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Léon Spilliaert „Der Schwindel“ (Mischtechnik auf Papier, 1908, 64 cm x 48 cm, Kunstmuseum aan Zee, Ostende)

Berlin – Bisher ist der Name des belgischen Symbolisten Léon Spilliaert auf unserer Seite lediglich ein einziges Mal aufgetaucht, und zwar, als wir über eine Ausstellung belgischer Symbolisten in der Alten Nationalgalerie berichteten. Angesichts der Bedeutung dieses faszinierenden Schöpfers morbider Bildkunst eine Schieflage, welche wir mit diesem Beitrag über sein Leben und Werk etwas korrigieren möchten.

1881 wurde er im belgischen Ostende geboren; im selbe Jahr erblickten u.a. auch Max Pechstein, Alexander Kanoldt und Pablo Picasso das Licht der Welt. Der Vater war als Hersteller von Duftwässerchen Hoflieferant des belgischen Königs Leopold II., wodurch die Familie zu einigem Wohlstand gelangte.

Léon war ein kränklicher, schwacher und melancholischer Junge, der sich indes früh für die Zeichenkunst interessierte. Von 1899 bis 1900 besuchte er kurz die Kunstakademie in Brügge, verließ diese aber bald wieder und kann somit im Wesentlichen als Autodidakt gelten.

Im gleichen Jahr besuchte er die Weltausstellung in Paris. Der Symbolismus des „fin de siècle“ war bereits eine anerkannte Kunstrichtung, und Spilliaert lernte dort die Arbeiten bedeutender Künstler kennen, welche mit diesem in Verbindung gebracht werden können, darunter Giovanni Segantini, Ferdinand Hodler, Jan Toorop, Aubrey Beardsley, Walter Crane oder Gustav Klimt kennen, wodurch wohl auch seine eigene Richtung vorgezeichnet war.

Von 1902 bis 1904 arbeitete er in Brüssel als Illustrator für Edmond Deman, einen Verleger symbolistischer Literatur. Besonders faszinierten Spilliaert die Werke Edgar Allen Poes. Durch ein Empfehlungsschreiben Demans kam er in Paris mit dem belgischen Dichter Émile Verhaeren in Verbindung, woraus sich eine enge Freundschaft ergab. Sein Versuch, in Paris Fuß zu fassen, scheiterte jedoch; noch im selben Jahr kehrte er angesichts seiner finanziellen Misere nach Ostende zurück.

Bevorzugtes Thema der frühen Werke Spilliaerts waren melancholische Selbstporträts, doch bald versuchte er sich an Figuren, Landschaften, nächtlichen Stadtansichten. Er arbeitete gerne in Mischtechnik mit Wasserfarben, Gouache, Kohle und Pastellen auf Papier, ließ Flächen gegeneinander stehen, stilisierte stark.

Thema seines Symbolismus ist das innere Erleben, die Einsamkeit. Alles wirkt verloren, beklemmend, geisterhaft. Das Zusammentreffen aus Minimalismus, extremen Perspektiven, klarer Linienführung und rätselhafter Atmosphäre finden wir später in eigener Weise bei Giorgio de Chirico.

1908 hatte Spilliaert selbst noch nicht an eine Ausstellung gedacht, doch brachte die Ostender Zeitung „Le Carillon“ einen Bericht, und im Folgejahr ging es dann auch mit den Ausstellungen in Ostende und Brüssel los, später waren seine Bilder auch in Paris zu sehen. Mit Beginn des Weltkrieges 1914 wurde er zur Bürgerwehr eingezogen; diese wurde jedoch bald aufgelöst.

1916 heiratete er und lebte mit seiner Familie von 1917-22 in Brüssel, anschließend wieder in Ostende. Er war nun ein weithin anerkannter Künstler. Dank eines Reisestipendiums des belgischen Staates bereiste er mit seiner Tochter Madeleine 1932 Italien, die Schweiz und Österreich.

1935 ging die Familie wieder nach Brüssel, um der Tochter das Studium am Königlichen Konservatorium zu ermöglichen. Eine große Retrospektive gab 1944 das „Palais der schönen Künste“ in Brüssel, und 1946 starb Spilliaert. Mit seinen Bildern hat er eine eigene Ästhetik begründet, und manche seiner Arbeiten, etwa „Der Schwindel“ (1908) haben geradezu ikonischen Charakter bekommen.

 

Verweise:

https://art-depesche.de/malerei/684-von-der-dunkelheit-gefesselt-symbolisten-in-der-alten-nationalgalerie.html
http://www.artnet.de/künstler/léon-spilliaert/
https://artinwords.de/leon-spilliaert/
https://www.royalacademy.org.uk/exhibition/leon-spilliaert
https://www.fine-arts-museum.be/fr/la-collection/artist/spilliaert-leon-1?letter=s
https://www.musee-orsay.fr/fr/collections/recherche?search=spilliaert&sort_by=search_api_relevance&items_per_page=15&search_type=simple_search&display_type=grid

Léon Spilliaert: Geisterhaftes Dämmerlicht https://art-depesche.de/images/2022/0716/Leon_Spilliaert-De_Duizeling.jpg Ruedi Strese