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Berlin - Ein feister alter Sack mit weißem Mantel und feuerrotem Rauschebart – der Weihnachtsmann.

Im Grunde ein atheistischer Lurch, seinen Erfolg hat er der Zeit zu verdanken. Er mußte gar nicht viel mehr tun, als die Dinge einfach geschehen zu lassen. So wurde er immer feister und schaffte es schließlich, der Welt gänzlich die Sicht auf das hinter seinem Rücken darbende Christkind zu versperren. Nicht, daß die Welt sich darüber beschwert hätte, es geschah in gegenseitigem Einverständnis, so, wie ich die Hecke zum Nachbargarten links habe hochwachsen lassen, um den aufgequollenen Nachbarn nicht sehen zu müssen. Die Hecke rechts habe ich natürlich regelmäßig geschnitten, dort lebt eine nette junge Braut – nun war sie allerdings beim Friseur und trägt einen modischen Kurzhaarschnitt – vielleicht lasse ich diese Hecke im nächsten Jahr ebenfalls wachsen, wenn es sich bis dahin nicht wieder ändert. So ist es mit vielen Dingen, wir lassen sie eben geschehen, oder nicht.
Der Weihnachtsmann also konnte zu höchster Macht kommen, einfach durch unser Nichtstun. Das ist nicht einmal ein Vorwurf, lediglich eine Feststellung. Auch dieses Jahr droht er mit seinem Kommen, sein vulgär-gemütliches „Ho, ho, ho“ ist gefühlt bereits seit September zu hören, zusehends lauter. 
Vor einer Woche geschah es das erste Mal. Ich lag in meinem Bett, halbwach, als ein Nebel mich umschlich und er am Bettende stand, mir mit forderndem und leidendem Blick einen Jutesack entgegenhielt. „Die GEZ!“ war mein erster Gedanke. Doch ich war im Irrtum. „Der Sack hier muß voll werden. Damit das klar ist!“ rief er und war verschwunden.
Kurz gefaßt: das Spiel wiederholte sich Nacht für Nacht mehrfach, und der Schlafentzug zehrte an meinen Nerven, so daß ich mich gestern früh entschloß, dem Alten seinen Wunsch zu erfüllen. Zudem sagte ich mir, es ginge ja nicht darum, ihm eine Freude zu machen, sondern meinen Liebsten. Das war, ich gebe es allerdings zu, nur die schützende Larve meiner Kapitulation.
Im Ergebnis fand ich mich inmitten des vorweihnachtlichen Getummels im Einkaufszentrum wieder. Um das Unangenehme mit dem Angenehmen zu verbinden, begann ich meinen Weg im Fachgeschäft für Käse, wo eine ältere Käseverkäuferin zum Käseverkauf bereit ist.
„Brie de Meaux oder Leben!“ grüßte ich.
„Na, dann gebe ich Ihnen lieber den Brie.“
„Ich danke Ihnen!“
„Reicht Ihnen dieses Stück?“
„Ja, durchaus.“
„Wenn Sie möchten, kann ich Ihnen mein Leben natürlich trotzdem geben.“
„Ach, der Käse reicht mir schon.“
„Das macht 3,60.“
Danach ging es weiter zu einem auf Gummibärchen und ähnliches Getier spezialisierten Laden. Als kleine Aufmerksamkeit soll meine Sekretärin, die gerade diesen Text, den ich ihr diktiere, eintippt, einen aus bunten Fruchtsaftgummiwesen kunstvoll zusammengelegten und mit Rosen geschmückten Kuchen bekommen.
„Möchten Sie das für Ihre Freundin noch in so einer schicken Geschenkschachtel verpackt haben?“
„Für einen Euro mehr? So lieb habe ich sie dann doch nicht.“
Ich habe bereits zum Nikolaus meine Schuhe nicht geputzt, aus Solidarität bin ich nun selbst zu einem recht weihnachtlichen Stinkstiefel geworden.
Ob der Sack nun endlich voll ist? Für mich ein Stück Käse, ein paar Gummitiere für die Frau Sekretärin, welche nun leider zu früh weiß, was sie bekommen wird. 
„Vergessen Sie das bitte, was Sie hier gerade eintippen, Frau Meiér.“
„Jawoll, Herr Stresé.“
„Sie sind schnippisch.“
„Ich tue nur meine Pflicht.“
Ach, das würde wohl leider kaum reichen, dachte ich. Was möchten die Kinder? Hier kann man schon etwas kreativer sein, was ein Euphemismus dafür ist, etwas zu kaufen, was den Beschenkten zu mehr Kreativität animieren soll. 
Im Künstlerbedarf findet sich alles, was zu diesem Zweck geeignet. Pinsel, Ölfarben, eine Staffelei, Holzrahmen. Das schien mir ausreichend, wirklich eine ganze Menge. Der Rest der Familie bekommt ja seit Jahren nur noch Kleinigkeiten - exquisiten Tee, einen brauchbaren Wein. Nur die Kinder sind wichtig, und das war ja damit abgehakt.
Endlich, so dachte ich, könnte ich ruhig schlafen. Mitten in der Nacht letzten aber hörte ich ein Räuspern im Schlafzimmer. Wieder stand der Weihnachtsmann vor meinem Bett.
„Der Sack ist aber noch nicht voll!“ brummte er mich an.
„Wie, nicht voll?“
„Da ist noch eine Menge Luft drin, meine ich.“
„Wirst du dieses Jahr Schnee mitbringen?“ fragte ich ihn.
„Sag mal, willst du mich auf den Arm nehmen?“
Dann werde ich mich wohl selbst darum kümmern müssen. Den ganzen Vormittag bin ich bereits damit beschäftigt, in meinem Büro Styroporverpackungen zu zerbröseln und in kleine Päckchen zu füllen. Für Mama, für Papa, für meine Schwester, den städtischen Rödelverein und – schreiben Sie das bitte mit – für Frau Meiér.

Die hohe Kunst des Weihnachtseinkaufs https://art-depesche.de/images/IMG_2046_1024px.jpg Ruedi Strese