Guido Reni „St. Sebastian“ (etwa 1615)

Berlin - In Yukio Mishimas autobiographischem Roman „Geständnis einer Maske“, veröffentlicht 1948, wird eine Fotografie der Darstellung des heiligen Sebastian von Guido Reni (1575-1642) dem Protagonisten zum Einstiegstor in die Homosexualität. Später sollte Mishima sich selbst in der Pose Sebastians darstellen, mit gefesselten Händen und nur mit weißen einem Tuch die Scham bedeckend, von Pfeilen verwundet. Der exzentrische Schriftsteller, welcher 1970 nach einem theatralisch inszenierten Putschversuch mit Hilfe seines Geliebten Seppuku beging, war zu diesem Zeitpunkt jedoch kein zarter Knabe, sondern ein muskelbepackter Athlet und Dandy.
Die spezifische, sadomasochistisch gefärbte Homo-Erotisierung des leidenden Sebastian (welcher in der Geschichte dieses Martyrium überlebte, von einer mildtätigen Frau gesund gepflegt und zum Schutzheiligen gegen die Pest wurde) ist jedoch ein Phänomen, welches erst im späten 19. Jahrhundert konkret wurde, namentlich durch Oscar Wilde, welcher das Bild Renis in Genua besichtigte und sich überaus beeindruckt zeigte.

Als er einige Wochen später das Grab des romantischen Dichters John Keats besucht hatte, schrieb er dazu: „Als ich neben dem gemeinen Grab dieses göttlichen Knaben stand, gedachte ich seiner als eines Priesters der Schönheit, erschlagen vor seiner Zeit; und die Vision von Guidos heiligem Sebastian erschien vor meinen Augen, wie ich ihn in Genua sah, ein lieblicher brauner Junge, mit frischem, zusammenhängendem Haar und roten Lippen, von seinen bösen Feinden an einen Baum gebunden und, obwohl von Pfeilen getroffen, seine Augen mit göttlichem, bewegtem Glanz zur Ewigen Schönheit  der sich öffnenden Himmel hebend.“
Der heilige Sebastian ist von der italienischen Renaissance bis zum Barock vielfach gemalt worden. Auch in seiner frühen Geschichte waren Darstellungen des Märtyrers mit Sinnlichkeit assoziiert worden – es waren jedoch Frauen, die angesichts des jungen Mannes den Verstand verloren. Ein von Frau Bartolomeo (1472-1517) für den Altar der Kirche St. Marco in Florenz gemaltes Bild des Märyrers mußte Giorgio Vasari (1511.1574) zufolge wieder abgehängt werden, da der Klerus bald erfahren hatte, daß Frauen bei dessen Anblick gesündigt hätten. Ein ähnliches Bild existiert übrigens auch von Sandro Botticelli (1445-1510), gemalt 1474, es ist Bestandteil der Sammlung der Gemäldegalerie in Berlin.
Renis Sebastian entstand circa 1615, also etwa 140 Jahre nach dem Botticellis. Wir befinden uns also nicht mehr in der Renaissance, sondern inmitten des Barock. Die Darstellung ist weicher, lebendiger, sinnlicher – aber auch weniger „genial“ - im Vergleich zu Botticellis aristokratisch wirkendem Werk geradezu „Pop“.

Der heilige Sebastian und die Versinnlichung des Martyriums https://art-depesche.de/images/Guido_Reni_-_Saint_Sebastian_-_Google_Art_Project_27740148_1024px.jpg Ruedi Strese
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