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George Copeland Ault „Altes Haus, neuer Mond“ (Öl auf Leinwand, 1943, 51,1 cm x 71,1 cm, Yale University Art Gallery)

Berlin – Der Präzisionismus war eine endogene Stilrichtung innerhalb der amerikanischen Moderne, die erste exklusiv amerikanische überhaupt. Ein faszinierender Außenseiter, dessen Werk in diesem Zusammenhang zu nennen ist, war George Copeland Ault. Seine Landschaften und Veduten verbinden technische Kühle und Perfektion mit einer traurigen, bisweilen albtraumhaften Grundstimmung.

Geboren wurde er 1891 in Cleveland, Ohio, in wohlhabenden Verhältnissen. Als er acht Jahre alt war, zog die siebenköpfige Familie nach London, wo Vater Charles versuchte, amerikanische Druckerschwärze auf den europäischen Markt zu bringen. Der Vater war selbst ein Amateurmaler, der es dennoch sogar zu einer Ausstellungsbeteiligung am Pariser Salon gebracht hatte und mit zahlreichen bekannten Künstlern verkehrte, darunter William Merritt Chase, dem er auch Modell saß. Er engagierte sich im Museumsbetrieb und brachte dem Sohn die Welt der Kunst in zahlreichen Ausstellungsbesuchen nahe.

In London besuchte Ault die University College School, die zur Universität von London gehörende Slade School of Art und St. John’s Wood Art School, wo er 1908 seine erste Ausstellung hatte. Er war in der Technik des damals verbreiteten britischen Impressionismus geschult, und seine frühesten Werke sind jener Richtung verwandt.

1911 ging er in die USA zurück und begann unter dem Eindruck amerikanischer Großstädte, einen eigenen, modernen Stil zu entwickeln, was ihn um die Unterstützung durch seinen Vater brachte. Der Präzisionismus, zu welchem Ault üblicherweise gerechnet wird, zeichnet sich allgemein durch realistische Motive (wie Städte und Industrieanlagen) und äußerste Nüchternheit aus.

Die Formgebung war oft dem Kubismus und Futurismus entlehnt. Technisch wurde auf höchste Genauigkeit und Sauberkeit geachtet, Kritiker sprachen auch von „Sterilismus“. Charles Sheeler, Charles Demuth und Georgia O'Keeffe sind die bekanntesten Vertreter (wobei letztere vor allem mit Blumen und Landschaften berühmt wurde).

Was die schmucklose Darstellungsweise der Gebäude und seine Malweise angeht, ist die Einordnung Aults in diesen Kontext passend. Allerdings war er kein wirklicher Anhänger des technischen Fortschrittsglaubens und der Moderne als solcher, die Stadt bekommt albtraumhaften Charakter, so bezeichnete er Wolkenkratzer als „Grabsteine des Kapitalismus“ und sah in der modernen Großstadt eine „Hölle ohne Feuer“.

Das Licht behandelte er auf realistische Weise, und die nächtlichen Städte sind von Einsamkeit bestimmt. Allerdings gab es auch Landschaften, Stilleben, Hafenszenen. Neben dem Ölgemälde beherrschte er auch Handzeichnung und Aquarell meisterlich. Deutlich erkennbar ist bald der Einfluß de Chiricos, auch Albert Pinkham Ryder beeindruckte ihn sehr.

Er konnte in einigen Galerien ausstellen, doch sein schwieriger Charakter war sicher ein Faktor, der ihn so manchen Kontakt kostete. Ab den 20er Jahren war er dem Alkoholismus verfallen, und alle drei seiner Brüder begingen Selbstmord, zwei von ihnen im Zusammenhang mit dem großen Börsencrash 1929.

1935 verließ er seine erste Frau, nachdem er die Schriftstellerin Louise Jonas kennengelernt hatte, welche seine zweite Frau werden sollte. Mit dieser gemeinsam zog er nach Woodstock, wo das Paar ein ärmliches Dasein in einer Hütte ohne Strom und Sanitäranlagen führte. Von der lokalen Künstlerkolonie hielt er sich fern.

Finanziell war er ganz von seiner Frau anhängig, denn obgleich er zahlreiche großartige Werke schuf, konnte er selten etwas verkaufen, obgleich sich die Situation nach dem Krieg 1945 etwas besserte.

Im Dezember 1948 wurde seine Leiche fünf Tage nach seinem Tod durch Ertrinken im Sawkill Brook geborgen, wohin er während eines nächtlichen Sturmes gegangen war. Der Leichenbeschauer ging von Selbstmord aus, obgleich seine Witwe einen Sturz aufgrund fehlender Leitplanken und schwacher Gesundheit annahm.

 

Verweise:

https://www.caldwellgallery.com/artists/george-copeland-ault/biography
https://americanart.si.edu/exhibitions/ault
https://americanart.si.edu/artist/george-ault-171

George Ault, Melancholiker des Präzisionismus https://art-depesche.de/images/Altes_Haus_neuer_Mond.jpg Ruedi Strese