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Ubaldo Oppi „Das sentimentale junge Mädchen“ (Öl auf Masonit, 1920-22, 50 cm x 64 cm, Museo d’arte moderna e contemporanea di Trento e Rovereto)

Berlin – Der magische Realismus ist eine Strömung in der Malerei, welche sich gerne minimalistischer Mittel und alltäglicher Motive bedient, und es dennoch schafft, eine dem Surrealismus ähnliche, seltsame Atmosphäre zu erschaffen. In Deutschland waren Georg Schrimpf, Franz Radziwill und Alexander Kanoldt seine wohl bedeutendsten Vertreter, doch auch in Italien bekam das Phänomen ein Eigenleben. Vorstellen möchten wir unseren Lesern heute Ubaldo Oppi.

Zur Welt kam unser Mann 1889 in Bologna als Sohn eines Schuhhändlers, welcher vier Jahre später samt seiner Familie nach Vicenza zog. Für Sohn Ubaldo hatte er vorgesehen, daß dieser ebenfalls das Schuhgeschäft zu verfolgen habe, und so sollte dieser zum Erlernen dessen in den deutschsprachigen Raum gehen.

Ubaldo ging, doch entschied sich, angezogen von der Wiener Secession, in Wien zu bleiben, und dort für einige Zeit bei dem Symbolisten Gustav Klimt die Malerei zu erlernen. Anschließend bereiste er Deutschland und Rußland. Nach seiner Rückkehr nach Italien und Niederlassung in Venedig wurde er gleich für ein Jahr ins Militär eingezogen und diente an der Adriaküste.

Daraufhin begab er sich nach Paris, wo er sich durch Vermittlung Gino Severinis in avantgardistischen Künstlerkreisen herumtrieb und eine Affäre mit Fernande Olivier, welche bereits durch die Hände Pablo Picassos gegangen war, begann. Letzteren, sowie Amedeo Modgliani, lernte er ebenfalls kennen, und im Louvre setzte er sich mit der italienischen Malerei des 15. Jahrhunderts auseinander. Wegen seiner außerordentlichen Schönheit soll er den Beinamen Antinoos erhalten haben.

Er begann mit einer Serie von Akten in der Landschaft, wobei eine harmonische und idealisierte Beziehung zwischen Mensch und Natur im Vordergrund stand. Später entwickelte er einen unwirklichen, melancholischen Stil, in dem er die Einsamkeit der Menschen thematisierte. Die Figuren wirken blutarm, unglücklich, das kühle Licht setzt eine kontrastierende Härte, welche die Atmosphäre noch steigert.

1913 konnte er gemeinsam mit anderen italienischen Modernen wie Gino Rossi an einer bedeutenden Ausstellung im Palast „Cà Pesaro“ in Venedig teilnehmen. Im Ersten Weltkrieg diente er als Leutnant im Alpenregiment, wobei etliche Zeichnungen und Aquarelle entstanden, welche oft das Elend armer Leute zum Thema haben. Er wurde vierfach verwundet und geriet in österreichische Kriegsgefangenschaft.

Nach dem Krieg ging er wieder nach Paris und beteiligte sich 1921 an einer Ausstellung des Salons der Unabhängigen. Als 1922 in Mailand von Achille Funi, Mario Sironi, Emilio Malerba, Leonardo Dudreville, Anselmo Bucci und Pietro Marussig die Künstlergruppe „Novecento Italiano“ gegründet wurde, war auch Oppi mit von der Partie.

Unterstützung fand die Gruppe vor allem durch die einer prominenten jüdischen Familie entstammende Margherita Sarfatti, welche nicht nur eine prominente Journalistin und Kunstkritikerin war, sondern auch Geliebte Mussolinis und Beraterin seiner aufsteigenden Faschistischen Partei.

Die heutige Kritik an dieser Parteinahme kann nicht bestreiten, daß Novecento eine Sammlungsbewegung bedeutender italienischer Künstler war (der noch zahlreiche weitere Berühmtheiten wie Carlo Carrà, Giorgio de Chirico, Giacomo Balla, Achille Lega oder Gini Severini beitraten): Im Gegensatz zur späteren Kampagne gegen „entartete Kunst“ in NS-Deutschland, bekämpfte Mussolinis Italien die moderne Kunst nicht, sondern umarmte sie zu eigenen Zwecken, sah es sich doch selbst als Avantgarde der Moderne.

Ob dies zum Vorteil der Kunst als solcher war, sei dahingestellt, zumindest war die Freiheit weit größer als im späteren Deutschland oder in der Sowjetunion. Allerdings ist auch zu erwähnen, daß Oppi nach einigen Jahren die Gruppe verließ, sich bereits 1926 nicht mehr an ihren Ausstellungen beteiligte.

Mit seinen Ausstellungsbeteiligungen, etwa an der Biennale in Venedig 1924, später in Dresden, Wien und Monaco, war er durchaus erfolgreich. Spätestens 1926 wandte er sich dann dem Katholizismus zu und verarbeitete zusehends religiöse Themen, schuf verschiedene Altarstücke und Kirchenfresken für die Basilika des Heiligen Antonius in Padua sowie die Kirche in Bolzano Vicentino.

Im Zweiten Weltkrieg diente er wieder bei den Alpentruppen, diesmal als Oberstleutnant. Er starb 1942 in Vicenza. Vor allem in seinen traurig-verzauberten Arbeiten der frühen 20er Jahre mit ihren Renaissancebezügen hat Oppi sich einen bedeutenden Platz in der italienischen Moderne verdient.

 

Verweise:

https://www.vicenzae.org/de/nachrichten/645-the-new-twenties-woman-in-the-art-of-ubaldo-oppi-de
https://www.dorotheum.com/de/k/ubaldo-oppi/
https://www.mutualart.com/Artist/Ubaldo-Oppi/9C43972866DC8697

Ubaldo Oppi: ein magischer Realist aus Italien https://art-depesche.de/images/2022/0812/Ubaldo_Oppi_Das_sentimentale_junge_Maedchen.jpg Ruedi Strese