Wilhelm Kotarbiński „Grab eines Selbstmörders“ (Öl auf Leinwand, ca. 1900, 212 cm x 142 cm, Nationalmuseum in Krakau)

Berlin – Er war sicher einer der bedeutendsten Künstler des Symbolismus in Osteuropa, und wird von Polen wie der Ukraine für die nationale Kunstgeschichte beansprucht. Sein Schaffen kann durchaus mit jenem Arnold Böcklins verglichen werden, gerade deshalb, weil sein Hintergrund in der akademischen Historienmalerei zu sehen ist.

Geboren wurde Wilhelm Kotarbiński, der im russisch-ukrainischen Sprachraum als Wassili Alexandrowitsch Kotarbinski bekannt ist, 1848 in Nieborów, damals Kongreßpolen und zum Russischen Zarenreich gehörend, heute in der Woiwodschaft Łódź. Vater Alexander kam aus verarmtem polnischem Adel; die Mutter war deutscher Abkunft. Sein Cousin Miłosz Kotarbiński (1854-1944) machte sich ebenfalls als Maler einen Namen.

Von 1867 bis 1871 besuchte er in Warschau die Zeichenklasse von Rafał Hadziewicz, und von 1872 bis 1875 studierte er an der Accademia di San Luca in Rom bei dem romantischen Maler Francesco Podesti. Er lebte dort allerdings in bitterer Armut und wäre beinahe dem Typhus erlegen.

Nach seinem Abschluß besserte sich die Lage, er erhielt finanzielle Unterstützung und war in der Lage, sein eigenes Atelier in Rom zu eröffnen. Er hatte bald seine erste Einzelausstellung und gab selbst Zeichenkurse. Der Kunstkritiker Wladimir Stassow beauftragte ihn mit der Kopie eines Manuskriptes aus den Vatikanischen Museen, und bald kamen weitere zahlkräftige Auftraggeber.

1888 ging er nach Polen zurück, nahm dann seinen Wohnsitz auf seinem Gut Kalsk (Kulsk) im Gouvernement Minsk und hielt sich zudem, zuerst auf Einladung seines Freundes Pawel Swedomski, oft in Kiew auf, wo er auch ein Atelier hatte.

Er erhielt zahlreiche Aufträge für die Ausmalung lokaler Kirchen, wobei sein bedeutendster Auftrag die Ausmalung der orthodoxen Wladimirkathedrale in Kiew war, an deren Fresken er, obgleich selbst Katholik, von 1889 bis 1894 gemeinsam mit namhaften russischen und ukrainischen Künstlern, darunter Wiktor Wasnezow, arbeitete. Auch schuf er Wandmalereien für private Wohnungen.

1890 trat er der Vereinigung südrussischer Künstler bei, und in Kiew wurde er 1893, neben Jan Stanisławski und anderen, Mitgründer der Gesellschaft der Kiewer Künstler. In seinen Gemälden befaßte er sich mit antiken und biblischen Themen, welche er in oft mystischer und symbolisch aufgeladener Weise auf die Leinwand brachte, wobei die meisterliche Technik den akademischen Hintergrund verrät; gleichzeitig scheute er sich nicht, moderne Stilelemente aufzunehmen, wo es ihm passend schien.

Sein bekanntestes Gemälde, das „Grab eines Selbstmörders“ entstand etwa 1900 und ist in zwei Versionen überliefert, wobei sich eine (unser Titelbild) im Nationalmuseum in Krakau, die andere im Nationalmuseum in Warschau befindet. Kotarbiński starb 1921 in Kiew und wurde auf dem Baikowe-Friedhof, dem wichtigsten Gottesacker der Stadt, beigesetzt.

 

Verweise:

https://www.artrenewal.org/artists/wilhelm-kotarbinski/7881
http://www.artnet.de/künstler/wilhelm-kotarbinski/
https://gallerix.ru/album/Kotarbinsky
https://antikvar.ua/vilgelm-kotarbinskij/
https://zbiory.mnk.pl/en/search-result/advance/catalog/100752

Aus dem polnischen Symbolismus: Wilhelm Kotarbiński https://art-depesche.de/images/2022/0909/Wilhelm_Kotarbinski_-_Grab_eines_Selbstmoerders.jpg Ruedi Strese
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