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Paul Gauguin „Küstenlandschaft auf Martinique“ (Öl auf Leinwand, 1887, 54 cm x 90 cm, Ny Carlsberg Glyptotek, Kopenhagen)

Berlin – Bis zum 10. Juli 2022 wird in einigen Räumen der Alten Nationalgalerie in Berlin eine „Why Are You Angry?“ betitelte Sonderausstellung zu Paul Gauguin zu sehen sein, einem der Väter der malerischen Moderne. Natürlich war auch die ART DEPESCHE vor Ort, um sich einen Eindruck zu verschaffen.

Gauguin war schließlich nicht irgendwer. Geboren in Paris 1848, fand er erst spät seine Berufung als Künstler, wurde in den 1880er Jahren einer der wichtigsten Protagonisten des Postimpressionismus. 1891 stürzte er sich Hals über Kopf in sein polynesisches Abenteuer, wo er mit einer Unterbrechung bis zu seinem Tod 1903 lebte.

Das Konzept der Ausstellung: Einiges von Gauguin, dazu historische Hintergründe, erläutert aus der Perspektive der Heutigen, sowie als Kontrast gegenwärtige Kunst, die sich kritisch mit Gauguin und dem europäischen Kolonialismus allgemein auseinandersetzt. Dazu konnte eine ganze Reihe von Leihgaben gewonnen werden, größtenteils aus der Ny Carlsberg Glyptotek, Kopenhagen, welche auch das Konzept der Ausstellung ersonnen hatte.

Der erste Raum beginnt mit einer Chronik der Geschichte Polynesiens und sein Auftauchen im Bewußtsein der Europäer sowie frühen künstlerischen Zeugnissen. Dabei zwei kleinere Gemälde dänischer Künstler: August Plum (1815-1876) war Teilnehmer der Weltumseglung auf der dänischen Korvette Galathea 1845-47, und Nicolai Abildgaard (1743-1809), bekannt vor allem als Vertreter einer bisweilen dunklen Neoklassik und Vorromantik, begegnet uns hier mit einer „Tanzszene von Tahiti“ (1794/98). Abildgaard war allerdings selbst nicht auf Tahiti gewesen, sondern hatte sich von den Reiseberichten James Cooks inspirieren lassen. Keine herausragenden Werke, und doch ausgesprochen interessant. Ergänzend gibt es einige Kupferstiche aus der Zeit der großen Reisen zu betrachten.

Als Nächstes wird der Frage nachgegangen, inwieweit die Pariser Weltausstellung von 1889 dazu beigetragen haben mag, daß Gauguin zwei Jahre später Frau und Kinder zurückließ, um sich nach Tahiti aufzumachen.

Dann ein Raum, wo es gleich mehrere Gemälde von Gauguin gibt, darunter das aus Berlin bekannte „Tahitianische Fischerinnen“ (1891), mehrere Leihgaben aus Kopenhagen sowie je eine aus Dresden und dem Musée d'Orsay in Paris: Gauguin auf dem Höhepunkt seiner Ausdruckskraft und stilistischen Eigenständigkeit. Die Begleittexte geben sich redlich Mühe, an Gauguin zu kratzen, doch ob der Betrachter sich gezwungen sieht, deshalb die Bilder für weniger gelungen zu halten, bleibt letztlich ihm selbst überlassen.

Es folgen vier Räume mit zeitgenössischen Stimmen, die sich hauptsächlich der kritischen Betrachtung Gauguins als Individuum und Vertreter des europäischen Kolonialismus widmen. Nur soviel sei festgestellt: Gemälde sind dort nicht zu sehen.

Ein weiterer Raum befaßt sich unter „Grauzonen Gauguins“ mit dessen Selbstmythisierung sowie seiner ambivalenten Haltung als Kritiker und Nutznießer der französischen Kolonialherrschaft über Tahiti. Zu sehen sind mehrere Holzschnitte sowie ein weiterer „typischer“ Gauguin, die „Frau mit Blumen“ (1891, Leihgabe aus Kopenhagen).

Der letzte Raum ist noch einmal reich ausgestattet und für den Schreiberling besonders interessant, da hier eher unbekannte Seiten des Künstlers gezeigt werden, darunter eine Reihe von Keramiken aus den Jahren 1886-88, bei welchen er sich durch seine Reisen nach Panama und Martinique inspirieren ließ, sowie bemalte Eichenholzreliefs.

Vor allem aber nochmal einige sehr sehenswerte Gemälde, sämtlich Leihgaben aus Dänemark. Das „Segelschiff im Mondschein“ (1878) ist ein Frühwerk, welches an Seestücke Gustave Courbets oder Jules Duprés erinnert. Dann die lichte „Küstenlandschaft auf Martinique“ (1887), in welchem die impressionistischen Wurzeln Gauguins noch klar zu erkennen sind; auch das späte „Blumenstilleben mit Katze“ (1899) sollte man gesehen haben.

Fazit: Wie es gerade eben angesagt ist, zielen die Macher (zu Recht oder Unrecht) zumindest teilweise darauf ab, dem Kunstfreund den Blick auf die Bilder durch den erhobenen Zeigefinger zu schmälern. Ob er sich darauf einläßt oder nicht, ist jedoch seine eigene Entscheidung. Die Bilder selbst ändern sich dadurch nicht.

Das Ticket für die Alte Nationalgalerie einschließlich der Sonderausstellung kostet 12,-, ermäßigt 6,- Euro. Personen unter 18 Jahren haben freien Eintritt. Alte Nationalgalerie, Bodestraße, 10178 Berlin. Geöffnet hat das Haus von Dienstag bis Sonntag, 10-18 Uhr. Der Montag ist Schließtag.

 

Verweise:

https://www.smb.museum/ausstellungen/detail/paul-gauguin-why-are-you-angry/
https://www.kongernessamling.dk/de/amalienborg/object/dansescene-fra-tahiti/

Ein bißchen Gauguin: Sonderausstellung in der Alten Nationalgalerie https://art-depesche.de/images/2022/0515/Paul_Gauguin_Kuestenlandschaft_auf_Martinique.jpg Ruedi Strese