static-aside-menu-toggler
gkSearch
Stanisław Ignacy Witkiewicz „Selbstporträt mit Äpfeln“ (Öl auf Leinwand, 1919, 60 cm x 79 cm, Nationalmuseum Warschau)

Berlin – Eine Schlüsselfigur der künstlerischen Moderne Polens und ein wahrer „Hansdampf in allen Gassen“ war der heutige Kandidat unserer biografischen Reihe. Bekannt ist er vor allem als Schriftsteller, doch auch als Fotograf und Philosoph trat er in Erscheinung, außerdem als Maler – um diesen Aspekt soll es hier, neben den Lebensdaten, vorrangig gehen.

Geboren wurde er 1885 in Warschau, damals dem Russischen Zarenreich zugehörig. Sein Vater war der Maler, Architekt und Kunstkritiker Stanisław Witkiewicz, die Mutter, Maria Pietrzkiewicz Witkiewiczowa, war Musikerin. Er wuchs in Zakopane auf, damals im österreichischen Herrschaftsgebiet.

Der Vater stand dem offiziellen Lehrbetrieb ablehnend gegenüber, so daß er ihm daheim Unterricht erteilte, mit dem Schwerpunkt auf verschiedenen Bereichen kreativer Tätigkeit. Dennoch schaffte er es, ein anerkanntes Abitur abzulegen.

Ungeachtet des väterlichen Mißvergnügens schrieb er sich an der Kunstakademie in Krakau ein, wo er Unterricht von Józef Mehoffer und Jan Stanisławski erhielt. Stark beeinflußt wurde er von der modernistischen Bewegung „Junges Polen“, und eine enge Freundschaft pflegte er mit dem Komponisten Karol Szymanowski. Eine romantische Verbindung hatte er mit der Malerin Zofia Romer, welche er seit Kindheitstagen kannte, und mit der Schauspielerin Irena Solska eine stürmische Affäre.

Als seine Verlobte Jadwiga Janczewska 1914 den Freitod wählte und er sich deshalb große Vorwürfe machte, lud sein Jugendfreund Bronisław Malinowski ihn ein, ihn als Fotograf und Zeichner über Ceylon und Australien auf eine anthropologische Expedition nach Papua zu begleiten. Die Reise endete wegen des Ausbruchs des Weltkrieges, und der russische Staatsbürger Witkiewicz folgte dem Ruf nach Petersburg in die zaristische Truppe, sehr zum Leid seines polnisch-patriotischen gesinnten Vaters, der bald starb, ohne den Sohn noch einmal getroffen zu haben.

Nach seiner Dienstzeit, wobei er 1916 schwer verwundet wurde, konzentrierte Witkiewicz sich auf die Kunst. Schließlich kehrte er nach Zakopane in Polen zurück und gab sich den Künstlernamen Witkacy, schrieb zahlreiche ins Absurde tendierende Theaterstücke. 1919 verfaßte er seine bedeutendste kunsttheoretische Schrift, „Neue Formen der Malerei und die daraus resultierenden Mißverständnisse“.

1922 heiratete er Jadwiga von Unrug, Enkelin des Malers Juliusz Kossak. Sie lebte jedoch größtenteils in Warschau, während er in Zakopane blieb, wo er sich sein Einkommen mit der Porträtmalerei sicherte. Bei deren Schöpfung nahm er gerne diverse Drogen, die jeweilige Substanz vermerkte er anhand der chemischen Formel auf den Werken. Manchmal war es jedoch auch lediglich Koffein.

Dabei war die stilistische Breite enorm, von eher repräsentativ-realistischen Arbeiten über expressive bis zu vollkommen absonderlich-psychedelischen Werken. Erwähnenswert auch die wechselnden Signaturen. Je nach Laune schrieb er sich Witkac, Witkatze, Witkacjusz, Vitkacius oder, französierend, Vitecasse. Kommerziell war er damit durchaus erfolgreich.

In den späten 20er Jahren wandte er sich mehr der Schreibarbeit zu. Neben Romanen entstanden Schriften über Geopolitik, psychoaktive Substanzen und Philosophie. Nachdem 1939 die deutschen Truppen in Polen einmarschierten, meldete er sich freiwillig zur Verteidigung, wurde jedoch wegen seines Alters und seines schlechten Gesundheitszustandes abgelehnt.

Mit seiner Geliebten Czesława Oknińska floh er nach Ostpolen, doch tötete sich angesichts der einrückenden sowjetischen Truppen selbst. Oknińska überlebte ihren Suizidversuch. Der Verbleib seiner Überreste ist nicht bekannt; ein 1988 als Witkacjusz nach Zakopane überführter Leichnam erwies sich als unbekannte ukrainische Frau.

 

Verweise:

https://culture.pl/en/artist/stanislaw-ignacy-witkiewicz-witkacy
http://berinson.de/exhibitions/witkiewicz/
https://culture.pl/en/interrupted-country/witkacys-madness-the-lost-manuscript-of-a-total-artist

Porträtist im Rausch: Stanisław Ignacy Witkiewicz https://art-depesche.de/images/2022/0813/Stanisaw_Ignacy_Witkiewicz_Selbstportraet_mit_Aepfeln.jpg Ruedi Strese