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Sandro Botticelli „Die mystische Geburt" (1501)
Berlin - Die Gemäldegalerie in Berlin widmet ihre aktuelle Sonderausstellung einem Meister der Renaissance und dessen künstlerischer Rezeption bzw. Weiterverarbeitung vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart. „The Botticelli Renaissance“ zeigt rund 50 Originalgemälde des Meisters und etwa 100 Exponate, die sich in der einen oder anderen Art auf Sandro Botticelli beziehen, zusammengetragen aus eigenem Bestand und großen Sammlungen der Welt.
Das Ganze spielt sich im Wesentlichen in drei Sälen ab. Im ersten steht die „Venus“ im Mittelpunkt. Die für sich stehende Variante von 1490 vor schwarzem Hintergrund ist zu sehen (das großformatige Originalgemälde „Die Geburt der Venus“ von 1485/86 befindet sich ja in den florentinischen Uffizien), darum erfolgt ein bunter Wirbel zeitgenössischer Neuinterpretationen, Adaptionen, Parodien, Tribut, je nach Sichtweise auch Schändungen. Es gibt Farbdrucke, Installationen, Siebdrucke, digitale Bilder, bis hin zu Modeentwürfen von Dolce & Gabbana. 

Kunst der Renaissance, als isoliertes Motiv herausgenommen, zum Element von Popkultur geworden. Nur bedingt ein schöner Anfang. Zu den ästhetischeren Stücken gehört da noch eine Adaption des Chinesen Yin Xin, welcher der Figur asiatische Züge verlieh. Negativ anzumerken ist für diesen Raum auch die überaus schlechte Lesbarkeit der weit unten angebrachten Schilder; manch ein Besucher schien das Kinn über den Boden schieben zu müssen, um etwas erkennen zu können. 
Der zweite Saal geht zurück in der Zeit und widmet sich den Jahren von der Wiederentdeckung Botticellis durch die englische Schule der Präraffaeliten bis zur klassischen Moderne. Hier sind dann auch für Skeptiker der Moderne durchaus gediegene Arbeiten zu sehen. Vertreten sind u.a. Salvador Dali, Arnold Böcklin, Edgar Degas und mehrere Werke Gustave Moreaus.
Als Glanzlichter besonders erwähnt seien „Das fertige Bouquet“ (1856) von René Magritte sowie ein sehr liebenswertes Plakat von Leonardo Bistolfi (1859-1933), einem herausragenden Vertreter des italienischen Symbolismus und Jugendstils. Auch ein gewaltiger Wandteppich, geschaffen von William Morris und John Henry Dearle beeindruckt. Für die schlanken, eleganten Figuren auf dieser „Der Obstgarten“ betitelten Arbeit von 1890 ließ sich Morris, Begründer der „Arts and Crafts“-Bewegung,  sichtlich von Botticellis Primavera beeinflussen. Erwähnt sei auch eine „Geburt der Venus“ des französischen Salonmalers William Bouguereau aus dem Jahre 1879 - eine leicht „exhibitionistische“ Neuinterpretation der im Original durchaus schamhaften Dame.
Der dritte und letzte Saal schließlich widmet sich den Werken des Meisters selbst. Hier lohnt es sich durchaus, auf die Entstehungszeit der Werke zu achten; es gibt eine deutlich Differenz zwischen den hellenistisch inspirierten früheren Werken und den Arbeiten aus der Zeit ab ca. 1490, als Botticelli unter den Einfluß des Dominikanermönches Girolamo Savonarola geriet - nicht mehr melancholisch gefärbte Lieblichkeit, sondern dunkle Seelenqualen sprechen aus den nun oft hart erscheinende Figuren. 
In einem rot beleuchteten Raum gesondert zu sehen sind die beiden einzigen Werke, welche Botticelli selbst signiert hat, und von denen (sowie Vasaris Schriften) ausgehend die Stilkritik weiteren Werken dessen Urheberschaft zugesprochen hat. Dabei sei erwähnt, daß er eine Werkstatt mit mehreren Gehilfen hatte, deren Mitarbeit stellt in dieser Hinsicht natürlich eine besondere Schwierigkeit dar. Die zwei signierten Werke sind jedenfalls eine der zahlreichen Federzeichnungen zu Dantes „Göttlicher Komödie“, sonst Bestandteil der Sammlung des Berliner Kupferstichkabinetts, sowie die „Mystische Geburt“ von 1501, eine Leihgabe der englischen Nationalgalerie in London. 

Ansonsten ist eine Menge Bedeutendes zu sehen, so die „Thronende Maria mit dem Kinde und den beiden Johannes“ aus dem Bardi-Altar, „Maria mit dem Kinde und singenden Engeln“ oder „St. Sebastian“ (alle drei auch sonst Bestandteil der hauseigenen Sammlung), die „Mystische Kreuzigung" von 1500 aus der Harvard-Sammlung und auch eine lange für echt gehaltene meisterliche Fälschung von Umberto Giunti aus den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts.
Zusammengefaßt bietet die Ausstellung viel sehr und manches weniger Sehenswertes, als klug erweist sich die Reise rückwärts, beginnend bei der Gegenwart und endend bei den Prachtstücken der Renaissance. „The Botticelli Renaissance“ in der Gemäldegalerie, unweit des Potsdamer Platzes, wird noch bis zum 24. Januar 2016 zu sehen sein. Der Eintritt kostet 14 €, ermäßigt 7€. Die Fotografie ist auf Wunsch der Leihgeber nicht gestattet.


Verweise:
http://www.botticelli-renaissance.de
http://www.smb.museum/ausstellungen/detail/the-botticelli-renaissance.html
http://www.art-depesche.de/index.php/malerei/65-der-dominikaner-savonarola-und-die-kunst
Ausstellung in Berlin: „The Botticelli-Renaissance“ https://art-depesche.de/images/Mystic_Nativity_Sandro_Botticelli_1024px.jpg Ruedi Strese