden durch Druckgrafiken eingegangen.

Überhaupt, Druckgrafiken: Diese stellen wohl den größten Anteil der Exponate, Ölbilder sind vergleichsweise wenige zu sehen, die meisten davon mehr (aus dem Schloß Charlottenburg) oder weniger (aus den Potsdamer Objekten der SPSG) hauseigen. Einige Rötelzeichnungen beweisen die hohe zeichnerische Meisterschaft.

Durchweg lesenswert sind die Informationstafeln und Begleittexte zu den einzelnen Objekten. Hier wird (kunst)historisch erklärt, erzählt, ohne die mittlerweile in vielen Häusern übliche ideologische Bevormundung der Besucher (mit der Neuen Nationalgalerie als besonders unangenehmes Beispiel). In die grundlegenden Informationen fließen immer wieder kleine Anekdoten ein, welche das Ganze noch lebendiger werden lassen, etwa, daß Friedrich II. selbst seinen Hofmaler Antoine Pesne anwies, sich an Watteau zu orientieren. Weitere Zeitgenossen begegnen uns, darunter Nicolas Lancret und Jean Siméon Chardin.

Die Verarbeitung Watteauscher Motive machte freilich bei Radierungen nicht halt, es geht vom von Pesne gestalteten Paravent, kleinen Fächern und Wandteppichen über Porzellanmalerei aus Meißen und der Königlichen Porzellan-Manufaktur Berlin (KPM) bis zum Einfluß Watteaus auf rezente Modeschöpfungen von Vivienne Westwood.

Es handelt sich bei „Antoine Watteau: Kunst – Markt – Gewerbe“ nicht um eine besonders umfangreiche Ausstellung, und wer einen „Overkill“ selten zu sehender Rokoko-Gemälde erwartet, dürfte enttäuscht werden. Dafür ist sie ausgesprochen liebevoll gestaltet, die kunsthistorischen Erläuterungen sind erstklassig. Wer also nicht immer nur den großen Eindruck sucht, sondern auch mit dem tiefen etwas anfangen kann, dem sei diese Schau dringend ans Herz gelegt.

Im Eintrittspreis ist übrigens auch der Besuch der Dauerausstellung im Neuen Flügel mit enthalten, und hier gibt es dann etliche Gemälde von Barock bis Romantik, dabei Antoine Pesne, Jacques-Louis David, Franz Krüger, Eduard Gaertner und viele mehr. Das Schloß Charlottenburg befindet sich am Spandauer Damm 10-22 in 14059 Berlin. Geöffnet hat es üblicherweise von Dienstag bis Sonntag jeweils 9 Uhr bis 17:30 Uhr, für den 1. November 2021 bis 9. Januar 2022 gelten verkürzte Öffnungszeiten (Dienstag - Sonntag 09:00 - 16:30). Der Eintritt kostet 14,-, ermäßigt 10,- €; Tickets sind online zu erstehen.

 

Verweise:

https://www.spsg.de/aktuelles/ausstellung/antoine-watteau/

Watteau und sein Wirken: Sonderschau im Schloß Charlottenburg https://art-depesche.de/images/Antoine_Watteau.jpg Ruedi Strese