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Georgiana Houghton „The Love of God“ (Aquarell und Gouache auf Papier)

Berlin – Das mittlere 19. Jahrhunderts war die Zeit, in welcher der moderne Spiritismus aufkam. Dieser hatte zeitweise zahlreiche prominente Anhänger, unter welchen Arthur Conan Doyle und G. K. Chesterton genannt seien. Eine englische Malerin namens Georgiana Houghton ließ sich in ihrem Schaffen in besonderer Weise von jener Lehre inspirieren, und verfolgte bereits um 1850 einen stark in die Abstraktion gehenden Ansatz, der viele Jahre später Kandinsky zu Berühmtheit verhalf.

Zur Welt kam unsere Heldin 1814 als siebentes Kind einer englischen Händlerfamilie auf der Kanareninsel La Palma, wuchs jedoch in England auf. 1851 starb eine Schwester, und da sie mit dieser ein inniges Verhältnis gehabt und den Kontakt halten wollte, kam sie zum in jener Zeit im viktorianischen England zur Blüte gelangten Spiritismus.

Um 1859 schuf sie in privaten Séancen ihre ersten abstrakten Aquarelle, welche sie als „Geisterzeichnungen“ verstand, bei deren Entstehung sie sich lediglich als Medium sah und in einem intuitiven Automatismus vorging, ähnlich der literarischen Praxis der „Écriture automatique“, wie sie später die Surrealisten betrieben. Bei einer Reihe ihrer Bilder gab sie zudem an, von Künstlern der Renaissance spirituell geführt zu werden.

1871 organisierte und finanzierte sie auf eigene Faust eine Ausstellung von 155 ihrer Werke in der New British Gallery. Die Kritik war vollkommen perplex, es ging von „erstaunlich“ bis zum „außergewöhnlichsten und lehrreichsten Beispiel künstlerischer Verirrung“. Kommerziell geriet es zum Desaster, Houghton war beinahe bankrott.

Sie malte zwar weiter, doch auch später konnte sie nie Popularität erlangen. Nach dem Tod der Eltern wandte sie sich zudem der „Geisterfotografie“ zu, versuchte diese vorgeblichen Fotografien von Geistererscheinungen zu verbreiten und publizierte auch ein Buch zum Thema, wiederum ohne sonderlichen Erfolg. Sie starb 1884 mittellos in London und wurde im westlichen Teil des Highgate Cemetery beigesetzt.

Georgiana Houghton verfolgte einen bis dato wohl beispiellosen, weitgehend abstrakten Stil, der von ungewöhnlich präziser, ja perfekter, komplexer Linienführung bestimmt wird, wobei rote, gelbe, blaue und grüne Farbtöne bisweilen dominieren, in anderen Bildern den Hintergrund weißer Linien abgeben.

Sie war damit eine (unerkannte) Vorläuferin von Surrealismus und Abstraktion wie naiver Malerei, und nicht selten erinnern die Bilder an Schöpfungen der Psychedelic-Bewegung der 1960er Jahre. Sie verstand, aus ihrer esoterischen Weltsicht heraus, ihr Schaffen nicht als kreativen Prozeß, sondern als eine Art des Kontaktes mit Gott.

Das Werk der Künstlerin ist zu weiten Teilen verschollen und war lange in Vergessenheit geraten, doch 2015 konnten bei einer Ausstellung im Monash University Museum of Art im australischen Melbourne 25 ihrer 50 noch bekannten Aquarelle präsentiert werden, die eine gewisse Aufmerksamkeit erzielten; es folgte im Jahr darauf eine größere Schau im Londoner Courtauld Institute of Art, welche Georgiana Houghton auch für Europa dem Vergessen entriß.

Zum Schluß sei angemerkt, daß es eine weitere mit dem Spiritismus verbundene Pionierin der abstrakten Malerei gab, und zwar die Schwedin Hilma af Klint (1862-1944), und auch der weit bekanntere Wassily Kandinsky (1866-1944) war Anhänger okkulter bzw. esoterischer Lehren, in seinem Fall vor allem der Anthroposophie Rudolf Steiners.

 

Verweise:

https://courtauld.ac.uk/gallery/exhibitions/georgiana-houghton-spirit-drawings/
https://www.theguardian.com/artanddesign/2016/may/05/spiritualist-artist-georgiana-houghton-uk-exhibition-courtauld

Georgiana Houghton: Malerin des Spiritismus https://art-depesche.de/images/2022/1031/Georgiana_Houghton_-_The_Love_of_God.jpg Ruedi Strese